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Analyse: Die neue Super-Bibliothek

Der Internet-Konzern Google weist den Weg: Das Weltwissen, unser Kulturerbe, wird sich künftig anders über den Globus verteilen. Von Christian Schlüter

Dr. Christian Schlüter arbeitet in der Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau.
Dr. Christian Schlüter arbeitet in der Feuilletonredaktion der Frankfurter Rundschau.
Foto: FR

Auf den ersten Blick haben wir es nur mit einer außergerichtlichen Einigung zu tun: Der Internet-Konzern Google hat den mehrjährigen Streit mit US-Verlegern um sein Projekt der Buch-Suche beigelegt. Google werde im Rahmen der Vereinbarung insgesamt 125 Millionen Dollar zahlen, teilte der US-Verlegerverband AAP jetzt mit. Die Vereinbarung sieht eine umfassende, vor allem das Urheberrecht und die Nutzungsgebühren betreffende Regelung vor.

Im Rahmen des Google Book Search - in Deutschland Google Buchsuche - genannten Projekts darf der weltweit erfolgreichste Suchmaschinenbetreiber nun auch bislang geschützte Bücher und Texte zur Verfügung stellen. Titel aus der Ergebnisliste sollen Nutzer über die Website des Verlages oder bei Online-Händlern kaufen können. Wenn das Buch nicht mehr im Druck ist, wird ein Online-Zugang angeboten. Texte, deren Urheberschutz abgelaufen ist, stehen kostenlos zur Verfügung. Autoren und Verlage partizipieren an den Einnahmen. Und sie haben nach wie vor die Möglichkeit, der Verwertung zu widersprechen.

Von den 125 Millionen Dollar, eine Summe, die Google nur zu gerne zahlen dürfte, werden alle bis dato aufgelaufenen Forderungen beglichen sowie die Verfahrenskosten übernommen. Außerdem soll mit dem Geld ein Register aufgebaut werden, mit dessen Hilfe Autoren und Verlage ihre Rechte künftig anmelden können. Auch dass Google nun Bildungseinrichtungen, Firmen und öffentlichen Organisationen preisgünstige Abonnements anbietet, muss als Entgegenkommen verstanden werden: Dem Konzern liegt sehr viel an seinem Buch-Projekt, einem von vielen, mit dem er seine ohnehin marktbeherrschende Stellung noch ausbauen will.

Zwar sind Verlage außerhalb der USA von der Einigung nicht berührt, und seit 2004 hat Google erst an die sieben Millionen Titel digital erfasst. Doch werden sich die Verlage in den anderen Ländern, vor allem in Europa und Asien, von der einsetzenden Bücher-Schwemme kaum unbeeindruckt zeigen. Denn zu verlockend sind die sich eröffnenden Einnahmequellen. Gerade erst haben wir die - neuerliche - Einführung des elektronisches Buches erlebt, das wie geschaffen scheint, um uns Googles Book-Search-Projekt in leidlich vertrauter Form zugänglich zu machen. Und so mag man in eingeschworenen Lesezirkeln an der guten alten Papier-Form festhalten und angesichts der sich auf digitalen Wegen vollziehenden Globalisierung vielleicht den Untergang des Abendlandes beschwören: Das Weltwissen oder, emphatischer: unser Kulturerbe wird sich künftig anders über den Globus verteilen.

Die Befürchtung einer damit einhergehenden kulturellen Hegemonie ist nicht ganz unbegründet. Der Vorrang der englischen Sprache kann andere Sprachen und damit auch andere Kulturen verdrängen. Bedenklich ist auch, dass Sprache, Bildung und Wissenschaft einem privaten, letztlich seinen Aktionären und deren Renditeerwartungen verpflichteten Konzern überlassen werden. Vor einigen Jahren verabredeten Frankreich und Deutschland die Entwicklung einer europäischen Suchmaschine. Doch der als Google-Killer annoncierte "Quaero" steht immer noch am Anfang. Bleibt also die Frage, wie viel uns "unsere" Kultur tatsächlich wert ist. Ihre Digitalisierung wird sich indes nicht mehr aufhalten lassen.

Autor:  CHRISTIAN SCHLÜTER
Datum:  30 | 10 | 2008
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