Der Cowboy-Kapitalismus in Amerika ist einfach nicht mehr das, was er mal war. Toxische Investments und gerichtliche Bußgeldbescheide bestimmen das Geschäft – der Sündenlohn für finanzielle Abenteuer. Ein besseres Angebot? Anarchismus.
Vielleicht assoziieren Sie den amerikanischen Ur-Kapitalismus nicht mit Anarchismus. Aber schauen Sie sich doch einmal den Präsidentschaftswahlkampf an. Wir haben noch anderthalb Jahre vor uns, und es ist jetzt schon ein anarchistisches Gedrängel. Newt Gingrich, der republikanische Cowboy, der einst der Regierung den Geldhahn zudrehte, ist heute im Rennen und morgen schon wieder draußen. Sarah Palin behauptet, sie sei nicht im Rennen, aber sie ist auch nicht draußen. Glenn Beck ist nicht draußen, aber auch nicht drin. Michelle Bachmann scheint mehr drin zu sein, als irgend jemand denkt. Und Mitt Romney versucht die Füße still zu halten, aber die Obama-mäßige Gesundheitsreform, die er als Gouverneur von Massachusetts aufgestellt hat, bringt seine Partei dazu, ihn zu katapultieren, und zwar raus.
Während die Anarchie gedeiht, verdorrt der Kapitalismus. Die Bank of America beispielsweise bezahlt 8,5 Milliarden US-Dollar in einem Gerichtsverfahren für ihre cowboymäßigen Schwindeleien. Sie dachten, sie würden einen Profitmacher einkaufen, als sie Countrywide Financial kauften, aber irgendwie haben sie übersehen, dass Countrywide Investoren über den Wert seiner hoch riskanten Hypotheken-Anleihen täuschte. Die Bank of America landete vor Gericht. 22 Finanzinstitutionen fühlten sich betrogen. Die 8,5-Milliarden-Dollar-Zahlung wird alle Profite der Bank of America in diesem Jahr vernichten.
Angesichts der kapitalistischen Ketzerverbrennungen gedeiht der Anarchismus. Nehmen Sie die Hundesitter von Brighter Days, ein anarchistisches Unternehmen, das 2010 mehr als 250000 Dollar verdiente, indem es für 30 Minuten Gassigehen mit Hunden, deren Besitzer in Washington einfach zu beschäftigt mit Gerichtsverfahren sind, um ihre Hunde auszuführen, 16 Dollar berechnet. Die Firma gehört ihren Besitzern zu gleichen Teilen, die Eigentümer treffen ihre Entscheidungen auf wöchentlichen Meetings im Konsens, teilen ihre Verdienste gerecht auf und haben eine Betriebskrankenkasse. Sie spenden Geld für soziale Gerechtigkeit und betreiben ihre Web-Server mit Windenergie. Sie bekommen sieben Wochen bezahlten Urlaub, was sie nicht nur anarchistisch aussehen lässt, sondern schlimmer: europäisch.
Natürlich hat dieser Anarchismus einen Preis: Brighter-Days-Mitglieder machen sich Sorgen. Wenn sie gegen die Idee eines Staates sind, sollten sie dann Steuern bezahlen? Ist es ethisch vertretbar, sich um die Tiere von Menschen zu kümmern, die für kapitalistische Institutionen arbeiten? Von welchem abscheulichen Kapitalistenschweine-Konzern sollten sie ihre Krankenkassenleistungen kaufen?
Niemand hat je behauptet, dass Anarchismus leicht sei, aber im Moment sieht er einfach besser aus als die Alternative. Wegen ihrer Hunde rufen viele Bürokraten und Anwälte bei Brighter Days an. Und wenn sie von den Arbeitsbedingungen hören, fragen sie fast immer nach einem Job.
Investieren Sie noch heute in Anarchismus.
Professor Marcia Pally lehrt Kulturwissenschaften an der New York University.Übersetzung: Nicole Lindenberg

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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