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13. Juli 2014

Fußball-WM und Politik: Und jetzt ein Unentschieden

 Von 
Angela Merkel und Joachim Gauck jubeln im Stadion.  Foto: dpa

Die deutsche Mannschaft hat bei der Weltmeisterschaft ein paar Tugenden gezeigt, die Nachahmung verdienen. Nur am Siegeswillen sollte sich nicht ausgerechnet die Politik orientieren. Der Leitartikel.

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Für Fußballfans, und davon gibt es ja bei Weltmeisterschaften viele, fängt heute die Zeit der Umgewöhnung an. Im Fernsehen läuft das normale Programm, Verlängerung droht nicht, die Tagesschau hat mehr Zeit und die Zeitung mehr Platz für die ganz „normalen“ Themen: Irak, Nahost, Ukraine, alles sehr unschön, aber wahr. Und Deutschland geht in die Sommerpause, sportlich wie politisch: sportlich als Nummer eins der Fußball-Weltrangliste (das stand schon vor dem Finale fest), politisch als wenn nicht Welt-, so doch Europameister im wohlstandsgesättigten „Weiter so“.

Bei Vergleichen zwischen Sport und Politik ist zwar Vorsicht geboten. Aber die Frage, welches Deutschland die Nationalmannschaft in Brasilien repräsentiert hat, darf man schon mal stellen. Es war ein starkes Land, allemal. Eines allerdings, das Stärke nicht einfach nur aus kraftstrotzender Überlegenheit bezieht.

Sicher: Spitzenfußball ist eine knallharte Leistungs- und Konkurrenzmaschine, oft ideologisch überhöht durch das martialisch-pathetische Geschwätz von „Willensstärke“ oder gar der Bereitschaft, für den Sieg zu „sterben“. Müssen Leistungen, wie der deutsche Fußball sie in Brasilien abgeliefert hat, wirklich von dieser Art (Marsch-)Musik begleitet werden?

Sicher nicht. Aber Joachim Löw und seine Mannschaft haben auch ein paar andere Eigenschaften gezeigt: Der Trainer änderte während des Turniers sein Spielkonzept – und hörte dabei, wie berichtet wird, auf seine Berater. Er legte also eine Stärke an den Tag, die gerade im Verzicht auf Rechthaberei und Sturheit liegt. Und die Mannschaft präsentierte sich nach dem 7:1 gegen Gastgeber Brasilien im Halbfinale mit erstaunlicher Sensibilität gegenüber den Unterlegenen. Nichts von Großtuerei, die die Demütigung noch gesteigert hätte.

Waren diese positiven Züge ein Spiegelbild unseres Landes, seines Alltags wie seiner Politik? Nein, nicht ganz. Ein bisschen mehr Bewegung, ein bisschen weniger Überlegenheitswahn könnten wir auch jenseits des Fußballs gebrauchen.

Engagement und Veränderungsbereitschaft, wie wir sie an Stammtischen und beim Public Viewing von Trainer und Mannschaft verlangten, findet sich im Alltag nur begrenzt wieder. Es geht dabei wohlgemerkt nicht um das, was uns unter solchen Stichworten oft eingeredet wird: noch mehr zu leisten und sich dabei bis zur Erschöpfung anpassungsbereit und flexibel zu zeigen. Das tun die meisten von uns gezwungenermaßen jeden Tag, im Beruf oder in der Familie oder beides zugleich. Aber allzu oft verirren wir uns in all dem Stress und verlieren den Kompass, der uns zeigen könnte, auf welchen Wegen es vielleicht besser, „tiefenentspannter“ (Löw) und gerade dadurch erfolgreicher ginge.

Es ist nicht leicht, die einstudierten Spielzüge des eigenen Lebens infrage zu stellen und nach Pfaden der Veränderung zu suchen. Den Ansprüchen des Arbeitgebers mit allem Selbstbewusstsein die legitimen Grenzen des eigenen Leistungsvermögens zu zeigen; für die Kita-Plätze, die immer noch fehlen, eine Nachbarschafts-Initiative zusammenzutrommeln; mal nachzufragen, warum der Staat nicht genug Geld hat, die Schlaglöcher zu stopfen – all das wirkt wie zusätzliche „Arbeit“. Dann lieber weitermachen in der Hoffnung, dass irgendein Schicksal, und trage es den Namen Merkel, unsere Wohlstandsinsel wenigstens einigermaßen intakt erhält?


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Hier liegt der große und weit verbreitete Irrtum. Der Glaube, es werde alles bleiben wie es ist, wenn wir weitermachen wie bisher, ist eine Illusion. So wie Löw einer Illusion erlegen wäre, hätte er Philipp Lahm immer wieder ins Mittelfeld gestellt. Das „Weiter so“ ist ein lähmender Traum. Dieses Land, und das hat dann doch mit Politik zu tun, müsste sich ändern, um seinen Wohlstand in Frieden zu erhalten.

Die herrschende Politik hat einen entscheidenden Unterschied zum Sport nicht verstanden: Der Fußball lebt davon, dass es Sieger gibt. Gute Staatskunst dagegen sollte auf gleichberechtigte Partnerschaft setzen, national wie international. Sie kommt mit Unentschieden besser aus. Die deutsche Regierung – daran ändert die Beteiligung der SPD leider nichts – verteidigt den nationalen Wohlstand (der noch dazu ungerecht verteilt ist) mit den Mitteln gnadenloser Konkurrenz. „Wettbewerbsfähigkeit“ heißt das beschönigende Schlagwort. Was „Hilfe“ genannt wird (zum Beispiel für Griechenland), stellt in Wahrheit neue Schulden der „Partner“ dar, die sie – vor allem die unteren Schichten ihrer Bevölkerungen – mit brutalen Sparprogrammen bezahlen. Es wird auch uns auf Dauer schaden, wenn wir nicht – zu Hause wie in Europa – in die soziale und sonstige Infrastruktur investieren.

Es war insgesamt eine schöne WM. Aber wenn der Alltag wieder eingekehrt ist, sollten wir ruhig einmal daran denken, dass auch der Stärkste nicht gewinnt, wenn er zu Hause die Schwächeren einfach abhängt und draußen keiner mehr ist, der mitspielen kann. Ob uns Politik interessiert oder nicht: So gewinnt Deutschland auf Dauer nichts.

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