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20. Mai 2011

Gastbeitrag: Da ist viel Schweigen im Geschrei

 Von Karl Heinz Götze
Professor Karl Heinz Götze lehrt deutsche Literatur und Ideengeschichte in Aix-en-Provence.  

Alte kulturelle Differenzen offenbaren sich in den französischen und anglo-amerikanischen Reaktionen auf den Fall Strauss-Kahn. Und viel Scheinheiligkeit.

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Hat er oder hat er – eben – nicht? Hat er mit Gewalt? Oder hat er nur mit Gewalt wollen? Ist er reingelegt worden? Von wem? Worein? Seit Tagen berichten die französischen Medien nur darüber. In den Nachrichten, aber auch in den Kneipen, am Arbeitsplatz, an meinem zum Beispiel.

Man könnte das damit erklären, dass Dominique Strauss-Kahn, allen Umfragen zufolge Favorit für die Präsidentschaftswahl 2012, vor dem New Yorker Untersuchungsrichter alle Chancen auf das höchste französische Staatsamt auf einen Schlag eingebüßt hat. Mit ihm wohl die Sozialistische Partei. Nicolas Sarkozy reibt sich die Hände und lässt peu à peu den hoffnungsvollen Bauch seiner Frau veröffentlichen, den Bauch, der ihn als Pater Patriae beglaubigt. Die Umfragewerte stiegen prompt.

Aber auch in den anglo-amerikanischen Medien, ein bisschen moderater in den deutschen, ist Strauss-Kahn der Aufmacher, mit Fotos, die ihn gern als alternden Wüstling zeigen. Der Anmacher als Aufmacher. Dabei zeigen sich in seltener Deutlichkeit jahrhundertealte Differenzen zwischen der anglo-amerikanischen und der französischen Kultur. 57 Prozent der Franzosen sind davon überzeugt, dass Strauss-Kahn Opfer eines Komplotts ist. Warum sollte ein reicher, mächtiger, charmanter Mann, notorischer Liebling vieler Frauen, bisher nicht durch Gewaltakte auffällig geworden, eine Putzfrau mittleren Alters aus der Bronx vergewaltigt haben, wo vermutlich ein Anruf beim Portier genügt hätte, um für ein Zehntel des Zimmerpreises eine Prostituierte zu bestellen? Nein, die Geschichte ist wenig plausibel.

Strauss-Kahn ist, wie man früher im Deutschen mit einem hässlichen Wort sagte, ein Schürzenjäger. Das wussten alle, die es wissen wollten. Französisch: ein séducteur, ein Verführer. Das galt und gilt seit den Libertins des Absolutismus in Frankreich eher als Qualität denn als Makel. Auch heute noch. François Mitterrand hat ein Doppelleben geführt, Jacques Chirac seine Frau häufig betrogen, Valéry Giscard d’Estaing brüstete sich in einem Buch, mit Lady Di intim gewesen zu sein. Rachida Dati, Justizministerin von Sarkozys Gnaden, wurde während ihrer Amtszeit uneheliche Mutter eines Kindes, dessen Vater sie nicht preisgab, ohne dass ihr das geschadet hätte. Die Franzosen glauben ebenso wie die Italiener nicht an Politiker ohne Unterleib, wohl, weil sie nicht ganz zu Unrecht denken, die Körperlust sei das Einzige, was sie mit ihrer politischen Klasse verbinde.

Die Meinungsführer der US-amerikanischen Gesellschaft, die ihr Machtzentrum über ein Jahr wegen des Präsidenten konsensuellem Oralverkehr mit einer Praktikantin gelähmt hat, finden es hingegen mehr als plausibel, dass ein Mann, der außerehelich Frauen begehrt, bei Widerstand auch zum Colt greift. Sie können dem Gedanken, dass der Triumph des Don Juan weniger die Reibung von Schleimhäuten als die Eroberung der Zustimmung der Verführten ist, wenig abgewinnen.

Ähnlich tiefgreifend sind die Unterschiede im Rechtsempfinden. Die französische Öffentlichkeit war schockiert über die Bilder, die DSK vor Gericht in Handschellen zeigten. Sie steht dem großen Einfluss der Medien wie der Geschworenen skeptisch gegenüber und fürchtet Populismus. Zu Recht. Die Befürworter des US-Strafjustizsystems verweisen hingegen darauf, dass nichtöffentliche Vorverhandlungen allein vor Berufsrichtern die Kumpanei der Eliten befördere. Auch zu Recht.

Es steckt viel kulturelle Differenz in den Reaktionen auf den Fall von Strauss-Kahn. Und viel Scheinheiligkeit. Vor allem aber ist viel Schweigen im lauten Geschrei, Schweigen nicht nur über sexuelle Gewalt. Wir werden vielleicht nie erfahren, was wirklich geschah, aber eines ist klar: Der Fehler ist nicht der Körper und nicht das Begehren, der Fehler liegt in der Machtverteilung. Die Macht, die dazu führt, dass die „zivilisatorische Selbstzucht“ (Norbert Elias) samt der dazu gehörigen Klugheit partiell außer Kraft gesetzt wird. Juristisch wie moralisch ist es ein großer Unterschied, ob man Doktorarbeiten abschreibt oder in Vergewaltigungsverdacht gerät. Gemeinsam aber ist daran, dass dort, wo man alltäglich über Milliarden entscheidet und zusätzlich noch geliebt wird von den Medien wie vom Volk, die Bodenhaftung leicht verloren geht. Keine Gesellschaft wird je die Triebdurchbrüche von Gewalttätern ganz abschaffen können. Aber Strauss-Kahn ist kein Triebtäter ohne Möglichkeit der Selbstkontrolle. Sonst wäre seine politische Karriere nicht möglich gewesen.

Lenin hat 1917, als seine Ideen begannen, schlechte Wirklichkeit zu werden, die Utopie formuliert, dass eine Köchin den Staat regieren könne. Brecht hat dazu angemerkt, das setze sowohl eine Veränderung der Köchin als auch des Staats voraus. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen eine Putzfrau den IWF leiten könnte. Es könnte ein vorbeugendes Mittel gegen Vergewaltigungsvorwürfe, gegen Vergewaltigung und gegen politisches Komplott zugleich sein.

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