Das Wetter schert sich nicht um medizinische Jahrhundertereignisse. Wie es wohl damals war bei der Entdeckung der Röntgenstrahlung oder des Penicillins? Bei der Verkündung, dass das komplette menschliche Genom entschlüsselt sei, ist es jedenfalls eisig und nasskalt in San Francisco. Mitte Februar vor zehn Jahren leidet der Sonnenstaat unter extremem Energiemangel. Die Hotels sind nur noch auf 16 bis 18 Grad Celsius geheizt. Dennoch sind 2001 Tausende Wissenschaftler und Journalisten an die Pazifikküste zum Jahrestreffen des weltgrößten Wissenschaftlerverbands gereist, der American Association for the Advancement of Science, kurz Triple-AS genannt. Hier strahlen die beiden Superstars der Genetik auf dem Podium um die Wette. Nur zehn Jahre hatten rund tausend Wissenschaftler aus vierzig Ländern benötigt, um „die Sprache Gottes“ – wie es der damalige US-Präsident Bill Clinton überschwänglich formulierte – zu entschlüsseln.
Auf der einen Seite der etwas spröde Leiter des Internationalen Genomprojekts, Francis Collins. Er präsentiert scherzend und lachend die frisch gedruckte Ausgabe des britischen Wissenschaftsmagazins Nature mit dem kompletten Genom. Zwei Meter von Collins entfernt am Tisch sein erbittertster Konkurrent und Gegenspieler Craig Venter. Der hatte mit seiner Firma Celera massenhaft Automaten zur Entschlüsselung eingesetzt und damit die öffentlich finanzierten Forscher enorm unter Druck gesetzt. Während er den Menschen rasch mal sequenziere, sollten es die Forscher um Collins doch besser mit einer Maus versuchen, hatte er deren langsame Arbeitsweise verhöhnt. Venters Ergebnisse werden im US-Wissenschaftsmagazin Science genau einen Tag später veröffentlicht.
Die Leistung der beiden Teams verdient trotz der Kontroversen große Anerkennung. Zehn Jahr früher als ursprünglich geplant waren sie mit der Sequenzierung der menschlichen Erbanlagen fertig geworden. Dass das Tischtuch zwischen den einstigen Kollegen zerschnitten war, das zeigte sich nicht nur in der getrennten Veröffentlichung der Ergebnisse. Bei der Bewertung des „Buchs des Lebens“ stichelten Venter und Collins weiter gegeneinander.
Obwohl beide Gruppen noch nicht wirklich fertig waren – ganz offiziell ist das menschliche Erbgut sogar erst seit 2003 komplett entschlüsselt –, waren beide schon im Juni 2000 mit US-Präsident Clinton vor die Weltpresse getreten, um den „Meilenstein in der Geschichte der Menschheit“ zu verkünden. Bis heute beschuldigen das öffentlich geförderte Collins-Projekt und die private Venter-Gruppe einander, zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich fertig mit der Arbeit gewesen zu sein.
Viele der im Februar 2001 formulierten Visionen sind nur Visionen geblieben. Noch trägt kein Neugeborenes eine Chipkarte, die über genetisch bedingte Krankheiten Auskunft geben könnte. Auch Porsche-Fahrer Venter, der über seinem Firmeneingang „Speed matters – Geschwindigkeit zählt“ stehen hat, musste sich im Laufe der Jahre entschleunigen. Mit dem Projekt Mondlandung wie Collins mochte er das Genom nicht mehr vergleichen. Für Venter blieb es letztlich nur „ein schneller Lauf zur Startlinie“; auch für ihn erwiesen sich viele Hoffnungen und Pläne als nicht realisierbar. Nur die von vielen Kritikern geäußerten Ängste, die in seinen Genpatenten einen Angriff auf das Leben an sich sahen, wusste Venter zunehmend ruppiger als Unsinn abzukanzeln.
Profitiert von den raschen Verfahren der Genentschlüsselung hat vor allem die Kriminaltechnik, die in einigen Bereichen, etwa bei Sexualdelikten, viele alte Fälle neu aufrollt und doch noch lösen kann. Biologen schreiben derzeit einen völlig neuen Stammbaum der Arten auf unserem Planeten. Und auch der Zahn der Zeit nagt weniger heftig an biologischen Materialien als gedacht. Nach Mumien konnte das Genom von Neandertalern entschlüsselt werden. Jetzt wissen wir wenigstens, dass das eine eigene Menschengattung war, die zumindest aber hin und wieder sexuellen Verkehr mit dem modernen Homo sapiens hatte.
Derzeit ist eine Forschergruppe gar damit beschäftigt, aus den Genresten von gefrorenen Mammuts so viel Genmaterial zusammenzukratzen, dass es einer Elefantenkuh eingesetzt werden kann. Gut möglich, dass demnächst wieder die riesigen Zotteltiere der Eiszeit auferstehen. Und Jurassic Park lässt grüßen, die Suche nach Dinosaurier-DNA ist im Gange.
Nur in der Medizin dauert es wohl noch etwas. Viele Defekte sind zwar heute bekannt, die zu genetischen Krankheiten wie Chorea Huntington (früher Veitstanz genannt) führen. Nur gibt es für die Betroffenen meist noch keine Heilung. Das Versprechen einer personalisierten Medizin steckt in den Kinderschuhen, etwa bei der Behandlung bestimmter Formen von Krebs. Wohin Venters Versuche führen werden, das Genom eines Bakteriums im Labor nachzubauen, ist völlig offen. Auch da gibt es wieder die Versprechen einer neuen Medizin, einer lebenswerteren Umwelt – irgendwann in der fernen Zukunft.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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