Aktuell: Oscar-Verleihung | NSU-Prozess | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Terror in Paris | Ukraine

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

12. Dezember 2012

DFL verabschiedet Sicherheitskonzept : Fußball-Fans ohne Stimme

 Von Georg Leppert
"Wollt ihr das?" fragen Fans auf einem Banner, das im Leverkusener Fanblock hängt.  Foto: dpa

Die Deutsche Fußball Liga verabschiedet das umstrittene Sicherheitspapier „Sicheres Stadionerlebnis“: Die Profiklubs des Fußballs reden über ihre Anhänger, nicht mit ihnen. Das ist fatal, denn die Auseinandersetzung um die Fankultur hat erst begonnen.

Drucken per Mail

Die Deutsche Fußball Liga verabschiedet das umstrittene Sicherheitspapier „Sicheres Stadionerlebnis“: Die Profiklubs des Fußballs reden über ihre Anhänger, nicht mit ihnen. Das ist fatal, denn die Auseinandersetzung um die Fankultur hat erst begonnen.

Dieser Tage hat es in einer Sporthalle in Istanbul heftig geknallt. Fans der verfeindeten Vereine Beșiktaș und Galatasaray prügelten wie die Kesselflicker aufeinander ein. Flaschen flogen, die Polizei feuerte Tränengasgranaten ab, es gab zahlreiche Verletzte und Festnahmen. Die Sportart, um die es ging, heißt übrigens Rollstuhlbasketball.

Die Meldung aus dieser Woche macht deutlich, dass andere Länder in Sachen Sicherheit im Sport ganz andere Probleme haben als Deutschland. Verglichen mit den Zuständen in der Türkei – aber auch in Italien – sind die zur unschönen Routine gewordenen Pyro-Shows deutscher Ultras in den Fußballstadien kaum der Rede wert. Das aber soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass der deutsche Fußball ein Problem mit seinen Fans hat.

In allen Punkten haben die 36 Profivereine am Mittwoch das Sicherheitskonzept der Deutschen Fußball Liga beschlossen. Doch wer sich ein Bild von der Akzeptanz des Papiers machen wollte, brauchte nur aus den Fenstern des Hotels zu schauen, das als Tagungsort diente. Dort demonstrierten mehrere hundert Fans gegen den Maßnahmenkatalog „Sicheres Stadionerlebnis“. Für das sichere Tagungserlebnis der DFL sorgten hochgerüstete Polizisten. Ein Zusammentreffen zwischen den Oberen der Liga und den Fans sollte um jeden Preis verhindert werden. Das sagt eine Menge darüber aus, wie sehr sich das Verhältnis zwischen den Verantwortlichen im Fußball und einem großen und einflussreichen Teil der Fans in den vergangenen Wochen verschlechtert hat.

Welche Macht die Anhänger haben, zeigte sich an den vergangenen drei Spieltagen. Der Stimmungsboykott in den Stadien sorgte für eine gruselige Atmosphäre in den ersten Minuten der Partien. Dabei waren es nicht nur Ultras oder Hooligans, die aus Protest gegen das Konzept schwiegen. Ganze Fankurven blieben stumm, weil die Anhänger das Vorgehen der DFL als Affront empfinden.

Gravierende Einschnitte in die Rechte der Fans

Tatsächlich sind es mitnichten nur Selbstverständlichkeiten des Fußballs, die in dem Papier stehen, wie der Vorstandschef von Eintracht Frankfurt, Heribert Bruchhagen, behauptet. Das Konzept sieht scharfe Personenkontrollen vor und schließt die unwürdigen und damit indiskutablen Ganzkörperkontrollen nicht aus. Zudem eröffnet es dem Heimverein die Möglichkeit, die Zahl der Tickets für den Gastverein zu reduzieren. Das sind gravierende Einschnitte in die Rechte der Fans. Der Protest dagegen ist gerechtfertigt.

Vor allem aber die Art, wie das Papier zustande kam, kann die Anhänger nur ratlos zurücklassen. Bei der ersten Fassung wurden sie überhaupt nicht in die Diskussion einbezogen. Was blieb, war die Erkenntnis: Die Profivereine sehen ihre Fans in erster Linie als Sicherheitsrisiko, über das sie dringend reden müssen. Mit ihnen wollen sie nicht reden. Ein Armutszeugnis, wenn man bedenkt, dass es die Stimmung in den Fankurven ist, die einen großen Teil des Reizes der Bundesliga ausmacht.

Es wäre fairer gewesen, wenn die Deutsche Fußball Liga am Mittwoch nicht über das Konzept abgestimmt hätte. Wenn sie eine neue Kommission gebildet hätte, eine Kommission mit Fan-Vertretern, die ein neues Sicherheitspapier entwirft. Die Liga hat es nicht getan – aus Angst davor, dass die Politik das Heft des Handelns übernimmt. Diese abstrakte Drohung stand in den vergangenen Wochen stets im Raum und diente gleichermaßen als Totschlagargument. Den Fans wurde von der Liga signalisiert: Wenn wir nicht handeln, tut es die Politik, dann wird alles noch viel schlimmer, dann könnten sogar die Stehplätze abgeschafft werden. Statt die Konfrontation mit den Innenministern zu suchen, die mit teils populistischen Vorschlägen die Debatte zusätzlich angeheizt haben, ist die Liga eingeknickt.

Der Protest der Anhänger wird in der Rückrunde leiser werden. Doch die Auseinandersetzung um die Fankultur ist mit der Verabschiedung des Sicherheitskonzepts längst nicht vorbei. Die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass es in der Diskussion um viel grundsätzlichere Fragen geht als um die Änderung einzelner Paragrafen in der Spielordnung. Im Kern geht es darum, welche Zuschauer bei Fußballspielen in Zukunft willkommen sind. Womöglich nur noch finanzkräftige Fans, für die es ausschließlich Sitzplätze gibt?

Oder darf auch der junge Ultra, der weniger als zehn Euro für seine Stehplatzkarte ausgibt und während des Spiels geschmacklose Lieder anstimmt, weiterhin ins Stadion gehen? Diesen Fragen wird sich die Deutsche Fußball Liga stellen müssen. Aus der Diskussion um das Sicherheitskonzept haben die Vereine hoffentlich gelernt, dass sie befriedigende Antworten nur mit ihren Fans finden werden.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Anzeige
Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


CDU und SPD

Große Koalition ohne Visionen

Von  |
Sigmar Gabriel und Angela Merkel stehen an der Spitze einer Koalition ohne Visionen.

Die große Koalition regiert weit unter ihren Möglichkeiten – und den Notwendigkeiten. So wird ihre Regierungszeit trotz bester Rahmenbedingungen eine verlorene sein. Der FR-Leitartikel. Mehr...

Impfungen

Impfzwang ist vernünftig

Was spricht gegen die Pflicht, sich gegen Masern zu impfen?

Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo sie andere gefährdet. Was spricht also gegen die Pflicht, sich zum Beispiel vor Masern zu schützen? Die Gesellschaft muss Verantwortung übernehmen. Der FR-Leitartikel. Mehr...

NSU-Prozess

Verfassungsschutz am Abgrund

Volker Bouffier spielt eine merkwürdige Rolle im NSU-Skandal.

Vieles spricht dafür, dass der hessische Inlandsgeheimdienst längst vor dem Kasseler NSU-Anschlag 2006 über den rechtsextremen Hintergrund der Mordserie Bescheid wusste. Auch die Polizei muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen - und Volker Bouffier. Der Leitartikel. Mehr...

Food-Lieferservices

Klicken statt Kochen

Essen vom Lieferanten liegt im Trend.

Digitale Food-Lieferservices sind ein globaler Wachstumsmarkt. Sie wandeln Essen und seine Verteilung in abstrakte Datensätze um. Die Frage, wer es wo und aus was zubereitet hat, verstummt aber zusehends. Mehr...

Schwarzfahrerei

Strafe muss nicht sein

Heute wird immer häufiger elektronisch kontrolliert.

Ärgerlich, dass bisher alle Versuche gescheitert sind, das Schwarzfahren zu entkriminalisieren und zur Ordnungswidrigkeit herunterzustufen. Den Steuerzahler kostet das viel Geld.  Mehr...

Leitartikel

Libysches Risiko

Vergeltung mit Luftschlägen gegen Stellungen des "Islamischen Staats": Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi.

Eine große Militärintervention in dem zerrissenen Land würde dem Islamischen Staat scharenweise neue Kämpfer in die Arme treiben. Die Welt muss es mit Befriedung versuchen. Mehr...

Europapolitik

Das Signal von Athen

Es gibt viele Baustellen in Griechenland, auch an der Akropolis.

Der Wahlsieg der griechischen Linken hat Alternativen zur neoliberalen Europolitik auf die Tagesordnung gesetzt. Das erklärt die Wutausbrüche ihrer unbelehrbaren Fahnenträger. Mehr...

Ukraine

Krieg ohne Sieger

Von  |
Kremlchef Wladimir Putin in Minsk.

Der Kompromiss von Minsk bietet die Chance für einen Neuanfang in der Ukraine. Während sich Putin als Gewinner inszeniert, muss sein Volk weiter auf einen Wandel warten. Der Leitartikel zum Ukraine-Krieg. Mehr...

Leitartikel

Pegidas Hass-Parolen wirken

Der kometenhafte Aufstieg der AfD als Konkurrenz von rechts und die Parolen der Pegida-Demonstranten, so scheint es, haben ihre Spuren bei den Unionsparteien hinterlassen.

Innenminister Thomas de Maizière vergleicht das Kirchenasyl mit religiös motivierter Gewalt. Das ist absurd, und es zeigt, dass die Parolen der Islamhasser schon wirken. Der Leitartikel. Mehr...

HSBC

HSBC: Profit dank Krieg und Terror

Zehntausende von Kunden haben mehrere Milliarden Dollar in der Schweiz versteckt.

Beim jüngsten Bankskandal geht es nicht nur um die Gier von Reichen, die sich auf Kosten der Armen schadlos halten. Es geht auch um Krieg und Terror und den Profit, den sie bringen. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige