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Gastbeitrag: Occupy - unbeugsam wie Asterix und Obelix

Die Occupy-Camper haben unsere Sympathie, weil sie uns etwas abnehmen, weil wir beruhigt sein können, dass sich jemand kümmert um die bessere Welt.

 Oliver Reese ist Intendant des Schauspiels Frankfurt, vor dessen Pforten das Occupy-Camp liegt.
Oliver Reese ist Intendant des Schauspiels Frankfurt, vor dessen Pforten das Occupy-Camp liegt.

Viel ist in letzter Zeit gesagt und geschrieben worden über die kleine bunte Truppe, die sich seit Mitte Oktober in einem Zeltlager vor der EZB niedergelassen hat und sich als Teil der weltweiten Occupy-Bewegung versteht.

Von meinem Büro aus gucke ich jeden Tag auf diesen wirkungsvoll inszenierten Ort am Fuß des übergroßen Euro-Symbols; regelmäßig begegnet man ihnen auch in unserer Kantine, wo die Camper ihre Versammlungen abhalten. Die Kälte, na klar. Dieser Tage haben sie sogar ein schön gestaltetes Danke-liebes-Schauspiel-Plakat in den Aufzug gehängt.

Aber was sind das für Menschen und welche Ziele verbinden sie? Wie viele Camper man auch fragt, genau so viele unterschiedliche Antworten wird man bekommen. Gemeinsam ist ihnen, dass die schnellen Antworten nur so aus ihnen heraussprudeln.

„Wir sind Berufsrevolutionäre.“

Manch einer ist gegen die Bildungspolitik an den Unis, manch einer für die Einführung von lokalen Währungen oder die Rückkehr zur Naturalienwirtschaft. Der eine engagiert sich für das Klima, der andere gegen die weltweite Nahrungsmittelspekulation. Von der Küste vor Lampedusa ist die Rede und davon, dass man besser keine Puma-Schuhe tragen soll. „Wir sind Berufsrevolutionäre.“ Einig sind sich die Camper in ihrer Empörung. Viel ausrichten werden sie wohl kaum, das ist der traurige Befund.

Es gibt Überschneidungen mit Organisationen wie Attac, Greenpeace oder den Gewerkschaften, aber einer Partei will sich niemand anschließen – und an eine Neugründung ist schon gar nicht zu denken. Es geht ja gerade um den Protest außerhalb der Institutionen. Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen. Jüngst hat eine Gruppe von 100 Protestlern einen Flashmob in der Einkaufspassage My Zeil veranstaltet und die lange Rolltreppe mit lesenden Menschen bevölkert: Ein Zeichen gegen die Hektik der vorweihnachtlichen Konsumwelt. So schön, so gut.

Die Medienaufmerksamkeit ist enorm: Ein Fernsehteam des Hessischen Rundfunks hat kürzlich eine Nacht im Camp verbracht – „bisschen filmen wegen Schnee“ –, ein Team von RTL hat eine Asamblea, das Versammlungs- und Abstimmungsforum der Frankfurter Occupies, gefilmt. Manch ein Camper gibt pro Tag bis zu 15 Interviews, Berührungsängste mit der Presse haben hier nur wenige. Bewusst hat man sich gegen einen Sprecher entschieden, der die Bewegung vertritt oder zumindest den Frankfurter Occupies eine Stimme geben würde. Hier darf jeder seine eigene Meinung sagen und sich sozusagen selbst zum Sprecher machen.

Occupy ist zu einer eigenen Welt geworden

Zur Bewegung gehört jeder, der sich ihr zugehörig empfindet. Und dafür muss er auch nicht im Zelt übernachten, das macht ohnehin nur ein ganz kleiner hartgesottener Kern. „Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft?“, frage ich und werde zum ersten Mal böse angeschaut. Jule, eine Pädagogik-Studentin, die tatsächlich jede zweite Nacht im Zelt schläft, sagt es am schönsten: In der Kälte zelten, das ist für sie die höchste Form des friedlichen Protestes. Cola trinkt sie nicht, die andern auch nicht. Bei Facebook ist sie aber schon, natürlich nur im Dienst von Occupy, man muss da eben den Nutzen abwägen, erklärt sie mir. Kenzo, der tagsüber in einer Botschaft arbeitet, bekennt strahlend: „Früher habe ich versucht, mit Freunden eine heile Welt aufzubauen. Jetzt gibt es für mich nur noch Occupy. Seither bin ich richtig glücklich.“ Occupy ist zu einer eigenen Welt geworden.

Woher kommt nun die große Sympathie, die vor allem in den Medien der Bewegung entgegengebracht wird? Die lässig-humorige Berichterstattung begnügt sich oft in der Beschreibung der Pfadfinder-Idylle des kleinen Zelt-Platzes, der nicht selten wie das Comic-Dorf von Asterix und Obelix rüberkommt. Die allgemeine Tendenz zur Verniedlichung und Verharmlosung der Occupies hat schon fast paternalistisch-generöse Züge. In Amerika scheint die Politik viel besorgter zu sein, es ist zu hören, dass die Occupies in New York bereits von V-Männern unterwandert werden. Diese Vorstellung mutet uns in Frankfurt doch recht absurd an, wo das Ordnungsamt regelmäßig und einvernehmlich die Aufenthaltsgenehmigung für das Camp verlängert und die Polizei gemütlich zweimal am Tag ihre Streife macht. Frankfurt und seine Camper – man hat sich schon richtig ins Herz geschlossen. Haben wir vergessen, worum es hier eigentlich geht?

Vielleicht stillen diese Menschen unser aller schlechtes Gewissen: Wir wissen ja sehr genau, was in der Welt schiefläuft, aber wir wissen eben nicht, was man dagegen tun kann. Zumindest reden wir uns damit gern heraus: Das müssen doch andere tun (oder zumindest jemand, der mehr Zeit hat als man selber). Die anderen – das sind jetzt die Occupies. Und wir sind ihnen kollektiv dankbar. Die Camper, die nicht mal etwas Konkretes einfordern, haben unsere Sympathie, weil sie uns etwas abnehmen, weil wir beruhigt sein können, dass sich schon jemand kümmert um die bessere Welt.

Oliver Reese ist Intendant des Schauspiels Frankfurt.

Autor:  Oliver Reese
Datum:  27 | 12 | 2011
Kommentare:  1
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