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23. Januar 2013

Gastbeitrag zu Klima- und Finanzkrise : Das Glück der Gleichheit

 Von Ute Scheub
Demonstranten der Anonymous Bewegung mit Guy Fawkes Masken vor der EZB. Unter dem Motto "Occupy-Frankfurt" versammelten sich bis zu 5000 Menschen vor der EZB in Frankfurt und protestierten gegen das Finanzsystem. Foto: Sascha Rheker

Die Finanz- und Klimakrise wird sich durch Wirtschaftswachstum eher noch verschärfen. Wirtschaft kann eben nicht unendlich wachsen. Zufriedenheitsforscher empfehlen Umverteilung.

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In seinem Buch „Die Klimakrise wird alles ändern – und zwar zum Besseren“ behauptet der australische Nachhaltigkeitsaktivist Paul Gilding, das Wirtschaftswachstum sei 2008 per Crash an ökologische Grenzen gestoßen. Weltweit werde versucht, es wieder anzukurbeln – aber die Erfolge seien nur noch flüchtig. „Wer glaubt, in einer endlichen Welt könne die Wirtschaft unendlich wachsen, ist entweder ein Idiot oder ein Ökonom“, ergänzt Wirtschaftsprofessor Kenneth Boulding.

Wahl zwischen Klima- und Wirtschaftskrise

Und der US-Umweltaktivist Bill Mc Kibben rechnet: Wenn die Klimaerhitzung unter zwei Grad plus bleiben solle, müssten etwa 80 Prozent der heute bekannten fossilen Vorräte unter der Erde bleiben. Sie seien aber heute schon in die Aktiva der weltgrößten Energiekonzerne eingepreist und machten ein Volumen von rund 27 Billionen Dollar aus. Würden Öl, Gas und Kohle im Boden bleiben, müssten deren Börsenwerte drastisch berichtigt werden. Entweder gehen diese Konzerne zugrunde oder der Planet. Entweder überleben die Exxons dieser Welt oder wir. Uns bleibt die Wahl zwischen dramatischer Klima- und Wirtschaftskrise.

Nie war es dringlicher, eine Bundesregierung mit internationaler Strahlkraft zu haben, die darüber aufklärt, dass die Euro-, Schulden- und Klimakrise in Wahrheit eine Systemkrise ist. Dass wir eine Wirtschaftsform brauchen, die ohne Wachstum und Naturzerstörung auskommt und statt Bruttosozialprodukt das Bruttosozialglück fördert, also das Lebensglück der Menschen. Paul Gilding argumentiert, es sei möglich, die Klimaveränderung unter einem Grad plus zu halten, wenn wir Energie- und Wirtschaftssystem völlig umbauen – und per Umverteilung eine bessere, solidarischere, gerechtere Welt schaffen.

Es gibt immer jemanden, der mehr verdient

Wachstum fördert Ungleichheit, und die macht laut Glücksforschung unglücklich – und zwar Arme und Reiche. Konzernlenker, Banker oder Kanzlerkandidaten wollen immer mehr verdienen, weil sie sich an der obersten Geldelite orientieren. In diesem Rennen bleiben sie stets unzufrieden, weil es immer jemanden gibt, der mehr verdient als sie. Der Glücksforscher Richard Layard vermutet, dass Reiche einer Einkommenssucht unterliegen. Ihr Versuch, Geld weiter zu vermehren, raubt ihnen alle Zeit für die Genüsse des Lebens. Dafür verschwenden sie einen Haufen Ressourcen für absurde Männerspielchen. Der Milliardär Roman Abramowitsch ließ sich die längste Privatyacht der Welt bauen, 50 Zentimeter länger als die des Emirs von Dubai. Pech für Abramowitsch: Im Sommer 2011 scheiterte er beim Versuch, an der Côte d’Azur anzulegen, weil seine Eclipse an keine Anlegestelle mehr passt.

Das Grundgesetz garantiert die Gleichheit aller. Der Chef der Deutschen Bank aber verdiente 2011 fast zehn Millionen Euro. Der bestbezahlte US-Manager scheffelte sogar das 300.000-Fache des gesetzlichen Mindestlohns: rund vier Milliarden Dollar. Fragt man Menschen, welche Gehaltsunterschiede sie akzeptieren, dann nennen die meisten Zahlen zwischen 3:1 und 10:1. In den USA hat die Glücksrate der Bevölkerung 1957 ihren Höchststand erreicht und sank seitdem kontinuierlich, obwohl der Wohlstand im selben Zeitraum explodierte. Auch in Deutschland stieg das Bruttosozialprodukt innerhalb von 30 Jahren um 60 Prozent pro Kopf, parallel dazu sank die Lebenszufriedenheit um 10 Prozent. Der Weltglücksbericht der UNO von 2012, in dem sämtliche Meinungsumfragen aus 150 Ländern ausgewertet wurden, kam zum Ergebnis: Die Lebenszufriedenheit der Menschheit stieg in den letzten 30 Jahren trotz enormen Wachstums um kaum mehr als ein Promille! Vernichtender kann die Bilanz nicht ausfallen.

Mehr Geld macht nicht glücklicher

Menschen benötigen zwar ein Grundeinkommen, um ohne existenziellen Sorgen zu leben, aber ab einem Einkommen von 15.000 bis 20.000 Dollar jährlich steigt ihre Lebenszufriedenheit nicht weiter an. Weltweit sind es dieselben immateriellen Werte, die glücklich machen: Gemeinschaft. Verbundenheit. Liebe. Freundschaft. Altruismus. Sinnvolle Aufgaben. Kooperation. Unglücklich aber machen: Egoismus. Neid. Gier. Konkurrenz. Ungleichheit durchdringt wie ein Schadstoff alle Bereiche einer Gesellschaft. Arme und Reiche in krass ungleichen Gesellschaften sind statistisch nachweisbar unglücklicher, depressiver, misstrauischer, einsamer und kranker als Menschen in vergleichsweise egalitären Ländern.

Gleichheit indes macht glücklicher. Sie mindert Statusstress, Depression, Einsamkeit, Gewalt und Kriminalität und hebt das Vertrauensniveau der ganzen Gesellschaft. Deshalb brauchen wir eine Politik der solidarischen Angleichung und Umverteilung, um das soziale und das ökologische Klima zu retten. Und eine Bundesregierung, die beispielhaft auf die Hälfte ihrer Gehälter verzichtet. Sie würde gewählt wie verrückt. Leider ist sie nicht in Sicht, und ihr Chef wird weder Merkel noch Steinbrück heißen.

Ute Scheub ist freie Autorin. Zuletzt schrieb sie u. a. für den im Fischer Verlag „Futurzwei. Der Zukunftsalmanach.

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