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28. Juni 2012

Gastbeitrag: Das Schweigen muss gebrochen werden

 Von Dagmar Ziegler

Es gibt in Deutschland mehr als sieben Millionen Analphabeten. Doch die Öffentlichkeit nimmt kaum davon Notiz. Wir dürfen sie nicht alleinlassen.

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Es gibt in Deutschland mehr als sieben Millionen Analphabeten. Doch die Öffentlichkeit nimmt kaum davon Notiz. Wir dürfen sie nicht alleinlassen.

Mehr als sieben Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren können nicht richtig lesen und schreiben. Nicht irgendwo auf der Welt, sondern bei uns in Deutschland. Die Betroffenen würden 93 Mal in das Dortmunder Westfalenstadion passen. Durch die leo.-Level-One Studie wurde diese Zahl 2011 endlich bekannt und hätte Politik, Gesellschaft, Medien und Unternehmen wachrütteln müssen. Doch das ist bislang ausgeblieben. Das Thema gilt noch immer als Tabu.

Was funktionaler Analphabetismus bedeutet, zeigt das Beispiel von Michaela. Sie arbeitet als Reinigungsfachkraft. Ihre Chefin ist hoch zufrieden mit ihrer Arbeit und will sie deshalb zur Einsatzleiterin befördern. Statt sich zu freuen, kündigt Michaela. Scheinbar völlig grundlos. Doch Michaela kann nicht ausreichend lesen und schreiben. In ihrer neuen Funktion hätte sie Einsatzpläne verfassen müssen. Das kann sie nicht.

Genau wie Michaela, haben die meisten funktionalen Analphabeten schlechtere Lebenschancen, müssen Abstriche im Berufsleben hinnehmen und sind stark eingeschränkt in ihrer gesellschaftlichen, kulturellen und medialen Teilhabe. Doch der funktionale Analphabetismus wird als Problem in Deutschland weitgehend ignoriert. Die Betroffenen sprechen aus Scham kaum über ihre Lebenssituation und bilden keine Lobby. Unternehmen machen nicht öffentlich, dass sie funktionale Analphabeten beschäftigen, aus Angst ihre Kunden zu verlieren. Die mediale Aufmerksamkeit ist ebenfalls gering. Wegen dieses Schweigens beachtet auch die Politik das Thema kaum. Das muss anders werden.

Vorbild Großbritannien

Großbritannien hat uns vorgemacht, wie man das Problem erfolgreich bekämpfen kann. Dort zeigt eine zehnjährige Alphabetisierungs-Offensive messbare Erfolge. Die Briten haben die Mittel zur Bekämpfung von Analphabetismus deutlich aufgestockt. Vor allem haben sich die entscheidenden Akteure klare Ziele gesetzt und sich gut vernetzt: die Heranführung von Menschen ans Lesen und Schreiben wurde zur nationalen Kraftanstrengung. Eine entsprechende Alphabetisierungs-Dekade ist auch in Deutschland nötig. Dabei muss eine wichtige Maßnahme sein, das Kursangebot für funktionale Analphabeten deutlich auszuweiten. Momentan gibt es rund 30 000 Kursbesucherinnen und -besucher pro Jahr. Bliebe es dabei, bräuchten wir ganze 250 Jahre, bis alle heutigen funktionalen Analphabeten in Deutschland einen Kurs besucht haben. Aktuell stemmen Volkshochschulen und andere Träger die Kurse fast im Alleingang. Der Bund muss sich hier viel stärker beteiligen – auch dazu muss das Kooperationsverbot in der Bildung fallen. Ansetzen müssen wir aber noch viel früher: Kitas bieten die Möglichkeit, Kinder sprachlich zu fördern. Je früher diese Förderung erfolgt, desto nachhaltiger der Erfolg. Auch das ist ein Grund, warum der Kitaausbau der richtige, das Betreuungsgeld der komplett falsche Weg ist.

Zusätzlich benötigen wir Angebote, die die ganze Familie in den Blick nehmen. Das können aufsuchende Hilfen in Stadtteiltreffs oder Einkaufszentren sein, die sowohl Kinder als auch Eltern an Schrift heranführen. Denn der Umgang mit Büchern, das Schriftbewusstsein und die Schreibpraxis von Kindern wird fast ausschließlich vom Elternhaus geprägt.

Zeitgleich muss sich das deutsche Schulsystem das Ziel setzen, keinen einzigen funktionalen Analphabeten ins weitere Leben zu entlassen. Der flächendeckende Ausbau von Ganztagsschulen ist der richtige Weg, um bessere individuelle Förderung und mehr Zeit für gemeinsames Lernen zu gewährleisten. Zu guter Letzt bieten vor allem Neue Medien eine gewaltige Chance für die Verbesserung von Lese- und Schreibkompetenz. Wir müssen diskrete Lernangebote im Internet bekannt und zugänglich machen. Gerade digitale Lernmaterialien werden von den Betroffenen äußerst positiv bewertet und müssen Teil einer Alphabetisierungs-Dekade sein.

Viele funktionale Analphabeten entscheiden sich häufig nach persönlichen Schlüsselerlebnissen, ihr Leben zu verändern. Nach der Trennung vom Partner fällt oft die Vertrauensperson weg, die die Korrespondenz mit Behörden übernommen oder Versicherungen abgeschlossen hat. Ein solches Erlebnis kann auch sein, den eigenen Kindern eingestehen zu müssen, ihnen nicht bei den Hausaufgaben helfen zu können. Im (fiktiven) Fall von Michaela war es die Beförderung, die zu einem Kurs an der Volkshochschule bewegt. Es ist mühsam, im Erwachsenenalter richtig lesen und schreiben zu lernen. Die alphabetisierte Gesellschaft zeigt wenig Verständnis für den Kursbesuch. Denn das Thema ist extrem tabuisiert. Dieses Schweigen muss eine Alphabetisierungs-Dekade als aller erstes ändern. Die Öffentlichkeit muss sensibilisiert werden, denn die Betroffenen brauchen Hilfe und Verständnis. 7,5 Millionen Menschen in Deutschland dürfen nicht länger alleingelassen werden. Das muss unser aller Interesse sein.

Dagmar Ziegler ist Stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion.

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