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22. August 2014

Gastbeitrag: Schweigen über deutsche Schuld

 Von Michael Müller
Kanzlerin Merkel sagt wenig zur deutschen Schuld am Krieg.  Foto: AFP

Bundeskanzlerin Angela Merkel muss in der Debatte über die Ursachen des Ersten Weltkriegs Position beziehen.

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Das Grauen begann gleich: Am 23. August 1914, keine vier Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, kam es im belgischen Dinant zu einem Massaker an der Bevölkerung. Soldaten der III. Sächsischen Armee legten zwei Drittel aller Häuser in Schutt und Asche, töteten wahllos 674 unschuldige Zivilisten, auch Frauen, alte Menschen und Kinder, schickten Gefangene als menschliche Schutzschilder ins Kriegsfeuer und deportierten 400 Unschuldige nach Niederzweren bei Kassel.

Die Kriegsverbrechen brachten Dinant den wenig beneidenswerten Titel der ersten Märtyrerstadt Belgiens ein. Auslöser war eine Razzia vom 21. auf den 22. August in der Rue St. Jacques. Angehörige eines deutschen Bataillons sahen Licht in einem Café und warfen eine Handgranate hinein. Bis heute ist ungeklärt, ob es im Lokal betrunkene deutsche Soldaten waren, die sich von Freischärlern bedroht sahen und einen Schusswechsel eröffneten.

Allein in den ersten drei Monaten kam es in Belgien zu 5500 Hinrichtungen und willkürlichen Zerstörungen ganzer Ortschaften. Das Massaker in Dinant war der größte dieser Gewaltausbrüche. Um zu gedenken und ein Zeichen der Versöhnung zu setzen, lud Bürgermeister Richard Fournaux am 13. September 2013 Bundeskanzlerin Angela Merkel zum 100. Jahrestag der Gräueltat ein. Zwei Monate später, am 13. November 2013, teilte ein Legationsrat mit, der Bundeskanzlerin sei eine Teilnahme nicht möglich. Die Antwort traf in der wallonischen Kleinstadt, die zwei Termine angeboten hatte, auf Enttäuschung und Unverständnis. Aber nicht nur dort stellt sich die Frage: Was tut die Bundesregierung zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts? Warum sagt die Kanzlerin so wenig zur deutschen Schuld am Krieg und im Krieg?

Angela Merkel ist kein Willy Brandt. Aber auch für sie gilt: Das Gedenken an den Ersten Weltkrieg ist – zumal im Centennium 1914–2014 – eine Regierungsaufgabe, die ausgefüllt werden muss. Seit der Gefallenen-Rede des athenischen Staatsmanns Perikles gehört das zu einer freiheitlichen Kultur zivilisierter Nationen. Doch während es in vielen Ländern eindrucksvolle Gedenkveranstaltungen und würdevolle Totenehrungen gibt, hört man von der Bundesregierung kaum etwas. In Dinant entschuldigte sich offiziell nur 2001 der damalige Verteidigungsstaatssekretär Walter Kolbow.

Vertrauensschaden droht

Das Gedenken ist auch deshalb Regierungspflicht, weil hierzulande wieder eine Kriegsschulddebatte aufgekommen ist, dessen marodierender Hauptstrom ein revisionistisches Geschichtsverständnis ist, das eine katastrophale Wirkung entfalten kann. Wenn diese Relativierung der deutsche Beitrag zum Gedenkjahr wird, droht beträchtlicher Vertrauensschaden.

Diese Debatte wurde uns nicht von den Siegermächten von 1918 aufgebürdet, zumal es im Versailler Vertrag, der in Deutschland die Alleinschuldbekämpfungsmaschinerie in Gang setzt, einen Alleinschuldparagrafen gar nicht gibt. Das ist eine Legende. Die Debatte, angeheizt in der Zeitung „Die Welt“ („Warum Deutschland nicht allein schuld ist“), ist unhistorisch, kurzsichtig und dumm. Vermoderte Geister kommen hoch, das Trauerjahr 2014 droht zum Trauerspiel zu werden.

Es geht nicht um Schuldsehnsüchte. Natürlich waren damals viele Staaten Europas imperialistisch. Auch gibt es die Schuld einer Nichtverhinderung des Krieges. Aber das ändert nichts daran, dass es in Berlin eine kleine Gruppe aus Adel und Militär gab, die „auf den Knopf gedrückt hat“ (Gerd Krumeich). Sie wollte den Krieg „besser jetzt als später“, wie Wilhelm II forderte. Zu dem völkerrechtswidrigen Überfall auf Belgien heißt es in der „Welt“: „In den englischen und französischen Kriegsstrategien war Belgien ebenso wenig tabu gewesen.“

Was für eine irrwitzige These: Hätten wir die Dame nicht vergewaltigt, wären andere über sie hergefallen. Hermann Hesse hat im „Steppenwolf“ die passende Antwort gegeben: “... natürlich sind sie selber vollkommen unschuldig: Der Kaiser, die Generäle, die Großindustriellen, die Politiker, die Zeitungen, niemand hat irgendeine Schuld! Nur liegen ein Dutzend Millionen totgeschlagener Menschen in der Erde.“

Es waren keine „Schlafwandler“, die in zivilisierten Ländern schuldunfähig wären, die 1914 in den Krieg führten. Das ist ein völlig unangemessener Bestsellertitel des Historikers Christopher Clark mit der Konklusion, schuld seien alle gleichermaßen gewesen. Wirklich? Neuseeländer? Amerikaner? Belgier? Was müssen unsere europäischen Nachbarn denken, wenn in Paris die deutsche Botschafterin Clark einlädt, um einem ausgesuchten Publikum den Ersten Weltkrieg zu erklären? Ist das der deutsche Nachruf auf die Toten des Ersten Weltkriegs?

Die Debatte ist da, ein klärendes Wort der Bundeskanzlerin überfällig, zumal sich erneut große Herausforderungen an und in Europa stellen: Spaltung zwischen Nord und Süd, das ungeklärte Verhältnis zu Russland, die Konflikte in der Ukraine, die Rolle in der Welt. Nur einer Regierung ist zu vertrauen, die geschichtsbewusst ist. Das ist die Grundlage politischer Vernunft, für Deutschland in der Mitte Europas wichtiger denn je.

Zurück zum belgischen Dinant: An der Gedenkfeier wird eine Delegation aus Marburg teilnehmen, auch der dortigen Naturfreunde, die sich in der Friedensfrage engagieren. Marburger Jäger waren nämlich, wie die Zeitgeschichtliche Dokumentationsstelle herausgefunden hat, an den Kriegsverbrechen beteiligt. Marburg setzt ein Zeichen der Versöhnung.

Michael Müller, SPD-Politiker, ist Bundesvorsitzender der Naturfreunde Deutschlands.

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