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24. Dezember 2008

Gast-Leitartikel: Deutschland - eine Winterreise

 Von CEES NOOTEBOOM
Cees Noteboom ist holländischer Schriftsteller.

Düstere Prognosen, dunkle Tage. Ich habe Bilder gegen den Trübsinn gesammelt. Weil ich den Satz von Francis Bacon mag: "Ich glaube an nichts. Ich bin Optimist." Ich hänge die Bilder an einen virtuellen Baum - als Lichtpunkte. Cees Noteboom

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Cees Nooteboom

Geboren 1933 in Den Haag, ist Cornelis Johannes Jacobus Maria Nooteboom heute einer der bekanntesten europäischen Schriftsteller. Aufgewachsen in von Franziskanern und Augustinern geleiteten Klosterschulen, in die sein Stiefvater - sein Vater war bei einem Bombenangriff auf Den Haag umgekommen - ihn geschickt hatte, floh er die Schule und machte sich auf, die Welt zu entdecken.

1955 war er ein berühmter Autor. Sein erstes Buch "Philip und die anderen" wurde ein Welterfolg, ein Kultbuch unter den Jugendlichen der Zeit. Der Schriftsteller Rüdiger Safranski war damals einer von ihnen. Heute ist er ein enger Freund Cees Nootebooms.

1980 erschien "Rituale". Seit diesem Roman zählt Cees Nooteboom zu den bedeutendsten Autoren unserer Zeit. Das Buch erschien zunächst im Verlag "Volk und Welt" in der DDR. In der Bundesrepublik dauerte es noch eine Weile, bis man ihn entdeckte.

Seit er 1991 mit "Die folgende Geschichte" einen Sensationserfolg bei der Kritik und beim breiten Publikum hatte, füllt Cees Nooteboom die größten Säle.

Neben den Romanen schreibt Nooteboom Lyrik und Essays, Reiseberichte und Reportagen. Es gibt eine Reihe von Bildbänden, die er zusammen mit seiner Ehefrau, der Fotografin Simone Sassen, herausgebracht hat.

Seine gesammelten Werke sind im Juni 2008 in einer prachtvollen neunbändigen Ausgabe im Suhrkamp Verlag erschienen. Für 360 Euro.

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein niederländischer Schriftsteller sich aufmachte zu einer Lesereise durch Deutschland. Er fuhr von Ost nach Süd und von West nach Nord, war jeden Tag an einem anderen Ort und las aus seinem Buch "Roter Regen" vor, und wieder einmal wurde ihm bewusst, wie groß Deutschland ist, wie unterschiedlich seine Landschaften sind und wie verschieden all die dort lebenden Menschen, die von Ausländern als Deutsche bezeichnet werden, während sie sich zumeist als Bayern, Hessen oder Brandenburger empfinden und für gewöhnlich die Gerichte essen, die in diesen Regionen heimisch sind. Nachmittags um halb fünf wurde es überall Nacht, doch glücklicherweise war in allen Städten und Dörfern Raum für ihn in der Herberge. Dieser niederländische Schriftsteller bin ich, und meine Reise fand während der Zeit statt, die wir in den Niederlanden die dunklen Tage vor Weihnachten nennen.

Die Zeitungen, die ich unterwegs las, sprachen einhellig von der schlimmsten Krise seit 1945, als habe es davor nicht etwas viel Schlimmeres gegeben, die Prognosen waren düster, und das Wetter draußen, hinter den Fensterscheiben des Zugs, versuchte, sich der Melancholie der Börse und des Geldes anzupassen. Und dennoch wünschte mir jeder auf dem Markt in Berlin, auf dem ich mein Gemüse kaufe, einen schönen ersten Advent, ein Wunsch, der in den Niederlanden nicht gebräuchlich ist und mich in eine leicht euphorische Stimmung versetzte.

Überall gab es Weihnachtsmärkte mit Glühwein und viel Licht, als wolle jeder schnell noch möglichst viel Licht für die wirklich düsteren Zeiten sammeln, die nun bald anbrechen würden, und für die absolute, globale Katastrophe, die einer Sturmflut ohne Rettungsboote gleich über alle fünf Kontinente hereinbrechen würde.

Vielleicht lag es daran, dass auf einer Lesereise jeder freundlich zu einem ist, jedenfalls gelang es mir nicht, in eine düstere Stimmung zu geraten. Ich habe einmal ein Video mit dem englischen Maler Francis Bacon gesehen. Er war leicht angeheitert, das Gespräch fand in einem englischen Schwulenclub statt, und der Interviewer ließ nichts unversucht, um das Lebenscredo des Malers zutage zu fördern, der ja für die abgründigen Themen in seinen Gemälden bekannt ist. Weil ich Bacons Werk bewundere, wartete auch ich voller Spannung auf das erlösende Wort - schließlich wüsste man gern, welcher Geisteshaltung derart radikale, grausame, aber großartig gemalte Bilder entspringen. Der Augenblick, als Bacon nach langem Drängen dem allmählich verzweifelten Fragensteller endlich eine Antwort gab, war unvergesslich, zumindest für mich. Er hob den Kopf und legte ihn, voll auf Wirkung bedacht, ein wenig zurück, so dass er alles Licht einfing - Maler wissen um solche Dinge -, und krähte, ein besseres Wort gibt es nicht dafür, in die Kamera: "I believe in nothing! I'm an optimist!" Seitdem ist dieses Paradox zu meinem Wahlspruch geworden und bringt mich gut durch diese dunkle Jahreszeit.

Kalter Nebel in Hamburg, erste Schneeschauer in Berlin, trübsinnige Wälder rund um Frankfurt, Raureif auf den Feldern von Idar-Oberstein, Sprühregen über der strohfarbenen Landschaft längs der Elbe, ich speicherte die Bilder in meinem inneren Archiv, war aber offenbar fest entschlossen, alles wunderbar zu finden. Die Deutsche Bahn schlich durch Berge und Wälder, ich las vor und signierte Bücher, schaute in einsamen Hotelzimmern Steinbrück und Merkel und all den anderen zu, die damit beschäftigt waren, ein riesiges Netz zu knüpfen, um darin ganz Deutschland aufzufangen. In die Quere kamen ihnen dabei ein voreiliger französischer Balletttänzer und ein englischer Krämer, der immerhin jahrelang die Finanzen seines Inselreichs verwaltet und trotzdem das Heraufziehen der Krise nicht bemerkt hatte, die er selbst durch seine Politik mit verursacht hatte, während ein Bankier aus Bayern, der gerade knapp dem Bankrott entgangen war, meinte, er als Einziger habe bessere Rezepte, den sicheren Untergang des ganzen Reichs zu verhindern.

Wer ständig auf Reisen ist, hat keinen Weihnachtsbaum bei sich. Deshalb beschloss ich, einen virtuellen Baum mit den Bildern zu schmücken, die ich unterwegs während meiner winterlichen Rundreise gesammelt hatte, Bilder, die mich in diesen trüben Tagen aufgemuntert hatten. Als erstes war da der große schwarze Mann in Idar-Oberstein, eine Erscheinung wie aus einem Märchenbuch. Es regnete in Idar-Oberstein. Schriftsteller auf Lesereise lassen sich mit Seelen im Fegefeuer vergleichen. Sie warten auf den Rest der Ewigkeit, ohne recht zu wissen, wie sie ihre Tage bis zu diesem glücklichen Augenblick verbringen sollen. Die Lesung vom Vortag in Birkenfeld war vorbei, das Publikum war ruhig und aufmerksam gewesen, ich hatte ohne Mikrofon gesprochen, keiner hatte gehustet, und jetzt durfte ich durch die Hauptstraße der Edelsteinstadt schlendern und mir die Opale und Saphire in den Schaufenstern ansehen, als seien es meine.

Plötzlich vernahm ich laute Stimmen in einer mir unbekannten Sprache, es klang wie Gesang. Ich ging darauf zu und sah, wem diese Stimmen gehörten, drei Königen, die zu früh zum vereinbarten Treffen erschienen waren, große schwarze Männer, von denen einer ein langes Gewand in der liturgischen Farbe des Advents trug, eine Steigerung von Violett, es tauchte die gesamte verregnete Straße in eine betörende Glut. Vielleicht hatten sie soeben einen Sack Edelsteine aus ihren blutigen Heimatländern verkauft, jedenfalls waren sie frohgemut, ihre Stimmen schallten laut durch die kalte Winterluft, und ich beschloss, sie als Lichtpunkt an meinen Weihnachtsbaum zu hängen.

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