Vor 70 Jahren begann die Wehrmacht in der Sowjetunion zu wüten. Der Krieg dauerte fast vier Jahre, forderte auf sowjetischer Seite 27 Millionen Tote und stürzte Abermillionen Menschen ins Unglück. Es entsprach dem Kriegsziel der deutschen Aggressoren, Millionen „bolschewistischer Untermenschen“ zu ermorden, weitere Millionen zu versklaven, Getreide, Rohstoffe und Siedlungsraum zu erobern. Im Mai 1941 erklärte der Staatssekretär des Reichslandwirtschaftsministeriums, in Russland hätten „viele 10 Millionen Menschen“ zu verhungern, damit Deutschland genügend Lebensmittel aus dem Land „herausholen“ könne.
Im Herbst 1941 notierte der Hamburger Bürgermeister den Zweck der deutschen Belagerung von Leningrad: „Man nimmt an, dass der größte Teil der Menschen dort, ca. 5,5 Millionen, verhungern wird.“ Ein höherer SD-Offizier sagte es so: „In dem gesamten Gebiet wird aus ernährungswirtschaftlichen und anderen Gründen eine sehr hohe Sterblichkeitsziffer erreicht werden.“
Eduard Wagner, 1941 Generalquartiermeister des Heeres, 1944 Verschwörer des 20. Juli, verantwortete, dass im ersten halben Jahr des Russlandkriegs mehr als zwei Millionen Rotarmisten in deutscher Gefangenschaft verhungerten und zudem 600000 als Kommissare oder jüdische Soldaten erschossen wurden. Wagner hatte angeordnet: „Nichtarbeitende Kriegsgefangene haben zu verhungern.“ Im selben Zeitraum ermordeten die Einsatzkräfte des deutschen Sicherheitsdienstes etwa eine Million sowjetischer Juden. All das war erst der Anfang.
Was veranstaltete die Bundesregierung am 22. Juni zur Erinnerung an jenen Tag, an dem vor 70 Jahren drei Millionen deutsche Soldaten ausrückten, um 170 Millionen Bürger der Sowjetunion zu terrorisieren, auszuplündern, zu versklaven oder zu ermorden? Sie lud zum „zentralen Festakt“ mit Jugendorchester in der Berliner Philharmonie ein und ließ sich von dem höchst respektablen, hier jedoch deplatzierten Kulturstaatsminister Bernd Neumann vertreten. Sie haben sich nicht versehen, liebe Leserinnen und Leser: „Festakt“. So schreibt Ihre Bundesregierung (auch auf ihrer Homepage) und meint zudem in aller protokollarischen Stumpfheit, das Gedenken an den deutschen Vernichtungskrieg sei beim Kulturressort passend aufgehoben. Man male sich aus, die Regierung Merkel würde am 1. September einen „Festakt“ zum Überfall auf Polen veranstalten, am 9. November und am 20. Januar einen „Festakt“ zur Erinnerung an den Judenmord. Unvorstellbar! Doch wenn es um Russland und um Russen geht, sind solche gefühl- und gedankenlosen Rohheiten möglich.
Als Deutscher schäme ich mich dafür. Der Jahrestag des Krieges gegen die Sowjetunion hätte einen feierlichen, öffentlich sichtbaren Staatsakt erfordert. Nur so hätte die Regierung im Namen aller Deutschen zeigen können, dass sie den als Untermenschen Misshandelten und Ermordeten die Würde mit einer symbolischen Geste zurückgibt. Das hätte eine Rede der Kanzlerin oder des Präsidenten erfordert, eine Kranzniederlegung am sowjetischen Ehrenmal im Tiergarten, dazu ein Trauermarsch, gespielt vom Musikkorps der Bundeswehr – verbunden mit dem Dank der heutigen Deutschen, deren Glück nicht allein, aber auch auf dem sowjetischen Sieg über ihre mörderischen Vorväter beruht.
Götz Aly ist Historiker.

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