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16. Dezember 2012

Gastbeitrag von Franz Walter: Heilfroh für Caritas

 Von Franz Walter
Millionen frühere Gläubige haben sich in den letzten Jahrzehnten verflüchtigt.  Foto: dpa

Die Christen in Europa wirken rat- und mutlos. Doch die Kirchen überleben, weil sie routiniert Rituale wie Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen beherrschen.

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Nicht mehr lang hin bis Weihnachten, bis zum frohen Fest für die Christen. Nur: Besonders heiter und beschwingt wirken die Gläubigen schon seit Jahren nicht mehr. Die beiden Volkskirchen haben bittere, schwere Zeiten hinter sich. Millionen frühere Gläubige haben sich in den letzten Jahrzehnten verflüchtigt. Doch das war es nicht allein. In kaum einem anderen westeuropäischen Land hat sich die Distanz gegen die Kirche und ihre Priester so massiv geäußert wie in der Bundesrepublik. Vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren war zornige Häme insbesondere gegen die katholische Kirche und deren päpstliches Oberhaupt im jungen Bildungsbürgertum regelrecht Usus. Und die neuen Bundesländer präsentierten sich nach 40 Jahren DDR noch weit drastischer säkularisiert. Keine andere Region in Europa jedenfalls war dermaßen entkirchlicht wie das Terrain zwischen Wismar und Weimar.

Indes scheinen die allerschwierigsten Jahre aggressiver Kirchenfeindschaft – immer wieder genährt durch die zahlreichen Fälle sexuellen Missbrauchs im Kirchenraum – mittlerweile überstanden zu sein. Eher ist es Gleichgültigkeit, auf die Priester und Laien stoßen – was eine missionarische Religion natürlich nicht minder beunruhigen sollte. Immerhin: Diesseits der Millionenstädte haben die beiden christlichen Kirchen ihre jahrhundertealte Routine in Riten und Ritualen an den freudigen oder traurigen Wendepunkten des menschlichen Lebens über alle Krisen bemerkenswert zäh erhalten. Wenn die Bundesbürger im Westen und Süden des Landes sich in Liebe verbindlich zu vereinen versuchen, Kinder auf die Welt bringen, ihre verstorbenen Angehörigen betrauern, bedienen sie sich beim Eheversprechen, der Taufe und der Grabzeremonie nach wie vor dem kulturellen Beistand der amtskirchlichen Ritenpraktiker.

Es ist schon bemerkenswert, wie sehr trotz Individualisierungs- und Modernisierungsschübe das Bedürfnis nach überlieferten Ritualen, nach dem Mysterium im Beisein eines „Vertreter Gottes“ an den lebensgeschichtlichen Wendepunkten überdauert hat. Ebenfalls erstaunlich ist, dass bislang kaum neue Anbieter auf dem Markt der Passageriten den traditionellen Kirchen ernsthaft Konkurrenz machen konnten. Jedenfalls sind die meisten alternativ-spiritueller Wellen der letzten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts wieder verebbt, ohne sonderlich Spuren in den seelischen Tiefenschichten der Republik hinterlassen zu haben. Der über zwei Jahrtausende akkumulierte und weitergereichte Erfahrungsschatz des Christentums wog letztlich schwerer als Gralsbewegungen oder Kristalle.

Ausbau der Dienstleistungsorientierung

Auch die philanthropische Professionalität der christlichen Kirchen wird weiterhin wertgeschätzt und in Notsituationen dankbar angenommen. Sterben Menschen irgendwo in dieser Welt massenhaft an Hunger, kommen sie durch Hochwasserkatastrophen um, werden sie Opfer von Vulkanausbrüchen oder Erdbeben, dann vertrauen die spendenbereiten Deutschen in erster Linie den Diakonischen Hilfswerken, der Caritas oder Misereor – mehr zumindest als staatlichen Einrichtungen.

Das alles hat die Kirchen in ihrer Krise wohl gefestigt. Das hat sie zugleich als religiöse Überzeugungsgemeinschaften aber auch geschwächt. Unternehmensberater, die von den Kirchen im Zuge zunehmender finanzieller Engpässe engagiert wurden, rieten ihnen zum weiteren Ausbau der Dienstleistungsorientierung. Eben dadurch aber verengte sich das institutionalisierte Christentum noch weiter zur Servicestation für die Passageriten, Notfallhilfe und Altenpflege. Als Vermittler von Heilsströmen, als Künder der Erlösung, als Botschafter der Transzendenz traten sie dagegen kaum mehr auf. Die Kirchen sind mittlerweile kein leuchtender Ort weit anziehender gemeinschaftlichen Freude und Zuversicht, gar der Leidenschaft und der Grenzüberschreitung mehr.

Es fehlen den Kirchen hierzulande dafür die mitreißenden Prediger und flammenden Botschaften. Andererseits erleben wir fern der spirituell ermatteten mitteleuropäischen Gesellschaften, wie sehr sich in mehreren afrikanischen und südamerikanischen Gesellschaften ein erneuertes, vitales und charismatisches Christentum ausbreitet. Womöglich schwappt etwas davon auch in die sinnentleerten Euroländer.

Aber rechnen sollte man damit wohl nicht. Zu müde, auch rat- und mutlos wirken die Christen hier. Andererseits: Als Institution werden die Kirchen nicht verschwinden. Und vielleicht ist institutionelles Beharrungsvermögen nicht wenig, nicht gering zu schätzen in einer Zeit, die durch die Destabilisierung traditionsgesättigter Strukturen charakterisiert ist. Zumindest die Randständigen, Armen, Einsamen und Verlorenen dürften nach der Zerbröselung sozialstaatlicher Fundamente heilfroh sein, dass ihnen wenigstens noch die karitativen Hilfsleistungen und solidargemeinschaftlichen Einrichtungen der Kirchen Tag für Tag zur Verfügung stehen.

Franz Walter ist Politologe und Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung.

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