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12. Dezember 2010

Gastbeitrag: Schafft viele Wikileaks!

 Von 
Jörg Kantel ist EDV-Leiter des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und betreibt den Blog Schockwellenreiter.de.

Man stelle sich vor, Julian Assange hätte geheime Dokumente aus China veröffentlicht. Er wäre für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden.

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Der britische Science-Fiction-Autor John Brunner schrieb 1975 den Roman „Der Schockwellenreiter“. In dieser Geschichte, die in einer postapokalyptischen Welt spielt, wird Amerika von einer Infokratie regiert, die nicht nur mit Hilfe eines Computernetzes alle Informationen über die Menschen einsammelt, sondern sie auch beherrscht, indem sie ihnen diese Informationen vorenthält und nur für ihren eigenen Machterhalt nutzt. Brunners Held, der „Hacker“ Nick, beendet diesen Zustand, indem er mit Hilfe eines Computerwurms allen Menschen alle Informationen zugänglich macht. Brunners Credo ist, dass eine Demokratie besser funktioniert, wenn es weder politische Geheimnisse noch Geheimverträge noch Geheimdiplomatie gibt.

Wenn Sie das jetzt an die aktuelle Geschichte um die Wikileaks-Enthüllungen erinnert, liegen Sie nicht falsch. Leider funktioniert das wirkliche Leben oft nicht so glatt wie ein Roman. Erstens: In Brunners Roman fließen die Enthüllungen wie ein Nachrichtenfluss über die Bildschirme, und jeder kann sie alle lesen. Die Wiki-leaks-Dokumente dagegen sind ein Konglomerat unstrukturierter Daten, und der „normale“ Benutzer muss mit den Brocken vorliebnehmen, die ihm Nachrichtenmagazine herausgepickt haben und vor die Füße werfen.

Dem kann aber abgeholfen werden. Historiker und Linguisten haben schon lange computergestützte Werkzeuge entwickelt, mit denen sie zum Beispiel digitalisierte, historische Archive durchstöbern und analysieren. Hier sehe ich eine neue Aufgabe für Journalisten, die solche Werkzeuge adaptieren und für den Leser die Datenberge sichten, bewerten und visualisieren. Die Diskussion darüber läuft schon seit einiger Zeit unter dem Stichwort „Data Driven Journalism“. Warum soll ein Journalist auf den Spiegel warten, wenn das Material doch frei im Netz zur Verfügung steht? Hier kehrt die schon beinahe verloren geglaubte „Gatekeeper“-Funktion eines ernsthaft betriebenen Journalismus zurück.

Zweitens: Brunner hatte nicht so massive Gegenmaßnahmen vorausgesehen. Schon bald nach der Veröffentlichung der Diplomatenpapiere brachen die Wikileaks-Seiten unter einer sogenannten DDoS-Attacke vorübergehend ein. DDoS bedeutet „Distributed Denial of Service“ und ist der Versuch, mit vielen Anfragen von vielen Computern einen Webserver so zu überlasten, dass er nicht mehr antworten kann.

Das ist allerdings ein Problem, das der zentralen Struktur vieler Webprojekte geschuldet ist. Was passiert, wenn der oft einzige zentrale Server ausfällt? Aber auch hierfür gibt es natürlich eine Lösung: Man verteilt die Last einfach auf viele Schultern. Wenn viele kleine Server auch nur Teile der Daten übernehmen, dann ist es unmöglich, diese wieder aus dem Netz zu entfernen.

Daher halte ich – auch wenn ein paar wildgewordene Script-Kiddies versuchen, mit gleichen Mitteln zurückzuschlagen – es für völlig übertrieben, von einem Cyber-Krieg zu reden. Mehr, als dass ein Server vorübergehend lahmgelegt wird, kann bei solchen Attacken nicht passieren. Man muss dem amerikanischen Militär richtig dankbar sein, dass es damals das Internet so ausfallsicher entworfen hat.

Dann die politische Reaktion: Amerikanische Konservative nennen Wikileaks völlig überzogen eine „terroristische Organisation“ und fordern vom Geheimdienst die Abschaltung. Doch stellen wir uns einfach einmal vor, Julian Assange sei ein chinesischer Dissident, der geheime Dokumente der chinesischen Regierung ins Netz gestellt hätte. Wenn dann das Regime in Peking so reagiert hätte, wie nun die westliche Politik auf die Wikileaks-Papiere reagiert... Das Geschrei hätte ich gerne gehört. Und sicher wäre Assange für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden, und jeder wäre fest davon überzeugt, dass an den Vergewaltigungsvorwürfen nichts dran sei, dass sie auf einem Komplott der chinesischen Regierung beruhen.

Nein, erstens kann man nicht mit zweierlei Maß messen, und zweitens ist diese Art der Geheimdiplomatie einer modernen Demokratie nicht würdig. Das gilt im Kleinen wie im Großen. Der „Schockwellenreiter“ von John Brunner endet mit dem Manifest: „Wir sind eine zivilisierte Spezies. Deshalb soll künftig niemand einen unrechtmäßigen Vorteil aufgrund der Tatsache erlangen, dass wir gemeinsam mehr wissen, als einer von uns wissen kann.“

Das ist nicht immer bequem. Ohne Geheimverträge und sonstige Geheimnisse der Regierenden können wir Regierten uns nicht mehr damit herausreden, dass wir nichts gewusst hätten.

Enthüllungsseiten wie Wikileaks fordern von uns, dass wir uns wieder viel mehr in die Politik einmischen, dass wir die Regierenden nicht einfach gewähren lassen. Aber das ist doch das eigentliche Ideal einer Demokratie.

In diesem Sinne: Schafft zwei, drei, viele Wikileaks ...

Jörg Kantel ist EDV-Leiter des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin und betreibt den Blog schockwellenreiter.de.

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