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27. Juli 2012

Eklat bei Abschlussfeier: Kuschelrock drauf, Nazi drin

 Von  und 
Wussten Lehrer, was Sleipnir für eine Band ist? Foto: dapd

Eine Schulklasse singt bei der Abschlussfeier das Lied einer Nazi-Band. Na und?, fragen jetzt viele, und genau das ist das Problem.

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Eine zehnte Klasse singt in ihrem 4000-Einwohner-Nest bei der Abschlussfeier ein harmloses Lied über verlorene Träume, zufällig stammt das Lied von einer Neonazi-Band. "In China ist gerade ein Sack Reis umgefallen", kommentiert der User Alexander 77 den Artikel. "Herzlich Willkommen im Sommerloch", schreibt Andreas M.

Fehlt nur noch die Binsenweisheit, dass Kinder eben Dummheiten machen. Einigen scheint nie die Idee gekommen zu sein, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen solchen Liedern, verprügelten Ausländern und Neonazis, die das Land terrorisieren (wir berichteten). Dass Rechtsrock immer noch die Einstiegdroge in eine Szene ist, in der Texte normal sind wie: "Weiße gegen Weiße - Muss das wirklich so sein?"

Wo Nazi-Musik kursiert, da ist auch der Nazi nicht weit

Es ist kein Zufall, dass die Neonazi-Band Sleipnir inzwischen auch harmlose Lieder singt, denn genau das ist die Strategie, die Neonazis auf Schulhöfen so erfolgreich macht. Die neue Rechte besteht eben aus mehr als nur den Heil-Hitler-grölenden Neonazis in vergessenen deutschen Kleinstädten. Das weiß zum Beispiel die NPD, die eine Schulhof-CD verteilte mit Liedern, die eben nicht jeder gleich mit dem braunen Mob in Verbindung bringt. Und auch die Band Sleipnir war auf diesen CDs vertreten.

Diese Strategie macht die Rechtsrockband so erfolgreich - und gefährlich. Früher veröffentlichte sie offen rassistische Texte, mit denen nur der harte Kern der rechten Szene etwas anfangen konnte. Heute produzieren sie schwülstige Lieder über Kameradschaft, von denen einige auch auf einer Kuschelrock-CD vorkommen könnten. Die kranke Ideologie hinter dem Mainstream-Kitsch bleibt dieselbe: Fremdenfeindlichkeit, Skinhead-Treue, Nationalismus.

"Aber welcher Lehrer kennt schon diese Band?", lautet das nächste Argument, mit dem viele der Schulleitung und den Lehrern die Verantwortung abnehmen wollen. Eben hier liegt das Problem. Wie sich gegen die rechte Unterwanderung in deutschen Schulen wehren, wenn die Hetzer nicht bekannt sind und die Verantwortlichen sich für eine deutliche Distanzierung offensichtlich nicht interessieren.

Es gibt aber auch Anzeichen, dass die Schulleitung das Lied sogar abgenickt hat und Lehrer davon wussten, was für eine Band hinter dem Lied "Verlorene Träume" steckt. "Viele sind einfach rausgegangen, als wir angefangen haben zu singen", kommentierte ein User das inzwischen gelöschte Youtube-Video, das auf Vimeo weiter kursiert. Und auch andere Schüler melden sich inzwischen zu Wort: "Uns ging es in keinerlei Weise darum eine Neo-Nazi-Parole zu singen, sondern darum, unsere Gefühle zum Ausdruck zu bringen", heißt es in einem Kommentar des Zeit-Blogs Störungsmelder. Und in der großen Vielfalt heutiger Musik hat es kein Machwerk von weniger befremdlichen Liedermachern gegeben?

NSU-Sympathisant und Mitglied im Schützenverein

Wenn das so stimmt, fragen wir uns: Wie lange wollen die Betroffenen noch die Augen vor Realität verschließen? Wo Nazi-Musik kursiert, da ist auch der Nazi nicht weit. Niemand wird als Nazi geboren, eine durchdringende Szene und eine ignorante Gesellschaft schaffen erst den Nährboden. Da verwundert es nicht wirklich, dass auch über die Schüler der Abschlussklasse verstörende Details in die Öffentlichkeit dringen.

In den Kontakten des Uploaders finden sich gleich mehrere bekennende Rechtsradikale. Ein Mitschüler hat in seiner Favoritenliste nicht nur Sleipnir und Frei.Wild sondern auch Division Germania und die braunen Stadtmusikanten, die durch ihren NSU-verherrlichenden Song "Döner-Killer" bekannt wurden. Eben dieser Mitschüler ist auch Mitglied im örtlichen Schützenverein. Eine, gelinde gesagt, beunruhigende Mischung.

Besonders seltsam: Lange und ausgiebig beschäftigt sich die deutsche Gesellschaft derzeit mit einem Verfassungsschutz, der sich außer Stande sah, ein mordendes Neonazi-Trio aufzuhalten. Die Anzeichen waren doch so klar, heißt es, die Taten so eindeutig. Wie konnte man nur so blind sein? Der Splitter im Auge des Bruders lenkt manchmal ganz schön vom Balken im eigenen ab.

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