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28. Juli 2011

Gastbeitrag: Gewalt im Christentum

 Von Gerd Lüdemann
Gerd Lüdemann

Der norwegische Terrorist Anders Behring Breivik hat sich als konservativer Christ bezeichnet und auch damit seine Gewalttat begründet. Das hat Tradition.

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Die ältesten Christen waren Juden und betrachteten das „Alte Testament“ als heilige Schrift und Wort Gottes. Den darin bezeugten Gott Israels, Jahwe, hielten sie für Jesu himmlischen Vater, der auch ihr Vater war. Innerhalb weniger Jahrzehnte schlossen sich zahllose Griechen der christlichen Bewegung an. Zwar hatten Juden viele Berührungspunkte mit der griechisch-römischen Welt, doch besaßen sie durch den Glauben an Jahwe, der Israel als sein Volk erwählt hatte, eine eigene Identität. Daher wird eine sachgemäße Beschäftigung mit dem frühen Christentum stets einen Blick auf das Judentum werfen.

Das erste Gebot mit seiner Forderung, allein Jahwe anzubeten, prägt – ebenso wie die Androhung und Durchführung von schweren Strafen im Falle des Ungehorsams – über weite Strecken das „Alte Testament“, so wie es uns heute vorliegt. Als Mitte des Alten Testaments gilt vielen das 5. Buch Moses. Seine priesterlichen Verfasser sehen sich als Werkzeuge Jahwes und fordern strenge Kultzentralisation, die Reinheit des Kultus sowie die rigorose Abgrenzung von anderen Völkern. Gekoppelt mit dem Gedanken der Einheit und Reinheit ist die Doktrin der Erwählung. Als Kehrseite davon herrscht nach außen die Abgrenzung und ein rituell begründeter Hass gegen alles vor, was nicht zu Israel gehört.

Diese Absonderungsideologie kehrten Theologen im babylonischen Exil (587–539 v.Chr.) konsequent gegen alle, die nicht zur reinen Kultgemeinde zählten. In ihr wurzelt die gedanklich vollzogene Ausrottung aller Kanaanäer; in ihr ist auch Psalm 137 zu Hause, der Rache fordert: „An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten. … Tochter Babylon, du Elende, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast. Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Fels zerschmettert!“

Nachdem Alexander der Große (356–323 v.Chr.) ein Weltreich geschaffen hatte, das durch die Einheit der griechischen Sprache, Sitte und Bildung zusammengehalten wurde, schien es einen Augenblick so, dass Israel dieser globalen Welt auf Dauer beitreten würde. Tatsächlich führten jüdische Kreise um 170 v.Chr. die gymnasiale Bildung in Jerusalem ein, machten die Welthauptstadt der Juden zu einer griechischen Polis und vollzogen im Tempel die Gleichsetzung von Zeus und Jahwe. Ihnen ging es um eine Art übernationaler Gottesidee, die in der Überzeugung wurzelte, es sei gleichgültig, unter welchem Namen man Gott anruft.

Fromme Juden meinten hingegen, all das sei eine Perversion des Glaubens Israels, denn an die Stelle Gottes sei ein Nicht-Gott getreten. Sie griffen zu den Waffen und errangen nach jahrzehntelangen Kämpfen die politische Unabhängigkeit, bis die Römer ein knappes Jahrhundert später das Intermezzo eines jüdischen Staates beendeten. Die jüdische Religion aber blieb. Sie „war die einzige des Orients und der hellenistischen Welt, in der die Verehrung fremder Götter grundsätzlich als Abfall betrachtet und mit dem Tod bestraft werden konnte“ (Martin Hengel). Die Kirche ist auf dem Boden des Judentums gewachsen.

Von ihm übernahmen die Christen den exklusiven Glauben an Jahwe und das Alte Testament als heilige Schrift. Bald fügten sie ihm das Neue Testament als Wort Gottes, hinzu. Die jüdische Mutterreligion gab an ihren christlichen Ableger nicht nur den intoleranten Monotheismus weiter, sondern auch das Bewusstsein, auserwählt zu sein – mit der tragischen Folge, dass die Kirche dieses sehr schnell gegen Israel kehrte und eine Ersatztheorie vertrat.

Das Zentrum des Neuen Testaments ist die Botschaft: Gott hat Jesus von den Toten erweckt und zum Herrn über den Kosmos gemacht. Jesus wird wiederkommen, die Toten lebendig machen, alle feindliche Herrschaft, Gewalt und Macht vernichten und dann die Königsherrschaft dem Gott und Vater übergeben. Christen würden – so meinte man – Anteil an der Gewalt Christi erhalten und am kosmischen Drama, das die Welt in Kürze überziehen werde, aktiv teilnehmen. Auch Jesus träumte davon, dass ein von ihm ausgewählter Zwölferkreis als Repräsentant des „wahren Israel“ das übrige Israel richten und dass seine Predigt die Königsherrschaft Gottes herbeiführen werde. Schließlich berauschte sich der Verfasser der „Offenbarung“, Johannes, an den Qualen der Vergeltung, die „Babylon“ (= Rom) erleidet.


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Allmachtsfantasien bestimmen so das Handeln von Hauptpersonen des Neuen Testaments. Man geht nicht fehl in der Annahme, dass die jeweiligen Jünger- bzw. Schülerkreise die gefährlichen Fieberträume verstärken.

Gewaltpotenziale beherrschen demnach beide Teile der Bibel von vorne bis hinten, sodass deren radikale Abrüstung nötig wäre. Der Status der Bibel als heiliger Schrift hat jedoch bisher ernsthafte Gespräche darüber verhindert, ob etwa ein Großteil des „Wortes Gottes“ zu ächten sei. Wir dürfen uns daher nicht wundern, wenn wahnsinnige Christen das Waffenarsenal der Heiligen Schrift weiter einsetzen.

Gerd Lüdemann ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Universität Göttingen.

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