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Gastbeitrag: Unverkrampft und bürgernah

Deutschland hält sich in Sachen grüne Energiewende für vorbildlich. Doch die Umbaupläne der Dänen sind präziser und weiter. Wir können von ihnen lernen.

 Holger Krawinkel
Holger Krawinkel
Foto: privat

Trotz aller Schwierigkeiten: Noch scheinen Deutschlands ambitionierte Pläne, die grüne Energiewende einzuleiten, vielen vorbildlich zu sein. Doch dieser Eindruck täuscht. Nach dem jüngsten Regierungswechsel in Dänemark hat Deutschland in Sachen Energiewende einen ernsthaften Mitstreiter und Konkurrenten bekommen – der die Reformen sehr viel konsequenter und schlauer angeht.

Von der deutschen Planung der Energiewende unterscheidet sich der neue dänische Umbauplan „Unsere Energie“ wohltuend vor allem in dreierlei Hinsicht. Erstens gibt es konkrete Zwischenschritte. Zweitens wird der Preis der Energiewende transparent ermittelt, so dass sich sowohl Industrie wie private Haushalte auf die künftigen Veränderungen einstellen können. Drittens ist der Prozess offen gestaltet, damit er für alle Beteiligten günstiger und gerechter wird.

Kompletter Umstieg auf Erneuerbare

Was passiert in Dänemark im Einzelnen? Die neue Regierung hat das Ziel, bis 2050 die Energieversorgung ganz auf erneuerbare Energien umzustellen. Zusätzlich hat sie wichtige Zwischenmarken benannt. 2020 soll die Hälfte des Stromverbrauchs durch Windkraft abgedeckt werden. Das bedeutet mehr als eine Verdoppelung gegenüber dem heutigen Anteil. Schon 2035 soll der gesamte Strom- und Wärmebedarf zu 100 Prozent durch erneuerbare Energien abgedeckt werden.

Deshalb werden nicht nur grüne Energiequellen gefördert, sondern auch fossile Energieträger beschnitten. Nach 2030 wird in den dänischen Kraftwerken keine Kohle mehr verbrannt. In neu errichteten Gebäuden dürfen ab 2013 weder Öl- noch Gasheizungen, in bestehenden Gebäuden ab 2015 keine Ölheizungen mehr eingebaut werden, es sei denn, es besteht keine wirtschaftlich vertretbare Alternative.

Zusätzlich müssen die Dänen gesetzlich vorgeschrieben weniger Energie verbrauchen. Die Verpflichtung der Versorger, Energie bei ihren Kunden einzusparen, wird verdoppelt. In den letzten Jahren lag die Verpflichtung bei 0,7 Prozent Einsparung pro Jahr, wurde aber regelmäßig übertroffen.

Kernstück des neuen, grünen Energiesystems von Dänemark wird jedoch der Ausbau der Windenergie. Insgesamt sollen bis 2020 zusätzlich 3 400 Megawatt installiert werden. Das entspricht insgesamt etwa 1 000 Windrädern. Die Einspeisevergütung für Windkraftanlagen an Land wird auf maximal acht Cent je Kilowattstunde begrenzt, das ist ungefähr so viel, wie den Windmüllern in Deutschland an Land bezahlt wird. Streit gab es unlängst wegen der Kostenexplosion bei der Offshore-Windenergie. Der jüngste Park wurde im Rahmen einer Ausschreibung mit etwa 10 Cent je Kilowattstunde produzierten Stroms doppelt so teuer wie die bisherigen Anlagen. In Dänemark werden dafür unter anderem die hohen Vergütungen in Deutschland und Großbritannien verantwortlich gemacht.

Aus dem Ruder gelaufene Solarförderung

Allerdings drückt Dänemark anders als Deutschland, wo die Solarförderung völlig aus dem Ruder gelaufen ist, notfalls auf die Bremse. Zur Kostenbegrenzung werden ökonomische Modelle entwickelt, die eine belastbarere und transparente Grundlage dafür liefern, ob eine Technologie gefördert wird oder nicht – und wie viel Geld sie bekommt. Kosteneffizienz steht im Vordergrund, es wird laufend untersucht, ob Aufwand und Nutzen in einem akzeptablen Verhältnis stehen. Dabei werden auch die jeweiligen Interessengruppen eingebunden.

Was kostet die sparsamen Dänen also die grüne Wende? Die Abgaben- und Steuerlast der Umstellung steigt von 2012 bis 2020 kontinuierlich auf etwa 750 Millionen Euro pro Jahr an. Davon entfällt nur ein Drittel auf die Finanzierung der erneuerbaren Energien. Die dänische Öko-Strom-Umlage wird sich von heute 1,0 auf etwa 1,7 Cent pro Kilowattstunde erhöhen, bei einem Anteil von dann 60 Prozent an der Stromerzeugung. Zusammen mit anderen Abgaben und zusätzlichen, geringen Aufschlägen für die erhöhten Einsparverpflichtungen sind etwa 2,0 Cent pro Kilowattstunde mehr zu zahlen, eine Preiserhöhung von weniger als einem Prozent jährlich. Zum Vergleich: In Deutschland, wo erst 20 Prozent des Stroms aus regenerativen Quellen stammen, kostet die Grünstromförderung schon 3,6 Cent pro Kilowattstunde.

Für die deutsche Energiepolitik würde man sich also klare An- und Aussagen wie in Dänemark wünschen. Die Akzeptanz der Energiewende in der Bevölkerung würde so deutlich gestärkt. Die deutsche Energiepolitik scheint auch nach dem zweiten Atomausstieg immer noch ideologisch verstockt. Es fehlen ein ordnungspolitischer Pragmatismus, der sich unvoreingenommen und zweckorientiert ordnungsrechtlicher Vorgaben bedient, und ein Energieministerium, das diese umsetzt. Auch da bietet sich Dänemark als Vorbild an: Gesteuert wird der Umstellungsprozess dort von einem integrierten Klima-, Energie- und Bauministerium.

Holger Krawinkel ist Energieexperte des Bundesverbands der Verbraucherzentrale und hat über die dänische Energieplanung promoviert.

Autor:  Holger Krawinkel
Datum:  5 | 1 | 2012
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