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Kolumne: Die Psyche und die Seele

Die katholische Kirche will die Missbrauchsfälle aufarbeiten lassen. Das ist so dringend nötig wie anerkennenswert.

Jochen Hörisch
Jochen Hörisch

Das deutsche Wort „Seele“ weckt andere Assoziationen als das griechische Wort „Psyche“, obwohl es als dessen gängige Übersetzung gilt. Seele – das Wort evoziert Reinheit, Transzendenz, Göttliches, Sakrales: „Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus.“ Psyche – das Wort evoziert psychische Probleme, den Schmutz und Abfall vom rechten Tun, den Psychoanalysen ausbreiten, ja die Psychiatrie. Kein Wunder, dass sich Gereiztheiten einstellen, wenn man Seelisches psychisch beschmutzt oder Psychoprobleme seelisch überhöht.

Wie tabubesetzt die Dr.-Jekyll-and-Mr.- Hyde-Doppelqualität der Seele/Psyche ist, muss die von massenhaften Missbrauchsfällen gebeutelte katholische Kirche seit einiger Zeit bitter erfahren. Aber auch ihre Kritiker stehen sofort im Verdacht, wüste Antikatholiken zu sein, die den unseligen preußischen Kulturkampf fortsetzen und dem Antichrist zuarbeiten wollen, wenn sie auf psychologische Implikationen katholischer Seelsorge hinweisen. Umso bemerkens- und anerkennenswerter ist es, dass die katholische Kirche endlich bereit ist, ihre Archive zu öffnen und die Missbrauchsfälle aufarbeiten zu lassen. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen soll mit kirchlicher Zustimmung unter Leitung des renommierten Wissenschaftlers Christian Pfeiffer die Fälle untersuchen.

Ein sachlich-psychologischer, also ein seelenlos kalter Blick auf einen Priester muss katholische Seelsorger irritieren und provozieren. Da bereitet ein Mann, dem ein Messdiener beim Anziehen weiblich wirkender Gewänder behilflich war, den Tisch des Herrn. Er tut es im Auftrag der Mutter Kirche, die er so verehrt wie die Muttergottes. Zu diesen und nur zu diesen Frauen pflegt er, der geschworen hat, zölibatär zu leben, ein inniges Anbetungsverhältnis. Nicht alle Priester machen den Eindruck, dass ihnen der Verzicht auf intimen Umgang mit dem schönen Geschlecht schwerfällt. Sie fühlen sich in einer reinen Männersphäre wohl, die keine Berührungsangst vor liturgiegeschichtlich begründeter Häkelkleiderästhetik, Weihrauch und männlicher Gruppenchoreographie hat.

Mit einem Wort, das verletzen kann, auch wenn es nicht verletzen will: Die katholische Kirche ist die größte und traditionsreichste männerbündisch-homophile Organisation der Geschichte; Pädophile schreckt sie ersichtlich nicht ab. Wer dieses offenbare Geheimnis ausplaudert, wie der spät bekennende homosexuelle katholische Theologe David Berger, muss mit fundamentalistischen Anfeindungen rechnen. Die Blockaden scheinen bei diesem Tabuthema schier unüberwindlich.

Zu den eigentümlichen Implikationen dieser Tabusperre gehört es, dass man ein großes Verdienst der katholischen Kirche kaum kommunizieren kann: Sie bot in Zeiten übelster Homosexuellen-Verfolgung, die sie selbst mit zu verantworten hatte, Homosexuellen ein angesehenes und authentisches Rollenmodell an – und tut dies noch. Aber sie hat in dieser Hinsicht kein Quasi-Monopol mehr, was einer der Gründe für den Mangel an Priesternachwuchs sein dürfte. Kirchenferne Optionsmöglichkeiten haben auch Pädophile. Sie können etwa Leiter der Odenwaldschule werden und dabei von einem renommierten Erziehungswissenschaftler gedeckt werden. Eines aber funktioniert nicht mehr: die ungebrochene Fortwirkung eines Tabus aus falsch verstandener Rücksichtnahme.

Jochen Hörisch ist Germanistik-Professor in Mannheim.

Autor:  Jochen Hörisch
Datum:  25 | 7 | 2011
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