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26. Januar 2012

Gastbeitrag von Sebastian Dullien: Deutsche Ökonomen, die Unbelehrbaren

 Von Sebastian Dullien

Deutsche Ökonomen halten erstaunlich beharrlich an alten Lehrmeinungen fest – zur Not muss die Politik endlich das Meinungskartell aufbrechen.

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Wenn man derzeit durch Europas Hauptstädte reist, erntet man immer wieder Kopfschütteln über die deutsche Position in der Euro-Krise. Unverständlich ist dort, wie Deutschland fast ausschließlich auf immer strengere Sparpakete setzt, wie es diese Position nun mit brachialer Verhandlungsmacht in die Verfassungen der Partnerländer drücken will und wie radikal in Deutschland Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank abgelehnt werden.

Weniger aufregend ist, dass ausländische Politiker die Krise anders wahrnehmen die deutschen. Auffällig ist aber, dass ausländische Volkswirte eine vollkommen andere Position einnehmen als ihre deutschen Kollegen. Ein Grund dafür scheint, dass die deutschen Volkswirte anders als britischen oder amerikanischen ihre Methoden und ihre Theorien nach der US-Subprime-Krise 2008/9 kaum angepasst haben. Während etwa der US-Nobelpreisträger Paul Krugman die bis dato gängigen makroökonomischen Modelle als völlig unbrauchbar kritisiert, wird in Deutschland meist so weitergemacht wie vor der Krise. „Es gibt nichts an der Krise 2008/9, was wir nicht mit unseren gängigen neoklassischen Instrumenten erklären könnten“, fasste jüngst einer der renommiertesten deutschen Ökonomen im kleinen Kreis die Position zusammen.

Eine plötzliche Marktpanik ist nicht vorgesehen

Bis auf wenige Ausnahmen hängen die deutschen Volkswirte unverändert an der Annahme effizienter Finanzmärkte. Nach dieser Hypothese verarbeiten Finanzmärkte alle verfügbaren Informationen rational. Die Preise für Wertpapiere sind im Schnitt richtig. Systematische Übertreibungen kommen nicht vor. Die US-Subprime-Krise ist nach dieser Sichtweise vor allem verursacht worden durch falsche Anreize bei der Bankenregulierung. Dass es auch an sauber regulierten Finanzmärkten zu Spekulationsblasen, Herdenverhalten und systematischen Fehlinvestitionen kommen kann, wird unter den Teppich gekehrt.

Die Euro-Krise ist in dieser Lesart einzig eine Geschichte unverantwortlicher Regierungen, die zu viel Schulden gemacht haben. Eine plötzliche Marktpanik, die solvente Länder durch hohe Zinsen plötzlich an den Rand der Insolvenz treibt, ist in diesem Weltbild nicht vorgesehen.

Diese Sichtweise erklärt auch den deutschen Fokus auf immer neue Sparpakete: Wenn das Problem nur die Defizite und nicht die Finanzmärkte sind, braucht man auch nur die Schulden ausreichend einzudämmen, um die Krise zu beenden. Anleihekäufe der EZB setzen nach dieser Sicht einzig Anreize für die Regierungen, sich weiter unverantwortlich zu verhalten.

Nun ist es nicht so, dass in den USA alle Volkswirte nach der Krise finanzmarktskeptisch geworden wären. Einige der Ökonomen, die die These effizienter Finanzmärkte entwickelt haben, halten weiter unbeirrt daran fest. Es gibt aber immerhin eine relevante Gruppe, die diese Grundannahmen nun systematisch in Frage stellt.

Politik sollte Fakten schaffen

In Deutschland dagegen ist diese Gruppe verschwindend klein. Keynesianische Professoren etwa, die traditionell skeptischer zur Steuerung der Wirtschaft durch Finanzmärkte sind, lassen sich an deutschen Universitäten an weniger als zwei Händen abzählen. Wissenschaftler, die sich mit Verhaltensökonomie beschäftigen, haben zwar zuletzt Boden wettgemacht, mischen sich aber bei der makroökonomischen Debatte kaum ein.

Eine Wende ist nicht in Sicht. Professoren werden von Professoren berufen. Und Professoren berufen halt gerne Kollegen, die eine ähnliche theoretische Ausrichtung und ähnliche ideologische Überzeugungen haben wie sie selber. Der Politik kann das nicht egal sein. Wenn von den Universitäten nur noch eine Meinung vertreten wird, ist die Gefahr grober Fehler größer. Wie in einer genetisch einheitlichen Monokultur einer Pflanzenart ist auch eine einheitliche Theoriebildung anfälliger für fatale Krankheiten. Wenn die Universitäten nicht alleine wieder für Meinungsvielfalt in den Wirtschaftswissenschaften sorgen, sollte deshalb die Politik Fakten schaffen. Sie könnte etwa die Aufstockung von Stellen und Mitteln an wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten daran knüpfen, welche Hochschule Lehrstühle für marxistische, keynesianische oder interdisziplinäre Ökonomie einrichtet. Das hat nichts mit einem grundgesetzwidrigen Eingriff der Politik in die Freiheit von Forschung und Lehre zu tun: Es wird ja keinem einmal berufenen Professor vorgeschrieben, etwas anderes zu forschen oder zu unterrichten, als er gerne möchte.

Allerdings hat die Politik das Recht und die Pflicht, Fehlentwicklungen in der Forschung entgegenzuwirken und Prioritäten zum Wohle der Gesellschaft zu setzen. So, wie sie bestimmen kann, dass eine Hochschule mit zusätzlichen Mitteln einen Lehrstuhl für erneuerbare Energien statt für Atomtechnologie einrichten soll, kann sie auch Schwerpunkte in den Wirtschaftswissenschaften setzen. Sie sollte diese Aufgabe nicht vernachlässigen.

Sebastian Dullien ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und Senior Policy Fellow am European Council on Foreign Relations.

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