Wir haben uns daran gewöhnt. Die Zahlen lösen kein Entsetzen aus. Die Bilder kommen nicht mehr an. Dass im Mittelmeer zwischen Libyen und Italien, nach der Aussage des einzigen Überlebenden 55 Flüchtlinge ertranken, war den meisten Zeitungen – auch dieser – gerade noch eine Kurzmeldung wert.
„Es ist schwer zu glauben, dass in jenem Teil des Meeres 15 Tage lang kein Schiff sie bemerkte“, argwöhnt die linke italienische Tageszeitung il manifesto, aber offenbar herrsche die Ansicht vor, „wer Ausländern in Schwierigkeiten hilft, wird Probleme haben, auch weil die Staaten die Ausschiffung verhindern und die Ausländer auf den Schiffen bleiben müssen, die sie aufgefischt haben.“
Nach Angaben der UNHCR, des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, sind allein in diesem Jahr bereits 170 Menschen ertrunken, die in Libyen in See gestochen sind, um Malta oder die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa zu erreichen. Meistens bleiben die Opfer der Seestürme und der Abschottung Europas namenlos.
Diesmal ist es anders. 55 starben, aber einer überlebte, und er hat einen Namen: Abbas Saton. Der junge Mann aus Eritrea wurde von tunesischen Fischern entdeckt und der Küstenwache des Landes übergeben. Im Krankenhaus von Zarzis, einer Hafenstadt im Süden Tunesiens, wurde er von Lorenzo Pezzani interviewt. Der italienische Spezialist in forensischer Ozeanographie war im Rahmen einer Tournee der Hilfsorganisation Boats4People, die sich für die Mittelmeerflüchtlinge einsetzt, in Tunesien, als sich das Drama ereignete. Mit einem Kameramann eilte er sofort ans Krankenbett von Abbas Saton.
Das Video hat Pezzani ins Netz gestellt. Es zeigt einen jungen Mann in blauer Hose und blauem Hemd. Stockend erzählt er seine Version der Geschichte. Aus seiner Heimat, einer Militärdiktatur, war er noch unter der Herrschaft Gaddafis, der als „König der Könige Afrikas“ alle Afrikaner willkommen hieß, nach Libyen geflohen. Unter den 56 Flüchtlingen (34 Eritreer, 20 Somali und zwei Sudanesen), die in der Nacht auf den 27. Juni in ein Schlauchboot stiegen, waren auch sein älterer Bruder und zwei seiner Schwestern. Alle starben, als das Boot kenterte – nur Abbas konnte sich retten. Zwei Wochen lang, berichtet er, habe er sich an einen leeren Benzinkanister und an die Überreste des Bootes geklammert.
„Die große Menschenwanderung, Begleiterin der unaufhörlichen wirtschaftlichen Globalisierung“, meint die italienische Tageszeitung il Fatto Quotidiano, „erfordert, dass jeder in demjenigen, der ihm gegenübersteht – sei er politischer Flüchtling oder vom Hunger getrieben – seinen Blutsverwandten erkennt, seinen Nachbarn, mit dem er unauflöslich verbunden ist. Die ganze Welt sitzt heute in einem Boot. Eine Politik, die diese Toten und das Schicksal der Menschheit nicht ins Zentrum rückt, ist nicht nur unangemessen. Sie ist auch ekelhaft.“
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