Aktuell: Terror in Paris | Kolumne "Gastwirtschaft" | Skispringen, Wintersport | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Eintracht Frankfurt

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

02. Dezember 2012

Gastbeitrag : Nach dem Atomzeitalter

 Von Sylvia Kotting-Uhl
Foto: dapd

Deutschland steigt aus der Atomenergie aus, steckt aber noch 2,7 Milliarden Euro in Atomforschung. Wenn die Energiewende funktionieren soll, muss sich das ändern.

Drucken per Mail

Am 30. Juni 2011 wurde im Deutschen Bundestag die Lehre aus dem GAU von Fukushima gezogen. In der Umsetzung des mit überwältigender Mehrheit beschlossenen Atomausstiegs kommt die Bundesregierung bis heute über ihren Abschaltplan für Atomkraftwerke nicht hinaus. Atomausstieg ist aber mehr!

Atomausstieg ohne Energiewende funktioniert so wenig wie Energiewende ohne Atomausstieg. Beides gehört zusammen. Der vollständige Umbau des Energiesystems ist komplex und greift tief in bisherige gesellschaftliche und wirtschaftliche Selbstverständlichkeiten ein. Es gibt viele offene Fragen zum zukünftigen Energiesystem – in gleichem Maß technische Fragen vor allem zu Speicher- und Netztechnik wie sozialwissenschaftliche Fragen zu Partizipation und Akzeptanz. Die Wissensdefizite werden zur Zeit von Anhängern des fossil-nuklearen Energiesystems gerne genutzt, um die Energiewende als nicht machbar darzustellen. Es ist Aufgabe der Bundesregierung, die öffentlichen Mittel für Energieforschung in die Beantwortung dieser Fragestellungen zu leiten. Das entspräche der Kanzlerin-Aussage die Energiewende sei das „wichtigste Projekt dieser Bundesregierung“.

Forschungspolitik ist in erster Linie Haushaltspolitik. Der Weg des Geldes gibt Auskunft über die Prioritäten der Bundesregierung. Und siehe da: Ungerührt vom beschlossenen Atomausstieg geht mehr als ein Drittel des 2,7 Milliarden Euro schweren 6. Deutschen Energieforschungsprogramms (2011 – 2014) weiterhin in atomare Forschung. Nur 300 Millionen Euro davon fließen in die notwendige Sicherheits- und Endlagerforschung. Mit mindestens 600 Millionen Euro wird dagegen die Erforschung von Kernfusion und Transmutation gefördert. Beides Technologien, die bei Anwendung Wiedereinstieg in atomare Großtechnologie bedeuten würden. Beides Technologien, die versprechen, was entweder nicht haltbar oder überflüssig ist.

Das finanziell größte Projekt atomarer Forschung ist die Kernfusion. Sie wird von Deutschland zusätzlich über Euratom in dem internationalen Gemeinschaftsprojekt ITER finanziert, dessen Kosten mittlerweile auf 17 Milliarden Euro geschätzt werden. Die EU trägt davon 45 Prozent.
Auch nach mehr als 60 Jahren Fusionsforschung weiß niemand, ob die Kernfusion jemals stabil funktionieren kann. Die sogenannte „Fusionskonstante“ sieht den Beginn der Energieproduktion immer in etwa 30 bis 35 Jahren. Von heute aus also etwa 2050. Falls sie je funktioniert, kommt die Kernfusion jedenfalls zu spät. 2050 ist das Zieljahr des Klimaschutzes: Die industrialisierten Länder werden gelernt haben müssen mit 5 bis 10 Prozent ihres heutigen CO2-Ausstoßes auszukommen.

Die Energieversorgung wird also in einem System der Effizienz zu 100 Prozent aus Erneuerbaren kommen. An zusätzlichem teuren Atommüll wird dann kein Bedarf bestehen. Für Länder, die ihre Energieversorgung noch aufbauen, wird die nur in riesigen Zentralanlagen entstehende Energie der Kernfusion finanziell unerschwinglich sein.

Ziel der Erforschung der Transmutation ist die Verkürzung der Halbwertszeit hoch radioaktiver Abfallstoffe auf etwa 500 Jahre. Es scheint heute eher unwahrscheinlich, dass die diversen notwendigen Prozesse für die Veränderung der Radionuklide je außerhalb des Labormaßstabs funktionieren können. Die entscheidende Frage ist nicht die nach der Erreichbarkeit des Forschungsziels, sondern ob eine Gesellschaft, die den Atomausstieg beschlossen hat, diese Technologie wollen würde.
Das Versprechen, uns von der Suche nach einem Endlager für den radioaktiven Müll zu befreien, kann die Transmutation nicht erfüllen.

Auch gelingende Transmutation hinterlässt Reste von Atommüll, die sicher verwahrt werden müssen. Ohne also die Lösung sein zu können, die sie verspricht, braucht Transmutation alles an atomaren Anlagen, was wir hinter uns lassen wollen: Schnelle Brüter oder entwickelte Brutreaktoren der sogenannten vierten Generation, Wiederaufarbeitungsanlagen, dazu Brennelementefertigung und „normale“ Reaktoren. Ein Forschungsprojekt, dessen Faszination für Atomforscher nachvollziehbar ist, das aber für eine Gesellschaft, die das Atomzeitalter hinter sich lassen will, ohne Mehrwert ist. Von der Forschung an der vierten Generation AKW lässt sich die Transmutationsforschung nicht sauber trennen. In der Anwendung hat nur beides gemeinsam Sinn.

Diese Forschungen werden von Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern finanziert. Die Bundesregierung steigt weder national aus der atomaren Forschung aus, noch zeigt sie Bereitschaft sich auf EU-Ebene für eine Neuausrichtung des Euratom-Vertrages einzusetzen, der als Ziel immer noch die „Entwicklung einer mächtigen Kernindustrie“ beschreibt. Weder das Bekenntnis zum Atomausstieg noch die Energiewende als „wichtigstes Projekt“ sind so glaubwürdig. Auch die Energieforschung braucht den Atomausstieg!

Sylvia Kotting-Uhl ist atompolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Anzeige
Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Ölpreis

Wem Billig-Öl schadet

Von  |
Arbeiter an einer Öl-Pipeline.

Günstige Energie ist gut – aber sie muss aus der richtigen Quelle stammen, Öl ist die falsche. Der Druck schwindet, in eine umweltfreundlichere Zukunft zu investieren. Der Leitartikel. Mehr...

Terror und Meinungsfreiheit

Die Grenzen der Freiheit

Eine Litfaßsäule mit "Je suis Charlie"-Karikaturen beim Zeitungsverlegerverband in Berlin.

Gegen Terror und Pegida, für Freiheit, Demokratie und Vielfalt zu demonstrieren, ist gut und richtig. Aber wer Freiheit leben will, muss auch über ihre Grenzen reden. Nicht aus Angst, sondern aus Überzeugung. Der Leitartikel. Mehr...

Griechenland

Schaden für Europas Linke

Ein Schuldenschnitt ist in vielen Ländern der EU politisch nur schwer durchzusetzen, weil er letztlich auch auf Kosten der Steuerzahler geht.

Dass Griechenlands neuer Premier ausgerechnet eine Koalition mit den Rechtspopulisten eingeht, ist ein schlechtes Omen. Man kann nur hoffen, dass Syriza nicht daran zerbricht. Der Leitartikel. Mehr...

Leitartikel

Pegidas politische Stichwortgeber

Auch wenn die Teilnehmer es nicht glauben wollen: Einen Großteil ihrer Parolen bezieht die Pegida-Bewegung aus der Politik.

In den Parolen der Islam- und Ausländerfeinde spiegelt sich der Geist der Ausgrenzung, der auch die Flüchtlings- und Migrationspolitik der vergangenen Monate beherrscht hat. Mehr...

Leitartikel

Die europäische Frage

Der Vorsitzende des  Linksbündnisses Syriza, Alexis Tsipras, gibt seine Stimme ab bei der Wahl in Griechenland am Sonntag.

Nicht eine linke Partei in Griechenland ist das Problem der EU, sondern die soziale Spaltung, die Unzufriedenheit nährt. Und leider auch Populisten, die die Schuld immer bei Fremden suchen. Mehr...

Muslime in Deutschland

Die Heimat der Muslime

Muslime beim Nachmittagsgebet  in der Eyüp-Sultan-Moschee in Nürnberg.

Es gibt in diesem Land eine Vielzahl demokratischer islamischer Initiativen und Organisationen. Es wäre für sie an der Zeit, sich zu einer gemeinsamen Plattform zusammenzuschließen. Der Leitartikel. Mehr...

Papst Franziskus

Den Worten müssen Taten folgen

Papst Franziskus spricht von einer moderneren katholischen Kirche. Doch den Worten des Pontifex müssen auch Taten folgen.

Wenn er die Kirche wirklich verändern will, muss Papst Franziskus seinem Vorstoß zur Familienplanung Taten folgen lassen – und die traditionelle Lehre reformieren. Der Leitartikel der FR beschäftigt sich mit den Nachwirkungen der päpstlichen Worte. Mehr...

Weltwirtschaftsforum in Davos

Sozialstaat muss für Balance sorgen

Auf dem Weltwirtschafsforum in Davos wird zur Zeit auch über das Thema Ungleichheit diskutiert.

Der Graben zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Wenn die Politik nicht eingreift, werden Globalisierung und Digitalisierung die Gegensätze immer weiter verschärfen. Der Leitartikel. Mehr...

Pegida Demonstrationen

Der Freiheit droht der Bankrott

In Dresden durfte am Montag nicht demonstriert werden.

Der Staat sollte nicht alles tun, um die innere Sicherheit zu gewährleisten. Er muss vielmehr alles unterlassen, was im Streben nach dieser Sicherheit die Freiheit seiner Bürger einschränkt. Der Leitartikel. Mehr...

Vorratsdatenspeicherung

Im Reich der Paranoia

Unionsparteien wollen mehr Daten sammeln - obwohl solche Maßnahmen in anderen Ländern Terroranschläge nicht verhindert haben.

Wer damit rechnen muss, überwacht zu werden, verhält sich nicht mehr frei. Deshalb gefährden die Maßnahmen, die jetzt wieder diskutiert werden, die Freiheit und das Gemeinwohl. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige