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04. Januar 2013

Gastbeitrag: Oberbürgermeister der normalen Leute

 Von Oliver Reese
Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) gestaltet seine Amtszeit, wie er es für richtig hält und eckt damit nicht selten an.  Foto: dpa

Seit einigen Jahren ist Oliver Reese Intendant am Frankfurter Schauspiel. Und wurde ein aufmerksamer Beobachter jenes Schauspiels, das sich Frankfurt nennt. Den neuen Hauptdarsteller im Römer, Peter Feldmann, hält er für "taktisch wohl ganz gewieft".

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Ist man neu in Frankfurt, bekommt man rasch die Klischees geliefert, was das Besondere an dieser Stadt sei: Das am weitesten verbreitete ist das mit den großen Kontrasten auf engem Raum. Ja klar, das ist so – krasses Rotlichtviertel mit offenen Drückerstuben, New-York-artig nur eine Straße entfernt vom noblen Westend in die eine, vom zugig-hochaufschießenden Bankenviertel in die andere Richtung. Mit 25 Prozent Ausländeranteil ist Frankfurt die Hauptstadt des Migrationshintergrundes (man verzeihe mir die Flapsigkeit, wer an dieser Stelle endlich einen neuen Begriff prägt, hat sich um die deutsche Sprache verdient gemacht!), zugleich liebt man hier das bodenständig Hessische, ablesbar an der Hochkultur rund um den Äppelwoi und der Liebe zur Mundart-Dichtung.

Der nächste Klischee-Satz: Frankfurt ist ein Dorf. Das wollte ich anfangs nicht so recht glauben – ich habe lange in Berlin gelebt –, aber bald war klar, was gemeint ist. Im kleinen Kreise der sogenannten „Stadtgesellschaft“ (in Berlin käme man nie auf die Idee, von nur einer Gesellschaft in der Stadt zu sprechen!) kennt wirklich jeder jeden. Und alle wissen, was oder wer hier von Bedeutung ist. Frankfurt ist schnell, neue Leute werden rasch aufgenommen, darin hat man hier Übung: Schließlich ist die nächste Klischeebehauptung, dass sich alle sechs Jahre weite Teile der Bevölkerung austauschen, da muss man sich schon beeilen mit dem Kennenlernen. Irritation stellt sich allenfalls ein, wenn jemand nicht aufgenommen werden will.

Problembelastete Kieze prägen Alltag

Zwischen diesen scharfen Gegensätzen, zwischen den tektonischen Platten der Stadt, herrscht ein „Empfindliches Gleichgewicht“, um es mit einem Theaterstück-Titel von Edward Albee zu sagen. Dieses Gleichgewicht ist neuerdings ein bisschen gestört. Noch weiß niemand so recht, wie man mit dem aus der Wucht geratenen System der Stadt umgehen soll. So zumindest kommt es mir vor.

Denn natürlich gibt es auch ein ganz anderes Frankfurt, das es allerdings nicht in die Klischee-Aufzählungen geschafft hat. Das Frankfurt der ganz normalen Leute. Es gibt hier nämlich viele teils sehr lebendige, teils sehr problembelastete Kieze, heißen sie nun Bornheim einerseits oder Gallus andererseits. Fürs reale, alltägliche Bild der Stadt sind sie allemal prägend.

Nun gibt es nach der Ära Petra Roth, die am Ende eine sehr berühmte, landesweit populäre Oberbürgermeisterin war, eben einen Nachfolger, mit dem man erstmal nicht gerechnet hatte. Peter Feldmann kommt aus dem ganz normalen Frankfurt, aus dem eher schwierigen Bonames. Das ist ihm wichtig. Und dass die Stadt nun etwas aus dem gewohnten Takt ist – oder eben einen neuen Takt suchen muss – ist eine veritable Überraschung. Und das, obwohl laut hessischer Gemeindeordnung der OB doch relativ wenig direkte politische Macht hat – schließlich regiert eine Koalition, in deren Parteien er nicht Mitglied ist.

Wenn er was sagt, dann ganz wenig

Das überregional Strahlende – Petra Roth war auch Präsidentin des Städtetags – sucht er nicht. In Deutschland wird man ihn also so schnell nicht kennenlernen. Er ist kein beeindruckender Rhetoriker – aber einer, der im persönlichen Gespräch sehr direkt ist. Mit unverwundenen Fragen, die sich für das Gegenüber ernsthaft interessieren. (Dass er danach am liebsten gleich eine Pressemeldung herausgeben möchte, ist wohl eine Berufskrankheit). Statt der wirkungsvollen Auftritte auf dem städtischen Parkett schläft er lieber demonstrativ bei Fluglärmgegnern. Und er klingelt an den Türen der ebenfalls überraschten ganz normalen Menschen, statt sich in die erwähnte Stadtgesellschaft aufnehmen zu lassen. Bei jedem Schüler-Klingel-Streich denkt man inzwischen, jetzt kommt Feldmann auch zu dir!

Es geht immer wieder ein Raunen durch die Stadt, wenn der OB zu etwas ganz Wichtigem nicht kommt. Als er aber wider Erwarten die Operngala miteröffnet hat (in Frankfurt ist sie weltberühmt), gab es von ihm natürlich kein Bild im Smoking – er erschien einfach im Anzug.

Bei bestimmten Gelegenheiten sagt er, wenn er etwas sagt, ganz wenig. „Es hat mich sehr beeindruckt“. Punkt aus fertig. Ist das dann schon das Geheimnis der Sphinx? Auf jeden Fall eine verblüffende Inszenierung.

Manchmal erinnert mich dieser im Taktischen wohl ganz schön gewiefte Politiker an eine Figur, die Peter Sellers einst hinreißend in dem Film „Willkommen Mr. Chance“ gespielt hat. Es geht um einen etwas parzivalhaften Gärtner, der sein Leben im Garten seines Herrn verbracht hat und nun, nach dessen Tod und gewandet in dessen erstklassigen Kleidern, die weite Welt mühelos und wie in einem zarten Sturm nimmt. Ganz am Ende wird Mr. Chance, der bis dahin längst Präsident geworden ist, gezeigt, wie er still am Ufer eines Sees steht. Und diesen ganz einfach betritt, im Cut mit Bowler und Regenschirm. Er macht ein paar Schritte auf den See hinaus, man sieht fassungslos, wie er mit dem Regenschirm in den See sticht. Dann wandelt er einfach weiter übers Wasser.

Oliver Reese ist Intendant des Schauspiels Frankfurt.

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