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Analyse: Das modellierte Kind

Erst lockt ein Sarrazin das halbe Land auf den Irrweg. Nun löst „Tigermutter“ Amy Chua eine bizarre Erziehungsdebatte aus. Sind wir noch zu retten?

Einen Verdächtigen leicht bekleidet bei minus sechs Grad vor die Tür schicken, ihm Nahrung und den Gang zur Toilette verweigern, bis er singt – wer dergleichen als deutscher Polizist praktizierte, hätte ein größeres juristisches Problem. Die Jura-Professorin Amy Chua brachte ihre Tochter auf diese Weise zwar nicht zum Singen, aber zum „richtigen“ Klavierspielen und sich auf die Bestsellerlisten. Unter dem Titel „Die Mutter des Erfolgs“ auf Deutsch erschienen, wird der Erfahrungsbericht der chinesischstämmigen Amerikanerin auch hierzulande heiß diskutiert. Doch die Differenz zwischen „chinesischer“ und „westlicher“ Erziehung interessiert mich eher am Rande. Mehr bewegt mich die Frage: Sind wir noch zu retten?

Da mokieren sich wohlsituierte Bürger über das schreckliche „Dschungelcamp“ für angeblich bildungsferne Schichten. Aber die intellektuelle Debatte springt am liebsten auf Thesen, mindestens so schrill wie die Kleidung seines Moderators Dirk Bach. Maß und Mitte? Fehlanzeige.

Über Ausländerpolitik wird massenhaft erst geredet, sobald einer behauptet, Deutschland schaffe sich ab, wenn es mit den Türken so weitergehe. Und nun hebt ein Schwadronieren über die angebliche Überlegenheit „asiatischer“ Pädagogik an, als habe es nicht auch hier bis in die 1960er Jahre den Erziehungsgrundsatz gegeben, dass der Wille eines Kindes, selbstverständlich zu seinem Nutzen, gebrochen werden müsse. Amy Chua schlägt ihre Kinder nicht. Stimmt. Das berüchtigte „Waterboarding“, die Folter des simulierten Ertränkens, kommt auch ohne Prügel aus.

Sorry, meine zornige Antwort auf die „Tigermutter“ (so ihr Markenname in den USA) zeigt, wohin es führt, wenn man sich einem Thema über die Extreme nähert. Zwischentöne? Igitt! Das musste auch erfahren, wer in der vorigen Aufregerdebatte Thilo Sarrazin widersprach. Von bürgerlichem Benehmen war in vielen Reaktionen wenig zu spüren.
Reden wir nicht von den Methoden, reden wir vom Konzept der Amy Chua. Das ist moderner als ihr chinesischer (oder doch wilhelminischer?) Drill. Es passt zu einem Begriff, den der dänische Erziehungsberater Jesper Juul geprägt hat: „Projektkind“. Dessen Eltern haben genaue Vorstellungen von der Entwicklung ihres Sprösslings und seinem künftigen Platz im Leben. Projektkinder seien „Bonsaibäume“, schreibt Juul, „über deren Wachstum der Besitzer die Macht übernommen hat“. Anders formuliert: Die Eltern modellieren ihre Kinder nach ihrem (Eben-)Bild.

Überraschungen sind nicht vorgesehen

Mich erinnert dies Konzept an „Sexy Cora“. Die junge Frau machte Schlagzeilen, weil sie bei der x-ten Operation starb, die ihren Körper in die gewünschte Fasson bringen sollte. Selbstverwirklichung, Stufe II, diesmal in Gestalt der Nachkommen. Wie wohl ein behindertes Kind in diese schön geplante Welt passt? Überraschungen sind nicht vorgesehen. Kindliche Leistungen gelten nur, wenn sie quantifizierbar als Schulnote oder Tabellenstand daherkommen. Sport ist nur erlaubt, wenn eine Goldmedaille herausspringt. Schultheater dagegen ist tabu, Klavierspiel gut, Schlagzeug mündet „automatisch in Drogen“.

Doch derlei kruder Blödsinn passt bestens in die bildungspolitische Debatte hierzulande. Nicht bloß, weil in einigen Bundesländern über die Abschaffung des Kunstunterrichts nachgedacht wird. Ein Grundzug der aktuellen Entwicklung, die mit den Namen „Pisa“ und „Bologna“ verbunden ist, liegt im Hang zu (immer mehr) Prüfungen, die dem zweifelhaften Ideal der Vergleichbarkeit durch Quantifizierung huldigen. Fragebögen mit vier Alternativen zur Auswahl als Bildungsideal? Günther Jauch statt Wilhelm von Humboldt – was für ein Fortschritt!

Doch der Fernsehmoderator ist als Bürger wenigstens gesellschaftlich engagiert. „Tigerkinder“ dagegen werden auf Egoismus optimiert: Ich will die Eins! Soziale Verantwortung? Nicht quantifizierbar. Lebte sie in Hamburg, Amy Chua hätte gewiss das Volksbegehren gegen die dortige Schulreform unterstützt, die durch längeres gemeinsames Lernen aller Schüler die Schwächeren fördern wollte. Die erfolgreichen Gegner aber sahen das Gymnasium als klassischen Hort des bildungsbeflissenen Bürgertums gefährdet. Die meisten Stimmen bekam die Initiative in den noblen Elbvororten. Doch ihr Erfolg wäre nicht möglich gewesen, hätten sich nicht auch nur knapp besser verdienende Eltern angesprochen gefühlt. Die vielzitierte Verunsicherung der Mittelschicht – auch hier!

Der errungene Platz im Leben erscheint nicht mehr sicher, der weitere Aufstieg der Kinder erst recht nicht. In dieser neuen Unübersichtlichkeit kommen vermeintliche Patentrezepte gerade recht. Ob die Statusunsicherheit aber gebannt werden kann, wenn Horden erfolgshungriger „Tigerkinder“ aufeinander losgehen? „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, lautet ein berühmter Satz aus dem Urschleim „westlicher“ Philosophie. Der „kategorische Imperativ“. Leider taugt Immanuel Kant heute nicht zum Bestsellerautor.

Autor:  Thomas Kröter
Datum:  9 | 2 | 2011
Kommentare:  31
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