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30. Mai 2012

Gastbeitrag: Langfristig sind wir alle tot

 Von 
 Foto: ddp

Ökonomen machen es sich zu leicht. Das Gerede über strukturelle Probleme am Arbeitsmarkt ist meist nur eine Ausrede, um nichts gegen die Arbeitslosigkeit zu tun.

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Kürzlich las ich einen vertrauenswürdig klingenden Artikel in der American Economic Review, der ausführlich darlegte, dass die hohe Arbeitslosenrate der USA tiefe strukturelle Wurzeln hat und nicht einfach schnell gelöst werden kann. Die Diagnose des Autors war, dass die US-amerikanische Wirtschaft einfach nicht flexibel genug ist, um mit dem rasanten technologischen Wandel mitzuhalten. Der Artikel kritisierte im Speziellen Programme wie Arbeitslosenversicherungen, die, so die Argumentation, den Arbeitnehmern sogar schaden, weil sie Anreize, sich an den Arbeitsmarkt anzupassen, verringern.

Zugegeben, da ist etwas, was ich Ihnen nicht gesagt habe: Der besagte Artikel erschien im Juni 1939. Nur ein paar Monate später brach der Zweite Weltkrieg aus und die USA – obwohl noch nicht selbst im Krieg – rüsteten kräftig auf – dieser staatliche Konjunktur-Anschub glich in etwa die Rezession aus.

In den zwei Jahren nach Erscheinen des Artikels über die Unmöglichkeit einer raschen Erholung des Arbeitsmarktes stieg die Zahl der Beschäftigten in den USA außerhalb der Landwirtschaft um 20 Prozent, was heute 26 Millionen neu geschaffenen Arbeitsplätzen entspräche.
Nun stecken wir in einer anderen Krise. Und wieder einmal behaupten vertrauenswürdig klingende Experten, dass unsere Probleme strukturell sind und dass sie nicht schnell gelöst werden können. Wir müssten uns langfristig ausrichten, sagen diese Leute, und glauben, dass sie verantwortungsbewusst sind. Aber in Wirklichkeit sind sie höchst verantwortungslos.

Was heißt es zu sagen, wir haben eine strukturelle Arbeitslosigkeit? Die übliche Variante beinhaltet die Behauptung, dass amerikanische Arbeitnehmer in den falschen Branchen oder mit den falschen Fertigkeiten Probleme haben. Ein weithin zitierter Artikel von Raghuram Rajan von der Universität Chicago beteuert, die Arbeitslosigkeit resultiere aus der Notwendigkeit, die Zahl der Arbeitsplätze in den aufgeblähten Sektoren Wohnungswesen, Finanzen und Verwaltung zu reduzieren.

Tatsächlich ist die Zahl der öffentlichen Beschäftigten im Vergleich zur Einwohnerzahl mehr oder weniger konstant geblieben. Aber der Punkt ist doch – ganz im Gegensatz zu dem, was solche Geschichten nahe legen –, dass der Stellenabbau seit der Krise nicht vor allem die Branchen getroffen hat, die mit der Spekulationsblase zuvor möglicherweise zu stark gewachsen sind.

Kaum Gewinner im Arbeitswettbewerb

Stattdessen gingen Arbeitsplätze in allen Wirtschaftsbereichen verloren, in nahezu jeder Branche und in allen Berufen, genau wie in den 1930er Jahren. Außerdem: Wenn das Problem wäre, dass viele Arbeitnehmer die falschen Fähigkeiten hätten oder am falschen Platz wären, würde man erwarten, dass die Arbeitnehmer mit den richtigen Fähigkeiten am richtigen Ort große Lohnerhöhungen bekommen würden. Tatsächlich gibt es aber sehr wenige Gewinner in der Erwerbsbevölkerung.


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Das legt nahe, dass wir nicht unter den anfänglichen Schmerzen eines wie auch immer gearteten strukturellen Übergangs leiden, der stufenweise seinen Verlauf nehmen muss, sondern eher an einer insgesamt viel zu niedrigen Nachfrage – ein Leiden, das schnell durch Regierungsprogramme, die dafür konzipiert sind, die Ausgaben anzukurbeln, geheilt werden könnte und sollte. Also was ist mit dem zwanghaften Versuch, unsere Probleme strukturell zu erklären? Die Antwort, die ich vorschlage, ist: Behauptungen, dass unsere Probleme tief und strukturell sind, bieten eine Entschuldigung dafür, nicht aktiv zu werden; dafür, nichts zu tun, um die Misere der Arbeitslosen zu verringern.

Natürlich sagen die Strukturalistas, dass sie sich nicht herausreden. Sie sagen, dass ihr eigentlicher Punkt der ist, dass wir uns nicht auf schnelle Lösungen, sondern auf die lange Sicht konzentrieren sollten. John Maynard Keynes durchschaute das Theater schon vor über 80 Jahren. „Aber diese lange Sicht“, schrieb er, „ist ein trügerischer Wegweiser für aktuelle Probleme. Langfristig sind wir alle tot. Ökonomen machen es sich zu leicht, wenn sie uns in stürmischen Zeiten nicht mehr zu erzählen haben, als dass der Ozean wieder ruhig ist, wenn sich der Sturm gelegt hat“.

Dem würde ich nur hinzufügen, dass es nicht nur unmenschlich und unwirtschaftlich ist, Gründe zu erfinden, um nichts gegen die Arbeitslosigkeit zu unternehmen. Es ist auch schlechte Politik. Es gibt Belege dafür, dass die zerstörerischen Folgen hoher Arbeitslosigkeit in den kommenden Jahren einen Mehltau auf die gesamte Volkswirtschaft legen werden.

Jedes Mal wenn selbstgefällige Politiker oder Experten damit anfangen, dass die Staatsschulden eine Last für die kommenden Generationen sein werden, erinnern Sie sich bitte daran, dass junge Amerikaner ein ganz anderes Problem haben als die Schuldenlast. Sie finden einfach keine Arbeit. Das Gerede über strukturelle Arbeitslosigkeit geht unseren tatsächlichen Problemen aus dem Weg. Das muss endlich ein Ende haben.

Paul Krugman ist Ökonomie-Professor in Princeton und Träger des Wirtschaftsnobelpreises.
Übersetzung: Nicole Lindenberg. © New York Times

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