Aktuell: Oscar-Verleihung | NSU-Prozess | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Terror in Paris | Ukraine

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

07. November 2012

Gastbeitrag: Desertec am Scheideweg

 Von Friedrich Führ
Friedrich Führ, Desertec-Stifter.  Foto: Desertec

Die Hitze der nordafrikanischen Wüsten in Strom zu verwandeln, war eine große Zukunftsverheißung. Aber es geht schleppend voran.

Drucken per Mail

Desertec wurde im Jahr 2009 als sogenanntes Wüstenstrom-Projekt schlagartig bekannt. Bis 2050 sollen 15 Prozent des europäischen Strombedarfs mit günstigem Solar- und Windstrom aus der nordafrikanischen Wüste gedeckt werden. Durch den Ausbau kann ein Beitrag zum Klimaschutz und zu stabilen Strompreisen geleistet werden. Verlustarme Gleichstromleitungen sollen den günstigen Grünstrom zum Teil auch nach Europa bringen. Die ersten Erfolge konnten sich sehen lassen. 2009 taten sich 12 Unternehmen und die gemeinnützige Desertec-Stiftung zusammen und gründeten eine Planungsgesellschaft, die Dii GmbH. Mittlerweile sind weitere Partner und Unterstützer beigetreten, insgesamt über 50 Unternehmen.

Die Dii-Gründung löste einen Medienhype aus. Mehrere Länder Nordafrikas verabschiedeten flugs eigene Solarpläne und interessierten sich für die Idee. Dass die Industrie sich mit einer gemeinnützigen Stiftung zusammentut, war ein Novum. In der Politik fand Desertec breite Zustimmung. Die Vision, die Wüsten der Erde für saubere und günstige Energieerzeugung zu nutzen, ist nach wie vor kraftvoll. In Berlin kommen in diesen Tagen über 400 Menschen zusammen, um sich über die aktuelle Entwicklung zu informieren.

Bei der Gelegenheit ist es legitim zu fragen, ob die Planungsgesellschaft ihre Ziele erreicht hat. Wie sieht die Bilanz der Dii aus? Vor einem Jahr wurde die Planung eines Kraftwerks in Marokko angekündigt. Der Bau soll 2013 beginnen, erster Strom bereits 2016 fließen. Eine scheinbar gute Nachricht mit dem Tenor: Wir sind schneller als geplant. Was wie ein greifbarer Erfolg der Dii aussieht, ist genau genommen aber Ausdruck einer falschen Strategie. Hauptauftrag der Dii war, den Weg zu bereiten, damit Desertec nicht länger durch politische Hürden behindert wird. Dafür sollte ein Plan ausgearbeitet und Forderungen an die Politik national und international formuliert werden.

Dieser Roll-out-Plan sollte aufzeigen, wie Desertec in Europa und Nordafrika umgesetzt werden kann. Darauf warten wir leider bis heute. Das kürzlich erschienene Papier „Desert Power 2050“ enthält wieder einmal viele gute Argumente für Wüstenstrom. Diese zu kennen und zu verbreiten, ist auch heute noch gut und wichtig. Ein zweiter Teil ist angekündigt, er soll „Getting started“ heißen. Starten? Jetzt erst? Der Titel ist entlarvend. Wir wissen nach drei Jahren immer noch nicht, was die Industrie von der Politik fordert, um Desertec zu realisieren.

Was es braucht, ist ein Masterplan, der einen Rahmen für eine Vielzahl von Wüstenstrom-Kraftwerken schafft. Und es braucht Führung. Dazu bedarf es belastbarer Beziehungen innerhalb der Organisation und nach außen, die durch diese Krise tragen. Ich war mir bei Gründung sicher, dass wir für die Formulierung der Forderungen an die Politik keine drei Jahre brauchen würden, wenn solch kompetente und potente Unternehmen wie Siemens, ABB, RWE, Schott Solar und die Deutsche Bank ihre Kompetenz bündeln und erarbeiten, was sie an Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Desertec brauchen. Doch die Dii hat es nicht geschafft, die Kompetenz der Partner dafür zu aktivieren und zu nutzen. Derweil schreitet die Energiewende voran, es werden weitreichende Festlegungen für die Zukunft getroffen – ohne Berücksichtigung von Desertec, weil sich die Dii an der Umsetzung des Pilotprojekts abarbeitet. Die Investitionsperspektive, die die Dii schaffen wollte, lässt auf sich warten. Für einige ist das sogar fatal. Ein erster Gründungsgesellschafter ist pleite. Andere gehen von Bord oder spielen zumindest mit dem Gedanken auszusteigen. Prominentestes Beispiel ist Siemens. Deutschlands größter Technologie-Konzern hat entschieden, seine Mitgliedschaft zum Jahresende auslaufen zu lassen.

Dieser Schritt von Siemens wäre eine herbe Enttäuschung. Zwar schließt Siemens seine Solarsparte, in der Übertragungs-Technologie und bei vielen Komponenten bleibt das Unternehmen aber ein wichtiger Akteur und könnte weiterhin viel zu Desertec beitragen. Auch Bosch denkt laut über einen Abschied von Desertec nach. Das sind schädliche Signale für Desertec und für die Unternehmen, die aussteigen. Sich zurückzuziehen, wenn es schwierig wird, zeigt, dass Nachhaltigkeit für einige nur ein Lippenbekenntnis ist.

Wie ernst nimmt der aktuelle Vorstand bei Siemens die eigene Vision eines grünen Unternehmens? Vielleicht korrigiert sich der Vorstand von Siemens in der letzten Sekunde, vielleicht bleiben Bosch und andere Wackelkandidaten dabei und bringen die Arbeit zu Ende. Das wäre gut und glaubwürdig. Denn jeder der Gesellschafter und Partner trägt Verantwortung für den unbefriedigenden Stand von Desertec und sollte sich jetzt stärker statt schwächer engagieren. Noch kann es ein großer Erfolg werden. Das Wüstenstrom-Projekt steht am Scheideweg.

Friedrich Führ ist Gründungsvorstand und -stifter der Desertec Foundation. Aus dem Vorstand schied er 2010 aus.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Anzeige
Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


CDU und SPD

Große Koalition ohne Visionen

Von  |
Sigmar Gabriel und Angela Merkel stehen an der Spitze einer Koalition ohne Visionen.

Die große Koalition regiert weit unter ihren Möglichkeiten – und den Notwendigkeiten. So wird ihre Regierungszeit trotz bester Rahmenbedingungen eine verlorene sein. Der FR-Leitartikel. Mehr...

Impfungen

Impfzwang ist vernünftig

Was spricht gegen die Pflicht, sich gegen Masern zu impfen?

Die Freiheit des Einzelnen endet da, wo sie andere gefährdet. Was spricht also gegen die Pflicht, sich zum Beispiel vor Masern zu schützen? Die Gesellschaft muss Verantwortung übernehmen. Der FR-Leitartikel. Mehr...

NSU-Prozess

Verfassungsschutz am Abgrund

Volker Bouffier spielt eine merkwürdige Rolle im NSU-Skandal.

Vieles spricht dafür, dass der hessische Inlandsgeheimdienst längst vor dem Kasseler NSU-Anschlag 2006 über den rechtsextremen Hintergrund der Mordserie Bescheid wusste. Auch die Polizei muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen - und Volker Bouffier. Der Leitartikel. Mehr...

Food-Lieferservices

Klicken statt Kochen

Essen vom Lieferanten liegt im Trend.

Digitale Food-Lieferservices sind ein globaler Wachstumsmarkt. Sie wandeln Essen und seine Verteilung in abstrakte Datensätze um. Die Frage, wer es wo und aus was zubereitet hat, verstummt aber zusehends. Mehr...

Schwarzfahrerei

Strafe muss nicht sein

Heute wird immer häufiger elektronisch kontrolliert.

Ärgerlich, dass bisher alle Versuche gescheitert sind, das Schwarzfahren zu entkriminalisieren und zur Ordnungswidrigkeit herunterzustufen. Den Steuerzahler kostet das viel Geld.  Mehr...

Leitartikel

Libysches Risiko

Vergeltung mit Luftschlägen gegen Stellungen des "Islamischen Staats": Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi.

Eine große Militärintervention in dem zerrissenen Land würde dem Islamischen Staat scharenweise neue Kämpfer in die Arme treiben. Die Welt muss es mit Befriedung versuchen. Mehr...

Europapolitik

Das Signal von Athen

Es gibt viele Baustellen in Griechenland, auch an der Akropolis.

Der Wahlsieg der griechischen Linken hat Alternativen zur neoliberalen Europolitik auf die Tagesordnung gesetzt. Das erklärt die Wutausbrüche ihrer unbelehrbaren Fahnenträger. Mehr...

Ukraine

Krieg ohne Sieger

Von  |
Kremlchef Wladimir Putin in Minsk.

Der Kompromiss von Minsk bietet die Chance für einen Neuanfang in der Ukraine. Während sich Putin als Gewinner inszeniert, muss sein Volk weiter auf einen Wandel warten. Der Leitartikel zum Ukraine-Krieg. Mehr...

Leitartikel

Pegidas Hass-Parolen wirken

Der kometenhafte Aufstieg der AfD als Konkurrenz von rechts und die Parolen der Pegida-Demonstranten, so scheint es, haben ihre Spuren bei den Unionsparteien hinterlassen.

Innenminister Thomas de Maizière vergleicht das Kirchenasyl mit religiös motivierter Gewalt. Das ist absurd, und es zeigt, dass die Parolen der Islamhasser schon wirken. Der Leitartikel. Mehr...

HSBC

HSBC: Profit dank Krieg und Terror

Zehntausende von Kunden haben mehrere Milliarden Dollar in der Schweiz versteckt.

Beim jüngsten Bankskandal geht es nicht nur um die Gier von Reichen, die sich auf Kosten der Armen schadlos halten. Es geht auch um Krieg und Terror und den Profit, den sie bringen. Der Leitartikel. Mehr...

Anzeige