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23. September 2010

Gastbeitrag: Das verdrängte Elend

 Von Claus Fussek

Die Mängel in der Betreuung alter und pflegebedürftiger Menschen sind bekannt. Doch vor Reformen, die was kosten, schrecken viele zurück.

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Bitte versetzen Sie sich in die Situation pflegebedürftiger, behinderter, alter, kranker Menschen. Möchten Sie in einem Pflegeheim „untergebracht“ werden? Möchten Sie mit einem fremden Menschen ein Doppelzimmer teilen? Möchten Sie im Minutentakt gepflegt werden?

Wir haben massive Probleme in der Pflege. Alle wissen darüber Bescheid: Angehörige, Pflegekräfte, Heimleiter, Besucher, Ehrenamtliche, gesetzliche Betreuer, Ärzte, Seelsorger, Therapeuten, Zivildienstleistende, Rettungssanitäter, Sozialdienste, Heimaufsicht, Kostenträger, Altenpflegeschulen, Gewerkschaften, Berufsverbände, Berufsgenossenschaft und Bestatter. Doch niemand redet darüber.

Obwohl jeder Mensch, jede Familie davon betroffen werden kann, werden die Themen Behinderung, Alter, Pflegebedürftigkeit kollektiv verdrängt. Leider ist auch die öffentliche Wirkung der Berichte über nicht zu verantwortende Lebens- und Arbeitsbedingungen enttäuschend. Als die Prüfberichte des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen veröffentlicht wurden, hielt sich das gesellschaftliche Interesse in Grenzen. Die Politik hielt sich bedeckt, sie wollte „die alten Menschen nicht verunsichern“. Die meisten Heimträger waren empört − aber leider nur über die „Skandalisierung“ in den Medien, nicht über die beschämenden Missstände. Der Paritätische Wohlfahrtsverband verharmloste die Zustände sogar und sprach zynisch von „verantwortungsloser Stimmungsmache“. Übrigens: Zu diesen Verletzungen der Menschenrechte schweigen auch die Kirchen. Kein Zeichen des Bedauerns, kein Mitgefühl, keine Entschuldigung. Niemand schämt sich. Das Schicksal behinderter, pflegebedürftiger Menschen beunruhigt wenige – man braucht sie ja nicht mehr.

Statt dieser unheimlichen Allianz des Schweigens, Verdrängens, Leugnens, Wegschauens, Beschwichtigens und Vertuschens brauchen wir endlich eine Allianz der Verantwortung und der Zivilcourage. Wir alle haben es in der Hand, was aus dieser Pflege wird. Wir alle sind die Gestalter, sind mitverantwortlich für das Gelingen und auch für das Scheitern.

Was die alten Menschen wollen, ist kein Luxus, sondern es sind Selbstverständlichkeiten, bescheidene Wünsche, Normalität. Sie wollen Selbstbestimmung, in der eigenen Wohnung leben, am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Alte, behinderte und pflegebedürftige Menschen wollen Sicherheit, Schutz, sich wohlfühlen, einen respektvollen Umgangston, Verständnis, geduldige Pflegekräfte, ein Recht auf Schutz der Intimsphäre, auf Schmerzfreiheit und (fach-)ärztliche Versorgung.

Zusammen mit vielen Mitstreiterinnen fordere ich gebetsmühlenartig die Einhaltung folgender „Mindestanforderungen für eine menschenwürdige Grundversorgung“, die man auch als „Gebote“ oder Grundrechte für eine alternde Gesellschaft bezeichnen könnte:

− Jeder pflegebedürftige Mensch muss täglich seine Mahlzeiten und ausreichend Flüssigkeit in dem Tempo erhalten, indem er kauen und schlucken kann. Magensonden und Infusionen als sogenannte pflegeerleichternde und damit pflegevermeidende Maßnahme sind menschenunwürdig und eine Körperverletzung.


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− Jeder muss täglich so oft zur Toilette gebracht oder geführt werden, wie er es wünscht (Windeln und Dauerkatheter als pflegeerleichternde Maßnahmen sind menschenunwürdig und Körperverletzung).

− Jeder muss täglich (wenn gewünscht) gewaschen, angezogen, gekämmt werden und sein Gebiss erhalten.

− Jeder muss (auf Wunsch) täglich die Möglichkeit haben, sein Bett zu verlassen und an die frische Luft kommen.

− Jeder muss, wenn es schon Doppel- und Mehrbettzimmer gibt, wenigstens die Möglichkeit haben, den Zimmerpartner zu wählen oder abzulehnen.

− Jeder muss die Möglichkeit haben, in seiner Muttersprache zu kommunizieren. Trösten, Zuwendung, Zuhören, geduldig in den Arm nehmen dürfen nicht als „Kaviarleistungen“ abqualifiziert werden, „die man nicht abrechnen kann“ .

− Schließlich das finale Gebot: Jeder pflegebedürftige Mensch muss die Sicherheit haben, dass ihm in der Todesstunde wenigstens jemand die Hand hält, vielleicht auch ein Gebet spricht, damit er nicht allein und einsam sterben muss.

Sind diese Forderungen zu teuer, nicht finanzierbar, Luxus in einem reichen Land? Diese Mindestanforderungen müssen in einem Land, das den Anspruch hat, die Menschenrechte besonders zu achten, selbstverständlich sein. Voraussetzung zur Realisierung dieser Forderungen ist selbstverständlich, dass es genug verständnisvolle, engagierte, fachlich und menschlich qualifizierte Pflegekräfte gibt. Die müssen auch so bezahlt werden, dass sie davon ordentlich leben können und unter menschenwürdigen Bedingungen arbeiten.

Claus Fussek ist Sozialpädagoge und Pflegeexperte. Er arbeitet für die Vereinigung Integrationsförderung München und ist Mitautor des Buches „Im Netz der Pflegemafia“.

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