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16. November 2012

Gastbeitrag: Ein Autor muss dem Wort verpflichtet sein

 Von Oliver Reese
Michel Friedmann wirft den Autoren Grass und Walser indirekt Antisemitismus vor - und soll nun von letzerem verklagt werden. Foto: Andreas Arnold

Ich lade Martin Walser zum öffentlichen Gespräch über Antisemitismus mit Michel Friedman ins Schauspiel Frankfurt ein. Eine Klage gegen ihn ist der falsche Weg.

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In einem Interview hat Michel Friedman dieser Tage zwei der großen Männer der deutschen Literatur, Martin Walser und Günter Grass, indirekt des Antisemitismus bezichtigt. Friedman beklagt den neu ausgebrochenen Rechtsterrorismus, das Versagen der Verfassungsschutzorgane und erkennt einen neuen Rassismus, der „unverschämter, lauter und sichtbarer“ geworden sei. „Pamphlete in Rede- und Gedichtform“ der beiden Autoren würden helfen, Antisemitismus salonfähig zu machen. Im Fall von Grass dreht es sich um dessen zuletzt publizierte Gedichte, die für weitreichende Proteste gesorgt haben, bei Walser bezieht sich Friedman explizit nicht auf dessen Literatur, sondern auf dessen Rede in der Frankfurter Paulskirche anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahr 1998. Martin Walser hat nun mit einer strafrechtlich relevanten Beleidigungsklage reagiert.

Zur Erinnerung: Walsers Rede hatte seinerzeit einen Sturm der Entrüstung unter Intellektuellen ausgelöst, in der Bevölkerung aber auch viel Zuspruch erhalten. Das mag daran gelegen haben, dass hinter seiner wohlformulierten „Sonntagsrede“ eine Haltung zutage kam, die auch an manchem deutschen Stammtisch gern bezogen wurde. Walser hatte eine „Dauerpräsentation unserer Schande“ in den Medien beklagt, womit er sich ausdrücklich auf den Holocaust bezog. Er hatte unterstellt, dass eine „Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken“ stattfinde statt eines echten Gedenkens. Vielen war wohl recht, dass nun sogar ein deutscher Schriftsteller genug hatte – und es sich zu sagen traute!

Martin Walser muss also schon seit geraumer Zeit und immer wieder mit Vorwürfen leben, die ihn in einer rechten Ecke sehen. In einem offenen Brief einiger Literaten wurde ihm im Jahr 2002 ein „Dauerflirt mit dem Antisemitismus“ anlässlich der Veröffentlichung seines Schlüsselromans „Tod eines Kritikers“ vorgeworfen – hier geht es unverhohlen um den jüdischen Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki –, und Frank Schirrmacher hatte in Walsers Buch ein „Repertoire antisemitischer Klischees“ diagnostiziert. Dagegen geklagt hat Walser seinerzeit nicht.

Warum also jetzt, warum gegen Friedman? Die Befürchtung drängt sich auf, dass Friedman, der kein öffentliches Amt mehr innehat, sich nur als freier Publizist äußert und nach seinem persönlichen Skandal im Jahr 2003 ohnehin mit einem torpedierten Ansehen leben muss, doch sehr allein steht. Allerdings – Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, hat sich ebenfalls dieser Tage geäußert – und gesagt, „so wie dieser (Friedman) haben wir alle im Zentralrat das (die Einschätzung von Walsers Friedenspreis-Rede) immer schon gesehen“. Wird Walser nun auch Dieter Graumann verklagen? Ich vermute nein.

In einem Gespräch mit Ignatz Bubis hat Walser seinerzeit selber gesagt – und so etwas wie Stolz klingt da wohl mit: „Die bis heute andauernden Reaktionen zeigen mir, dass genug Erfahrungsenergie in der Rede war, die die Leute nicht zur Ruhe kommen lässt.“ Damit hat er ganz offenbar recht gehabt. Bis heute. Und dass nun auch der im Kampf gegen Antisemitismus unermüdliche Michel Friedman nicht zur Ruhe kommen kann – wer will es ihm verdenken.

Ich habe Martin Walser und Michel Friedman zu einem öffentlichen Gespräch ins Schauspiel Frankfurt eingeladen, damit es eine direkte Auseinandersetzung geben kann, die mir für den Diskurs zu dem leider wieder aktuellen Thema Antisemitismus in Deutschland wichtig erscheint. Ich möchte diese Einladung an dieser Stelle wiederholen – Michel Friedman hat bereits zugesagt – und Walser gleichzeitig bitten, die Beleidigungsklage gegen Friedman fallen zu lassen. Ein Intellektueller, ein Schriftsteller zumal, muss der Kraft der Argumentation, des Wortes, verpflichtet bleiben, auch wenn es um polemische Worte geht. Er darf nicht den Diskurs durch einen juristischen Prozess ersetzen wollen. Streiten Sie mit Friedman, sehr geehrter Herr Walser, verklagen sie ihn nicht. Und sagen Sie uns, wie Sie heute über Ihre Rede von 1998 denken angesichts der NSU, angesichts eines tatsächlich weiter greifenden Rechtsradikalismus in Deutschland. Lassen Sie uns die „Erfahrungsenergie“ kritisch, von mir aus polemisch, nutzbar machen.

Sehr viel Kluges, auch heute noch Aufrüttelndes hat Marcel Reich-Ranicki damals gesagt. Ausgerechnet der Holocaust-Überlebende warnte: „Es gibt einige gefährliche Vokabeln, beispielsweise und vor allem die Vokabel Antisemitismus. Ich schlage vor, sie von nun an nur in Ausnahmefällen zu gebrauchen.“ Punkt. Pause. Stilles Nachdenken. Danke. Aber Reich-Ranicki hat damals, „Tod eines Kritikers“ war noch nicht erschienen, auch betont: „Martin Walser ist kein Antisemit.“ Er hat gesagt, dass Walser eine „verantwortungslose Rede“ gehalten hat. Ob Reich-Ranicki Verständnis hätte, wenn nun die gefährliche Vokabel mit deutschem Strafrecht beantwortet wird? Ich kann es mir nicht vorstellen.

Oliver Reese ist Intendant des Schauspiels Frankfurt.

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