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04. Mai 2014

EU Kommentar: Europa, trotz allem

 Von Tom Schimmeck
Gerade die Brüsseler Bürokratie ist vielen Europa-Skeptikern ein Dorn im Auge.  Foto: dpa

Die Haltung zu Europa bewegt sich zwischen Ablehnung und Langeweile. Viele scheren sich kaum mehr um die Staatengemeinschaft - das mag bequem sein, ist aber bedauerlich und langfristig auch tödlich.

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Man soll nicht den Fehler machen, Völker, die einem eigentlich sympathisch sind, zum falschen Zeitpunkt zu besuchen. Ich zum Beispiel trampte einst durch England, als Lady Thatcher just den Falkland-Krieg kämpfen ließ. Jeder, der mich mitnahm, wollte gleich wissen, ob ich auch so total begeistert sei von diesem Feldzug. Ein Brite, der mich quer durch London fuhr, prügelte mit der Linken immerfort auf sein Lenkrad ein und brüllte: „Brilliant action! Brilliant action!“

Der Brite ist eigentlich wunderbar, hat aber drei überschaubare Nachteile. 1. Er kann noch immer nicht kochen. 2. Er denkt notorisch insular-imperial. Und ist deshalb 3. nicht europafähig. Leider. Der Brite hasst Europa nicht unbedingt. Er fühlt nur einfach null europäisch. Dafür fehlen ihm sämtliche Synapsen. Er braucht Zeit. Ich kann ihm das nicht wirklich übel nehmen.

"Sanftes Monster" Brüssel

Anders geht es mir mit Intellektuellen, die freigiebig ihre anschwellende Gleichgültigkeit über uns verkleckern. Geradezu ikonisch steht für diese Tendenz Hans Magnus Enzensberger, meine wohl größte Enttäuschung unter den deutschen Denkern.

Enzensberger ist klug und gebildet, viel eleganter auch als Strache, Wilders, Farage und Madame Le Pen, als die „wahren Finnen“ und die Jobbik-Schläger. Er bleibt enorm sprachmächtig, leider ist die Haltung perdu. Von geistvoller Ironie stieg er ab zum Nihilismus, der sich selbst genügt, vom zornigen Jungen zum näselnden Snob. Tiefpunkt: Der Text „Hitlers Wiedergänger“, eine Art Festschrift zum ersten Irak-Krieg der Bushs (beim zweiten empfand er „triumphale Freude“).

Enzensberger ätzt schon lange gegen das „sanfte Monster“ Brüssel und unser aller „Entmündigung“ durch die Bürokratie. Die Glühbirnen, die Gurken, der Rohmilchkäse. Haha. Er ist dabei gar nicht Nationalist. I wo. Gesellt sich jedoch fröhlich zu jener Clique hochnäsiger Witzbolde, die sich gar nicht gern festlegt, alles amüsant findet und sich so zu erheben sucht über diese albernen Leute, die noch Ideale ihr eigen nennen. Die obendrein das materielle Wohlergehen der Mitmenschen bewegt.

Kritik an konkreter Politik made in Brüssel ist vonnöten. Die derzeit kultivierte Anti-Stimmung aber, zwischen faulem Desinteresse und überdrüssiger Ablehnung changierend, ist keine Kritik. Sie ist eine gefährliche Mischung aus Europa-Verachtung im reicheren Norden und Europa-Enttäuschung im wieder verarmenden Süden. Auf dem Eurobarometer sieht man es: 2006 war gut die Hälfte ihrer Bewohner glücklich mit der EU, nur jeder Siebte lehnte sie ab. Jetzt sind die Gruppen von Freund und Feind fast gleich groß. Einer noch größeren Masse ist das alles Wurst.


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Kostbares Europa

Manche Skepsis ist ideologisch: Bei den lieben Briten, auch den Tschechen. Gewichtiger wirkt die akute Enttäuschung der Krisenopfer am Mittelmeer, denen es schlicht mies geht: Griechen, Italiener, Spanier, Portugiesen, auch Franzosen. Dass seine Stimme etwas zählt in der EU, glaubt gut jeder zweite Däne, aber nur jeder zehnte Zyprer.

Gerade gedenken wir ständig des Ersten Weltkrieges. Schon das wäre Grund genug, unserer friedlichen EU täglich eine Kerze anzuzünden. Auch ein Blick gen Osten kann helfen. Ein vereintes Europa ist unser Glück. Viel zu kostbar für gelangweiltes Genöle.

Tom Schimmeck ist Autor.

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