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23. September 2011

Gastbeitrag: Den Schulkompass neu ausrichten

 Von Annegret Kramp-Karrenbauer und Andreas Storm
Rechnen lernen in der Grundschule. Foto: dpa

Das alte dreigliedrige Schulsystem ist passé. Ein Plädoyer für das saarländische Zwei-Säulenmodell.

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Erfolgreiche Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit“, hat Erwin Teufel, der ehemalige Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, einmal als sein politisches Credo ausgegeben. Diesen Satz sollten wir uns insbesondere dann im Sinn haben, wenn wir über ein zukunftstaugliches Bildungssystem diskutieren.

Wie aber sieht die Wirklichkeit in Deutschland aus? Die Schülerzahlen gehen derzeit überall drastisch zurück. Im Saarland liegt der Rückgang bei etwa 30 Prozent, in den neuen Bundesländern haben sich die Schülerzahlen bereits halbiert. In neun Jahren wird es 1,3 Millionen Schülerinnen und Schüler weniger an unseren Schulen geben. In Hessen besuchen nur noch vier Prozent der Schüler eine Hauptschule, in Nordrhein-Westfalen sind es gerade einmal neun Prozent. Das ist nicht verwunderlich, denn nur noch zwei Prozent der Eltern von Grundschülern wünschen sich für ihr Kind einen Platz an der Hauptschule. Hinzu kommen die Ergebnisse aus der Pisa-Studie. Pisa hat gezeigt, dass in Deutschland viele Kinder hinter ihren Möglichkeiten zurück bleiben. Damit dürfen wir uns nicht abfinden, denn es geht um die Zukunftschancen kommender Generationen. Wir müssen frühzeitig gegensteuern.

Im Saarland nehmen wir dabei das gesamte Bildungssystem von der frühkindlichen Bildung bis hin zur Universität in den Blick. Priorität hat die frühkindliche Bildung. Gleichzeitig werden wir unser Schulsystem so fortentwickeln, dass jedes Kind – unabhängig von seiner Herkunft – nach seiner Leistungsfähigkeit und seinen persönlichen Bedürfnissen gefördert wird. Ein differenziertes, durchlässiges Schulsystem mit einem qualitativ guten Unterricht, das Eltern tatsächliche Wahlfreiheit belässt, ist unser Angebot. Da wir vermeiden wollen, dass bei zurückgehenden Schülerzahlen auf Dauer viele Schulen geschlossen werden müssen, haben wir auch unsere Schulstruktur dem demographischen Wandel angepasst. In der Praxis bedeutet das: Abkehr vom alten dreigliedrigen Schulsystem aus Haupt-, Realschule und Gymnasium und Aufbau eines Zwei-Säulenmodells aus Gemeinschaftsschule und Gymnasium.

Das Saarland war das erste westliche Bundesland, das diesen zukunftsweisenden Weg eines Zwei-Säulenmodells gegangen ist – mit vielen Vorteilen für Eltern und Kinder. Im allgemeinbildenden Bereich haben Eltern künftig Überblick und Sicherheit bei der Schulwahl ihrer Kinder. Zwei Wege stehen für die Schulentscheidung offen: die Gemeinschaftsschule oder das grundständige Gymnasium. Rund 42 Prozent aller Schüler wechseln im Saarland nach der Grundschule zum Gymnasium. Die große Beliebtheit dieser Schulform bei Eltern und Schülern zeigt: das Gymnasium als erster Weg zum Abitur hat sich bewährt und ist zu einem Erfolgsmodell geworden.

Auch in Zukunft bleibt es daher als tragende Säule unseres Schulsystems erhalten und in der Verfassung gesichert. Zentrale Abschlussprüfungen an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen sorgen für eine hohe Bildungsqualität. In der Gemeinschaftsschule können Schüler den Hauptschul- oder den mittleren Bildungsabschluss machen. Über eine eigene Oberstufe oder Oberstufenverbünde ist das Abitur dort in neun Jahren erreichbar. Die neue Gemeinschaftsschule ist damit eine echte Alternative zur verkürzten Lernzeit im achtjährigen Gymnasium. Gleichzeitig wird der Druck von Eltern und Kindern genommen, sich frühzeitig für eine bestimmte Schulform entscheiden zu müssen. Die Gemeinschaftsschule ist das Gegenteil einer Einheitsschule für alle. Denn die Schülerinnen und Schüler werden ihren unterschiedlichen Begabungen und Leistungen gemäß gefördert. Da die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Bildungsgängen so lange wie möglich erhalten bleibt, haben auch schulische Spätentwickler die Chance, sich weiter zu entwickeln und den höchstmöglichen Abschluss anzustreben.

Bei allen bildungspolitischen Diskussionen in Deutschland sollten wir nie vergessen: Nicht auf das Türschild, sondern auf die Lerninhalte kommt es an ! Deshalb ist der Kampf um das alte dreigliedrige Schulsystem ein Kampf von gestern. Er geht an der Wirklichkeit vorbei. Eltern haben andere Sorgen als ideologische Schulstrukturdebatten. Sie wollen gute Schulen für ihre Kinder, möglichst einheitliche Bildungsstandards und vergleichbare Schulsysteme, damit nicht jeder Ortswechsel in Deutschland zu einem Problem wird. Mit dem Zwei- Säulenmodell aus Gymnasium und Gemeinschaftsschule haben wir uns im Saarland der veränderten Wirklichkeit gestellt. Auch mit Blick auf die aktuelle Diskussion innerhalb der Union um die richtige Schulstruktur gilt: Mit diesem zukunftsweisenden Weg verlieren wir als christdemokratische Partei weder unseren Markenkern noch den schulpolitischen Kompass. Wir richten vielmehr unseren Kompass neu aus hin zu einem demographietauglichen Bildungssystem.

Annegret Kramp-Karrenbauer ist Ministerpräsidentin des Saarlandes.Andreas Storm ist Chef der saarländischen Staatskanzlei.

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