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Kommentar zu Ägypten: Die Zeichen von Alexandria

Dass Attentat auf die koptische Kirche markiert eine neue Dimension. Religiöse Konflikte werden heftiger in Ägypten. Dem politisch instabilen Land könnte eine Terrorserie drohen.

Martin Gehlen ist Redakteur beim Berliner Tagesspiegel.
Martin Gehlen ist Redakteur beim Berliner Tagesspiegel.

Das neue Jahr war gerade dreißig Minuten alt, als der koptischen Kirche bereits die Stunde schlug. Wenige Tage vor dem orthodoxen Weihnachten am 6. Januar machte die Terrororganisation Al-Kaida aus ihren Drohungen Ernst – mit einer Schreckenstat, wie es sie in der jüngeren Geschichte Ägyptens noch nicht gegeben hat. 21 Menschen, die gerade aus der Mitternachtsmesse kamen, riss ein Selbstmordattentäter mit in den Tod. Dutzende Schwerverletzte werden für ihr Leben gezeichnet bleiben.

Nach den Gläubigen im Zweistromland Irak steht nun auch die jahrtausendealte orthodoxe Kirche entlang des Nils im Visier der selbst ernannten Gotteskrieger. Mit ihren Verbrechen im Namen Allahs wollen sie vorhandene Spannungen zwischen den religiösen Volksgruppen anheizen, um diese in einen offenen Kampf gegeneinander zu treiben und ihre Staaten zu erschüttern. In Ägypten könnte diese zynische Rechnung schon bald aufgehen, sollten etwa am kommenden Heiligen Abend auch noch Schüsse auf Weihnachtsgemeinden fallen.

Ohne Zweifel, die Reibereien zwischen Muslimen und Christen in Ägypten haben in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. Beide Seiten werden reizbarer. Noch vor kurzem völlig undenkbar – inzwischen skandieren Muslime regelmäßig nach Freitagsgebeten anti-christliche Parolen. Selbst in der großen Moschee neben der Kairoer Markus-Kathedrale des koptischen Papstes gehört diese aggressive Praxis nun zum wöchentlichen Ritual. Und so fühlen sich die Christen als religiöse Minderheit zunehmend bedrängt und im Staat als Bürger zweiter Klasse behandelt – von den Behörden diskriminiert sowie bei der Besetzung führender Ämter in Politik, Wissenschaft und Verwaltung übergangen.

Bei der Genehmigung von neuen Kirchenbauten gibt es häufig Krach, wie neulich in Kairo, als bei Straßenschlachten mit der Polizei zwei Demonstranten durch Kugeln der Ordnungshüter starben. Wer in Ägypten eine Kirche plant, hat bürokratische Geisterbahnen zu meistern. Moscheen dagegen gibt es mit 93000 mehr als genug, während die Zahl der Kirchen bei etwa 2000 stagniert. Umgekehrt beklagen aufgeklärte Kopten aber auch Bunkermentalität, Dogmatismus und geistige Militanz in den eigenen Reihen, die sich unter dem 39-jährigen Pontifikat des greisen Oberhaupts Shenouda III. breitgemacht haben.

Dennoch: Was sich jetzt in Alexandria zugetragen hat, hat eine ganz neue Dimension. Das Attentat trägt die Handschrift von Al-Kaida, deren geistige Sympathisanten in der Vier-Millionen-Hafenmetropole am Mittelmeer mehr und mehr Zulauf finden. Staatschef Hosni Mubarak jedenfalls scheint zu ahnen, was seiner Heimat drohen könnte. In seiner Fernsehansprache an das Volk räumte er indirekt ein, dass nach der Terrorserie der 1990er Jahre, die in dem Massaker an Touristen am Hatschepsut-Tempel in Luxor ihre schlimmste Ausprägung fand und Ägypten an den Rand eines inneren Kollapses bugsierte, demnächst vielleicht eine neue Terrorwelle auf das Land zurollt.

Und das ausgerechnet 2011, seit drei Dekaden das Jahr mit der politisch höchsten Brisanz für das ächzende Land mit seinen 80 Millionen Einwohnern. Im September soll der Nachfolger des 82-jährigen Staatschefs gekürt werden, der eine Generation lang alle Fäden in der Hand hielt. Ein klarer politischer Erbe ist nicht in Sicht. Stattdessen ringen die alte Garde von Militär- und Sicherheitsapparat sowie die neue Elite der Wirtschaftsreformer verbissen miteinander. Schlimmer noch: Dem Parlament fehlt wegen der unglaublich dreisten Wahlfälschungen im November inzwischen jede Legitimität, um glaubwürdig in die Geschicke des Landes eingreifen zu können. Die Muslimbruderschaft als bislang stärkste Oppositionspartei wurde komplett aus der Volksvertretung herausgedrängt. Nur noch drei Prozent der Mandatsträger gehören künftig nicht zu den parlamentarischen Kohorten des Langzeit-Pharaos. Auch die acht Millionen Kopten sind praktisch nicht mehr repräsentiert.

Was als Planierung des politischen Terrains für einen möglichst reibungslosen Thronwechsel am Nil gedacht war, könnte sich schon bald als politischer Bumerang erweisen. Die ägyptischen Islamisten werden künftig noch tiefer als bisher in den politischen Untergrund abtauchen. Und der Einfluss des moderaten Flügels wird weiter schwinden. Die blindwütigen Fanatiker an ihren Rändern jedoch könnten dann auf wirklich dumme Gedanken kommen.

Autor:  Martin Gehlen
Datum:  2 | 1 | 2011
Kommentare:  18
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