Meinung
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14. Juli 2012

Gastbeitrag: Es geht um die Freiheit zum Glauben

 Von Markus Dröge
Bischof Markus Dröge. 

Bei seinem Urteil über Beschneidung hat das Kölner Landgericht nicht sorgfältig genug ermittelt, was in der Waagschale liegt.

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„Der Kunde im Brooklyner Tuchgeschäft hat sich einen Stoff ausgesucht und wendet sich grinsend an den jüdischen Besitzer, Zalman Kowalski: „Geben Sie mir davon ein Stück, das von Ihrer Nasenspitze bis zur Spitze Ihres Geschlechts reichen würde.“ Zwei Tage später stehen fünf große Lastwagen vor dem Haus des Kunden. Der Kunde bekommt die Rechnung überreicht und eine kleine handgeschriebene Notiz: „With compliments von Zalman Kowalsky – wohnhaft in New York, beschnitten in Warschau.“ (Elena Loewenthal)

Die Vorhaut wurde am Ort der Beschneidung begraben, wie es üblich ist. Wer kennt noch die vielfältigen Bedeutungshorizonte der verschiedenen, religiös geprägten Kulturen? Weltweit aber ist jeder dritte Mann nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO beschnitten. Die Beschneidung bestimmt nicht automatisch die religiöse Identität. Religiöse Riten bekommen erst dann ihre theologische Bedeutung, wenn sie bewusst als Grundlage für die eigene Existenz angenommen werden. Martin Luther schrieb auf seinen Arbeitstisch mit Kreide „Ich bin getauft“, wenn er sich mit Sorgen und Zweifeln plagte. Zeichenhandlungen wie die christliche Taufe und die jüdische oder muslimische Beschneidung sind in vielen Religionen anerkannte Riten, um die Aufnahme in die Tradition der Vorfahren und in eine Beziehung zu Gott zu begründen.

Sinnvolle und schädliche Beschneidung

Was wir glauben oder auch nicht, hängt wesentlich von unserer Erziehung ab. Die Annahme, man könne ein Kind neutral erziehen, halte ich für falsch verstandene Liberalität. Diese scheinbar tolerant-neutrale Haltung ist ihrerseits nicht wertfrei, sondern deutlich weltanschaulich geprägt. Jeder hat bei uns die Möglichkeit, seine Religion zu wechseln oder zu verlassen, wenn er erwachsen ist. Das Bekenntnis der Eltern, die Kinder unter den Segen Gottes zu stellen, ist ein Liebesbeweis im eigenen Glauben. Eltern haben das Recht, über die Erziehung ihrer Kinder, auch über die religiöse Erziehung, zu entscheiden.

Das Kölner Gericht hat in der Frage der Beschneidung zwei Rechte gegeneinander abgewogen: das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes und das Elternrecht zur religiösen Erziehung. Es hat allerdings nicht sorgfältig genug ermittelt, was in den Waagschalen liegt. Medizinisch muss zwischen sinnvoller und schädlicher Beschneidung, religiös zwischen Elternrecht und religiöser Selbstbestimmung sensibel unterschieden werden. Niemand kann ernsthaft gegen ein Verbot gefährlicher Beschneidungspraktiken sein.

Navid Kermani sieht im Kölner Urteil einen Ausdruck von Vulgärrationalismus. Zu Recht. Mit einem vordergründig rationalen Ansatz, der sich selbst als absolut setzt, werden andere Rationalitäten respektlos behandelt. Der Vulgärrationalismus liebt zurzeit die Religionskritik. Dadurch gerät unsere Gesellschaft in eine schizophrene Situation. Einerseits wird nach orientierenden Werten gerufen, andererseits wird der Blick auf den Orientierungswert religiöser Traditionen verstellt. Kermani warnt: Vom Vulgärrationalismus ist der Weg nicht weit zum Biologismus. Die Warnung muss noch weitergehen: Vom Biologismus ist der Weg nicht weit zu totalitären Denkmustern. Aus geschichtlicher Erfahrung kennt unsere Verfassung deshalb den Transzendenzbezug als Schutzschild. Eine transzendent begründete Identität begrenzt die Hybris des Menschen, alles aus eigener Kraft zu wollen und sich die Götter selbst zu erschaffen. Diese Begrenzung tut auch unserer aufgeklärten Gesellschaft gut. Dafür braucht es die Freiheit, den Glauben mit all seinen Ritualen im rechtssicheren Raum leben zu können.

Symbol der Gottverbundenheit

In der Bundesrepublik haben wir ein gut austariertes Verhältnis von Religion und Staat. Sie sind getrennt voneinander, und doch aufeinander bezogen. Noch immer gilt das Wort des früheren Verfassungsrichters Ernst Wolfgang Böckenförde, dass der Staat von Voraussetzungen lebt, die er sich nicht selbst geben kann. Religionen machen in einer aufgeklärten Gesellschaft Menschen nicht klein oder demütig gegenüber Regierungen oder Wirtschaftsmächten. Sie machen selbstbewusst und tragen den sozialen Zusammenhalt. An einem Tag in der Woche gemeinsam zu ruhen, barmherzig zu Witwen, Waisen und Fremden zu sein, sich im Ehrenamt für die Gesellschaft zu engagieren, das sind Haltungen, die in unserer Kultur stark in religiösen Traditionen verwurzelt sind.

Wir reden bei der männlichen Beschneidung von einem Symbol der Gottesverbundenheit im jüdischen und muslimischen Glauben. Diese ist nicht zu verwechseln mit der weiblichen Genitalverstümmelung. Die fördernde Toleranz, die Religion aktiv leben lässt und gleichzeitig dort deutlich interveniert, wo aus religiösen Gründen Menschen verletzt werden, gehören zusammen. Das eine vom anderen zu unterscheiden, bedarf einer Weisheit, die genau wahrnimmt, was in den Waagschalen liegt.

Bischof Markus Dröge ist der geistliche Leiter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

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