Vor 60 Jahren, am 5. August 1950, wurde in Bad Cannstatt die „Charta der Heimatvertriebenen“ unterzeichnet und verkündet. „Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung“, hieß es damals. Und: „Die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden.“ Bis heute wird der pathetische Text der Charta gelobt. Wenn Politiker den Vertriebenen ihre Aufwartung machen, sprechen sie von einem einzigartigen Dokument der Versöhnung und einem Werk des Friedens. Tatsächlich mag die Charta damals eine Abschwächung noch radikalerer Positionen gewesen sein. Doch bleibt sie ein Zeugnis von Geschichtsblindheit, Anmaßung und Hochmut.
Denn die Vertriebenen sehen hier nur ihr eigenes Leid, sie erklären sich zu Opfern erster Klasse. Auch ein „Recht auf Heimat“ wird in der Charta postuliert; wie das gemeint war, das zeigen die unverhohlenen Gebietsansprüche, die die organisierten Vertriebenen noch bis 1990 formulierten.
Die Charta, deren 60. Jahrestag die Vertriebenenfunktionäre republikweit in vielen Veranstaltungen begehen wollen, ist immer noch die „Wertegrundlage“ des Bundes der Vertriebenen (BdV), der sich 1957 gründete. Und sie ist – darüber wird bei den Gedenkfeiern stets geschwiegen – dadurch gekennzeichnet, dass viele der 30 Unterzeichner eine NSDAP- oder SS-Vergangenheit hatten. Einige von ihnen waren direkt an der Kriegs- und Besatzungspolitik der Nazis beteiligt, Mitorganisatoren des antisemitischen Terrors, von „Umsiedlung“ und Enteignung. Noch heute wird Rudolf Wagner, der letzte überlebende Unterzeichner der Charta, von Spitzenpolitikern hofiert. Der 1911 geborene Wagner, so hat der Historiker Erich Später herausgefunden, arbeitete von 1938 bis 1940 im „Wannsee-Institut“ der SS, einer Planungsinstitution für die „völkische“ Neuordnung Europas. Wagner war später im Reichssicherheitshauptamt tätig und beendete seine NS-Karriere im Rang eines SS-Obersturmbannführers.
Die Charta wurde auch von Ex-Nazis geschrieben. So ist es auch kein Wunder, dass darin die Vorgeschichte der Vertreibung – Krieg und Holocaust – ausgeklammert bleibt. Und der immer wieder gepriesene Verzicht auf „Rache“? Dieser Satz kehrt die Verhältnisse um, macht die Vertriebenen zu großherzigen Opfern – und die ehemals von den Nazis besetzten Länder zu Schuldnern der Geschichte.
Der Jahrestag der Charta fällt zusammen mit einem Streit um Personalien bei der vom Bundestag beschlossenen Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“. Die Stiftung soll in Berlin ein Ausstellungs-, Dokumentations- und Informationszentrum zum Thema Vertreibungen etablieren. Es ist ein Geschichtsprojekt, mit dem die BdV-Chefin und CDU-Abgeordnete Erika Steinbach aber durchaus auch den fortschreitenden politischen Bedeutungsverlust der Vertriebenen aufwiegen will.
Bei dem aktuellen Konflikt geht es um revanchistische Äußerungen von zwei stellvertretenden Stiftungsratsmitgliedern, die der BdV jüngst benannt hat. Dies rief Zweifel wach, ob die Stiftung wirklich der Versöhnung dienen kann. Solche Zweifel hatte auch der polnische Historiker Thomasz Szarota, der sich 2009 aus dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ zurückzog. Die Stiftung sei personell und inhaltlich zu stark an den BdV angedockt – und orientiere sich an der Charta mit ihrem Betroffenheitspathos und der zynischen Formulierung vom Verzicht auf „Rache“.
Der BdV von damals ist nicht der von heute – und Erika Steinbach ignoriert die Vorgeschichte der Vetreibung nicht mehr ganz. Sie spricht von „Adolf Hitler, der die Büchse der Pandora öffnete“, bleibt damit aber schwammig, lässt konkrete Verstrickungen von Vertriebenen außen vor. Der BdV sollte dringend überlegen, sich für eine neue Charta einzusetzen, die sich beschäftigt mit Verdrängung und Verleugnung. Auch die von BdV-Chefin Steinbach vor vier Jahren versprochene wissenschaftliche Aufarbeitung der braunen Gründungsgeschichte des BdV steht weiter aus.
Stellt sich der Verband nicht der eigenen Vergangenheit und legt diese auch in der geplanten Berliner Ausstellung offen, dann wird diese eine Farce sein. Dann bleiben organisierte Vertriebene ein Trupp von Zombies der Geschichte, der – attraktiv für allerlei Rechtsextremisten – die Aussöhnung in Europa behindert.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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