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25. Januar 2013

Leitartikel zum Fall Brüderle: Ein Sexist wird besichtigt

 Von Christian Bommarius
Die FDP stellt sich fast geschlossen hinter Brüderle. Foto: dpa

Eine Journalistin muss sich von einem Politiker sexistische Zoten anhören. Die Nachbesprechung des Falls ist allerdings keine Analyse der sexistischen Politik, sie zeigt vielmehr den Politiker als Sexisten.

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Eine Journalistin muss sich von einem Politiker sexistische Zoten anhören. Die Nachbesprechung des Falls ist allerdings keine Analyse der sexistischen Politik, sie zeigt vielmehr den Politiker als Sexisten.

Man könnte über Sexismus reden. Man könnte sich darüber Gedanken machen, warum in Zeiten, in denen die Porno-Industrie boomt und der Handel mit Zwangsprostituierten blüht, die Zote im Gespräch älterer deutscher Herren einfach nicht aussterben will. Man könnte die Frage stellen, ob zwischen der ungebrochenen Beliebtheit des gesabberten Herrenwitzes und der Popularität der Hochglanztitte in Familienillustrierten eventuell ein Zusammenhang besteht. Man könnte – mit anderen Worten – den Sexismus als Alltagsphänomen betrachten, das seine Relevanz eben daher bezieht, dass der Sexismus sich offenbar problemlos im Alltag einer Gesellschaft behauptet, die in der Werbung, in der Bewusstseinsindustrie, in der Mode etc. auf Sexualität getrimmt ist wie keine zuvor.

Das könnte man. Aber man kann es auch lassen. Warum umständlich den Sexismus betrachten, wenn ein Sexist zur Hand ist, der sich zeigen lässt. Warum einen Gedanken in Worte fassen, wo doch ein Bild genügt, von dem vor allem diejenigen behaupten, es sage mehr als 1 000 Worte, denen nicht einmal 10 000 Worte genügen würden, um etwas zu sagen.

In seiner neuesten Ausgabe behauptet der Stern, „ein Schlaglicht auf den alltäglichen Sexismus in der Politik“ zu werfen. Bekanntlich genügt ja auch der Blick auf einen arabischen Eckrentner, um die Mentalitätsgeschichte des Orients zu schreiben.

Kein Einzelfall

Das Blatt zeigt gerade nicht den Sexismus in der Politik, sondern einen Politiker als Sexisten. So hätte er schon vor einem Jahr gezeigt werden können, denn die Szene, die die Autorin des Politiker-Porträts mit Brüderle erlebte, hat sie Anfang Januar 2012 in einer Bar am Rande des Dreikönigstreffens erlebt. Schon vor einem Jahr hätte sie schreiben können, wie der offenbar betrunkene Brüderle sie zu nächtlicher Stunde in Gesellschaft von ein paar Dutzend männlichen Journalisten mit klebrigen Zoten und unverschämten Blicken bedrängte.

Dann hätte auch schon vor einem Jahr der Chefredakteur des Stern dagegen protestieren können, dass seine Autorin von Brüderle wie „Freiwild“ behandelt wurde. Doch hat der Chefredakteur es vorgezogen, das „Freiwild“ ein Jahr lang mit Brüderle durch die Republik reisen zu lassen. Jetzt, ein Jahr später, sei der Sexist Brüderle gezeigt worden, nachdem sich „der erste Eindruck“ der Autorin „im Laufe der Zeit bei weiteren Beobachtungen und Begegnungen“ bestätigt habe. Es handelt sich um Beobachtungen wie diese: „ Eine Kuh wartete im Melkstand darauf, dass ihr das Melkgeschirr angelegt wird. ’Ey, guck mal, der Euter. Der hängt ganz schön’, sagt Brüderle. ’Das ist Körbchengröße 90 L.’“ So viel zur Lage des Sexismus in Deutschland.

Rubrik Politik?

Eine Zeitschrift, die – wie der Stern – ihrem Publikum peinliche Zotengeschichten aus dem Leben eines Politikers verkauft, kann sich selbstverständlich auf die Pressefreiheit berufen, aber wenn sie – wie ebenfalls der Stern – ihrem Publikum diese Geschichten in der Rubrik „Politik“ verkauft, dann stellt sie dem politischen Journalismus den Totenschein aus. Damit steht der Stern nur an der Spitze eines Trends im Journalismus, der den Blick auf politische Probleme und gesellschaftliche Prozesse zunehmend durch den Blick in die Hose oder unter den Rock der daran beteiligten Akteure ersetzt.

Die Programmatik einer Partei, die Ursachen und Folgen einer Wirtschaftskrise, die Probleme der Risikogesellschaft etc. sind schwer zu verstehen, noch schwerer sind sie darzustellen; aber Verständnis und Darstellung sind leicht zu entbehren, wenn sich stattdessen über die Ehekrise eines Abgeordneten, die Darmprobleme seiner Geliebten, die Strahlkraft seiner lackierten Zehennägel oder über die Vitalität in seiner Unterhose schreiben lässt. Unter politischer Berichterstattung ist dann nicht länger die Unterrichtung über relevante, Staat und Gesellschaft betreffende Fragen zu verstehen und deren kritische Kommentierung, vielmehr ein Tag und Nacht lärmendes Gequassel über die stets neu zu beantwortende Frage, wer wann wen mit wem betrog.

Die Stern-Autorin des Brüderle-Porträts hat auf die Frage, warum sie erst ein Jahr nach ihrer peinlichen Begegnung mit dem FDP-Politiker davon berichtet habe, eine andere Antwort gegeben als ihr Chefredakteur. Sie sagte, mit Brüderles Aufstieg zum FDP-Spitzenkandidaten habe er eine neue Relevanz bekommen. Meint sie damit: Wer als FDP-Fraktionsvorsitzender Journalistinnen wie „Freiwild“ behandelt, ist irrelevant und darf Nachsicht erwarten, nicht so aber der Spitzenkandidat? Wohl eher meint sie und ihr Chefredakteur: Erst jetzt lohnt der Blattschuss durch das Freiwild. So macht Politik wieder Spaß.

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