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27. Februar 2012

Gastbeitrag von Rebecca Harms: Japan im Jahr 1 nach Fukushima

 Von Rebecca Harms
Rebecca Harms.  Foto: dpa/

Die japanische Regierung will trotz der Katastrophe von Fukushima die Laufzeit der AKW verlängern. Der Protest dagegen ist groß. Wir sollten ihn unterstützen.

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Atomausstieg in Japan? Aber ja! Von 54 Reaktoren laufen noch zwei – und die werden im April zur Prüfung abgeschaltet. Die Haltung der Japaner zur Atomkraft hat sich von einem eindeutigen Ja zu einem klaren Nein gewendet. Der Moment des Umschwungs war jedoch nicht jener, in dem die Kernschmelze eintrat. Die Japaner wandten sich von der Atomenergie ab, als sie erkannten, dass der Atomkonzern Tepco überfordert und verantwortungslos handelte und ihre Regierung der atomaren Katastrophe nicht gewachsen war. Japan hat seine Menschen in der Region Fukushima nicht geschützt, sondern alleingelassen, und damit den vormals unerschütterlichen Glauben an die Atomkraft gebrochen.

Auf den Stationen meiner Japanreise wurde mir Tag für Tag fast rechtfertigend dieser Irrglaube erklärt, der eine Atomkatastrophe in Japan für unmöglich hielt. Der Sicherheitsmythos habe in die Katastrophe geführt. Für diesen Irrglauben müsse man nun leiden. Aber das Leid geht heute einher mit einem neuen Willen. Im ganzen Land fordern Bürgerinitiativen die dauerhafte Abschaltung der Kraftwerke. Im Januar fand in Yokohama mit 10.000 Teilnehmern die größte Anti-Atom-Konferenz aller Zeiten statt, die von 100.000 per Livestream verfolgt wurde.

Dekontaminierungsplan ist eine Schimäre

Eine Initiative unter Führung des Literatur-Nobelpreisträgers Kenzaburo Oe verkündete jüngst die fünfmillionste Unterschrift unter einer Petition für den endgültigen Ausstieg. Zum ersten Jahrestag der Katastrophe werden diese Anstrengungen gebündelt.

Im alten Irrglauben und stark verflochten mit der Atomindustrie will die japanische Regierung jedoch eine Laufzeitverlängerung der AKW auf 60 Jahre erreichen. Zur Wiedergewinnung von Akzeptanz soll der europäische Stresstest dienen. Doch: Wäre Fukushima ein Jahr vor der Katastrophe so getestet worden, hätten alle Reaktoren glatt bestanden, sagen japanische Sicherheitsexperten. Für sie ist skandalös, dass ohne Analyse des Unfallhergangs mit dem Fragenkatalog aus Europa der Sicherheitsmythos neu belebt werden soll. Das Gütesiegel aus dem Hause des Atomfreunds Oettinger diene nicht der Sicherheit Japans, sondern dem Stressabbau der Regierung gegenüber einer mächtigen Bürgerbewegung.

Die japanischen Atomaufsicht behauptet, die Atomruinen seien unter Kontrolle. Im Januar wurde der Status als „Cold Shutdown“ beschrieben. Beides sind bewusste Irreführungen. Fukushima wurde nicht abgeschaltet und ist nicht unter Kontrolle. In den Ruinen müssen die Reste der geschmolzenen Reaktorkerne weiter durch massive Wassereinspeisung gekühlt werden. Immer wieder steigt die Temperatur sprunghaft. Wie viel Kernbrennstoff noch glimmt, wie viel in den Untergrund durchgeschmolzen ist, wie viel insgesamt freigesetzt wurde, ist nicht bilanziert. Die Atomruinen sind nur provisorisch stabilisiert. Die Standfestigkeit in unzähligen Nachbeben hängt an einzelnen Pfeilern, die provisorisch eingezogen wurden.

Je nachdem wie der Wind steht, steigt auch die Belastung in der Region. Besonders bedroht außerhalb der Evakuierungszone ist ein Gebiet im Radius von 250 Kilometern um Fukushima. Die Universität von Fukushima City versucht rund 30.000 Menschen systematisch zu untersuchen. Die Sorge um die Kinder steht im Mittelpunkt. Wer kann, der schickt die Kinder fort. Wer bleibt, wird zwangsläufig zum Stubenhocker. Spielplätze und Gärten sind gefährlich. Der Dekontaminierungsplan der Regierung ist eine Schimäre. Bürgerinitiativen messen und beraten beim Clean up von Häusern und Grundstücken. Bauern versuchen ihre Äcker zu entseuchen. Dabei eindeckten sie eine neue Gefahrenquelle: Flüsse transportieren die Radioaktivität aus dem Hügelland in die Ebenen.


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Ruf nach internationaler Hilfe

Japan im Jahr 1 nach Fukushima ist in der Lage wie nach einem Atomkrieg. Das freigesetzte Caesium entspricht dem von mehr als 160 Hiroshimabomben. Die Menschen von Fukushima werden wie die Opfer und Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki „Hibakusha“ genannt. Den Hibakusha von Fukushima müsste nach bestem Wissen geholfen werden. Stattdessen schützt die japanische Regierung die Interessen der Atomindustrie.

Die internationale Gemeinschaft darf das nicht tolerieren. Bürger und Politiker aus Fukushima rufen nach internationaler Hilfe. Sie fordern eine unabhängige internationale Task Force. Japan muss sich öffnen. Europa und gerade Deutschland sollten den Jahrestag nutzen, um Unterstützung anzubieten. Unsere Erfahrungen mit der Energiewende taugen zur Verhinderung einer weiteren Katastrophe – der Stresstest nicht. Die Bundesregierung darf international nicht länger schweigen über Fukushima und die Gründe für den Atomausstieg. Mit der Europäischen Kommission, der Internationalen Atomenergieagentur und auch der Weltgesundheitsorganisation muss über deren Verantwortungslosigkeit seit Fukushima Klartext geredet werden.

Rebecca Harms ist Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europäischen Parlament.

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