Aktuell: Museumsuferfest Frankfurt | Türkei | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

21. März 2012

Gastbeitrag: Ein falsches Ideal

 Von Petra Bosse-Huber
Petra Bosse-Huber

Der biblische Gedanke, dass der Mensch nach Gottes Bild geschaffen ist, schließt Menschen mit Behinderungen nicht aus – im Gegenteil!g

Drucken per Mail

Hauptsache gesund! Für viele Menschen ist das die Wunschvorstellung einer schönen neuen Welt. Die Geburt „perfekter“ Kinder und die Funktionstüchtigkeit von Körper und Geist bis ins höchste Alter gehören zu dieser Vision dazu.

Im Sommer 2012 soll ein Bluttest auf den Markt kommen, der vielleicht ein Schritt hin zur Verwirklichung dieser Vision ist. Es ist ein Bluttest für Trisomie 21. Sein Vorteil: Ohne Fruchtwasseruntersuchung, also ohne das Risiko einer Fehlgeburt, kann untersucht werden, ob das im Mutterleib wachsende Kind Trisomie 21 haben wird – das sogenannte Down-Syndrom. Der Test wird nicht sofort flächendeckend eingesetzt, sondern erst einmal eine freiwillige Zusatzleistung sein, die Schwangere selbst bezahlen müssen.

Was verändert sich durch den neuen Test? Scheinbar nicht viel. Er wird wie bisher den Frauen angeboten werden, die aufgrund verschiedener Faktoren eine „Risikoschwangerschaft“ haben oder deren Ultraschalluntersuchung so auffällig war, dass weitere Tests angeraten erscheinen. Risikolos ist der Bluttest in Bezug auf die unmittelbaren körperlichen Auswirkungen für Mutter und Kind. Aber er birgt dasselbe Risiko wie alle pränatalen Diagnostikverfahren: dass sich herausstellt, dass „etwas nicht in Ordnung ist mit dem Kind“.

Und dann? Dann geht es plötzlich um schwerwiegende Fragen: Was bedeutet Trisomie 21? Wie stark wird unser Kind davon betroffen sein? Können wir uns das Leben damit vorstellen? Und was, wenn nicht? Schon bei dem bisher verwendeten invasiven Testverfahren werden zwischen 85 und 95 Prozent der Feten, bei denen Trisomie 21 festgestellt wurde, abgetrieben.

Ich weiß, wie schwer es sich betroffene Eltern mit ihrer Entscheidung für oder gegen eine Fortsetzung der Schwangerschaft machen, wie sorgsam sie von vielen Ärztinnen und Ärzten oder von den Schwangerschaftskonfliktberatungsstellen in diesem Prozess begleitet werden. Dass jede Einzelentscheidung mit guten Gründen getroffen wird und ihre Berechtigung hat, stelle ich nicht in Frage. Meine Sorge gilt aber dem gesellschaftlichen Kontext, in dem Eltern und Mediziner ihre ethischen Entscheidungen treffen. Denn dieser Kontext bestimmt, ob den Betroffenen ein Leben mit einem Kind mit Behinderung vorstellbar oder als ganz und gar ausgeschlossen erscheint.

Obwohl in Deutschland die Behindertenrechtskonvention der UN gilt und inzwischen Maßnahmen zur Inklusion etwa im schulischen, beruflichen und kulturellen Bereich voran getrieben werden, gibt es auch eine gegenläufige Bewegung, die Familien ein Leben mit Kindern mit Behinderungen erschwert.

Immer lauter wird die gesellschaftliche Haltung artikuliert, dass ein Leben mit Behinderung vermieden werden kann und daher auch vermieden werden soll. Das führt schon jetzt dazu, dass Eltern, die sich für ein Kind mit „Down-Syndrom“ entscheiden oder die ohne Test von der Diagnose überrascht werden, unter Rechtfertigungsdruck kommen. Diese Haltung wird noch dominanter werden, wenn nicht nur Trisomie 21, sondern mit fortschreitender Entwicklung entsprechender Tests auch andere Chromosom-Störungen mit Bluttests schnell und einfach „routinemäßig“ getestet werden können.

Eine solche Haltung widerspricht in vielerlei Hinsicht christlichen Grundüberzeugungen. Das christliche Menschenbild ist nicht ausgerichtet an einem Ideal von Perfektion, das ohnehin menschlich nicht zu erreichen ist. Unser Leben ist nicht perfekt. Das lässt sich auch nicht aus dem Leben heraus rechnen oder heraus forschen. Es gibt für keinen von uns ein Leben ohne Krankheit und ohne Einschränkungen. Das gehört zum Menschsein dazu. Wir erfahren und deuten unser „Leben als Fragment“, so hat es der Theologe Henning Luther formuliert. Für mich als Christin geschieht diese Deutung nicht außerhalb der Beziehung zu Gott, sondern gerade als Teil der Gottesbeziehung, wie angesichts des Leidens und Sterbens Jesu am Kreuz und an seiner Auferstehung deutlich wird.

Der biblische Gedanke, dass der Mensch nach Gottes Bild geschaffen ist, schließt Menschen mit Behinderungen nicht aus – im Gegenteil! Das hat spannende Konsequenzen für unser Bild von Behinderung und für unser Bild von Gott. Zum christlichen Menschenbild gehört bei aller Wertschätzung des Individuums ganz zentral die Überzeugung, dass menschliches Leben immer in Gemeinschaft stattfindet. Im „Leib Christi“ gehören alle Glieder zusammen, die starken und die schwachen. Für mich ist das ein Maßstab für eine humane Gesellschaft. Eine Gesellschaft verkümmert, wenn sie nicht mehr eine Solidargemeinschaft von Stärkeren und Schwächeren sein kann und will.

Was für eine Gesellschaft wollen wir sein? Das ist für mich eine Kernfrage – auch in der Debatte um „vermeidbare“ Behinderungen wie zum Beispiel Trisomie 21. Um die Beantwortung müssen wir ringen, nicht nur am Welt-Down-Syndrom-Tag.

Petra Bosse-Huber ist Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Zivilschutz

Von Angstpolitik profitieren die Populisten

Von  |
Erstaunlich, dass ein paar nicht mal ganz neue Tipps zur Vorratshaltung eine solche  mediale Erregungsspirale  auslösen können.

Demokraten müssen aufhören, die rechte Politik der Angst zu imitieren. Die Gesellschaft kann sich nicht gegen jedes Risiko schützen, sie kann aber Schwächen erkennen und beseitigen. Der Leitartikel.  Mehr...

Volkswagen

Falsche Unterstützung

Die Bänder rollen wieder: Volkswagen hat sich mit dem Zulieferer Prevent geeinigt.

Politiker haben sich im Streit zwischen Volkswagen und Prevent einseitig aufi die Seite des Konzerns geschlagen. Dieses Fehlverhalten gefährdet das Projekt VW. Der Leitartikel.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung