Aktuell: Terror in Paris | Kolumne "Gastwirtschaft" | Skispringen, Wintersport | Pegida | Flucht und Zuwanderung | Eintracht Frankfurt

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

11. März 2013

Gastbeitrag zu Naturkatastrophen: Unbemerkte Verwüstungen

 Von Kristalina Georgieva und Rudolf Seiters
Zurzeit kämpfen in Malawi rund zwei Millionen Menschen mit einer schweren Hungersnot.Foto: AFP

Mehr als 90 Prozent aller Naturkatastrophen auf der Welt bleiben weitgehend unbeachtet - mit schlimmen Folgen für die Betroffenen. Die Weltgemeinschaft muss mehr tun.

Drucken per Mail

Was haben die USA, die Bahamas, Jamaika, Haiti, die Dominikanische Republik, Kuba, Indien, Vietnam, Argentinien, Somalia und Indonesien gemein? Sie alle waren im Oktober 2012 schweren Naturkatastrophen ausgesetzt. In unserem kollektiven Gedächtnis ist jedoch nur noch ein Ereignis präsent: Hurrikan „Sandy“, der an der Ostküste der USA große Schäden verursachte und 131 Menschen das Leben kostete.

Viele Menschen wissen vielleicht gar nicht, dass durch Hurrikan „Sandy“ in der Karibik 135 Menschen starben und die Schäden gleich hoch, wenn nicht gar höher als in den USA waren. Noch unwahrscheinlicher ist es, dass sie von den tropischen Wirbelstürmen in Asien gehört haben, geschweige denn von den Überschwemmungen, die zur gleichen Zeit in Argentinien, Somalia und Indonesien auftraten.

Der Oktober 2012 spiegelt eine bittere Realität wider. Über 90 Prozent aller Katastrophen auf der Welt bleiben weitgehend unbeachtet. Sie geschehen im Stillen. Sie sind zu klein, zu unbequem oder werden von anderen Ereignissen überschattet. Ohne die Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit bleiben sie in der Folge unterfinanziert, sowohl von privaten Spendern als auch von staatlichen Geldgebern.

Schwere Hungersnot in Malawi

Aber für Millionen betroffener Menschen sind diese Katastrophen keineswegs still. Zurzeit kämpfen in Malawi beispielsweise rund zwei Millionen Menschen – also etwa 12 Prozent der Bevölkerung – mit einer schweren Hungersnot. Und in Lesotho stehen 725 000 Menschen – ein Drittel der Bevölkerung – vor der gleichen Katastrophe.

Diese Zahlen sind erschreckend. 1992 gab es weltweit 221 Katastrophen mit 78 Millionen betroffenen Menschen und einem geschätzten wirtschaftlichen Schaden von 70 Milliarden US-Dollar. Knapp 20 Jahre später, 2011, sind diese Zahlen auf weltweit 336 Katastrophen, 209 Millionen Opfer und fast 366 Milliarden US-Dollar gestiegen. Selbst wenn man die Dreifach-Katastrophe an der japanischen Ostküste herausrechnet, die 210 Milliarden US-Dollar an Schäden verursachte, so ergibt sich mehr als eine Verdoppelung im Vergleich zum Jahr 1992.

Kurz gesagt: Katastrophen rund um den Globus nehmen an Frequenz, Heftigkeit und Kostenintensität zu. Ein Wandel zum Positiven ist nicht in Sicht. Mit den Auswirkungen des Klimawandels, der Urbanisierung und der Umweltverschmutzung werden 2015 schätzungsweise 375 Millionen Menschen – 79 Prozent mehr als 2011 – unter der Wucht verheerender Wetterextreme leiden. Es ist kein Zufall, dass das Europäische Amt für humanitäre Hilfe, einer der weltweit wichtigsten Geldgeber für humanitäre Hilfe, und das Rote Kreuz – das größte humanitäre Netzwerk auf der Welt – ihre Aufmerksamkeit auf stille Katastrophen richten.

Seit vielen Jahren arbeiten wir gemeinsam als Partner bei Katastrophen aller Art. Bei denen, die im Rampenlicht des Medieninteresses stehen, und bei denen, die weit davon entfernt sind. Die Probleme mögen groß und komplex erscheinen, aber gemeinsam können wir sie bewältigen.

Vieles wird ignoriert

Selbst in Zeiten wirtschaftlicher Sparmaßnahmen bedeuten finanzielle Kürzungen für humanitäre Hilfe, dass wir ein Problem ignorieren, das uns alle angeht. Wir schauen weg, statt uns für die Lebensumstände von Millionen, von Katastrophen betroffenen Familien, zu interessieren.

In der humanitären Hilfe müssen wir auch weiter einen Ansatz verfolgen, bei dem die Anpassung an den Klimawandel und die Widerstandsfähigkeit der am besonders bedrohten Menschen im Mittelpunkt stehen. Menschen sollten nicht unvorbereitet einer zerstörerischen Welle, einer Missernte oder einem Erdbeben ausgeliefert sein.

Unser Ziel ist es, auf der ganzen Welt eine Denkweise zu schaffen, bei der Gemeinschaften, besonders die am ehesten von Katastrophen betroffenen, bessere Unterstützung finden. Familien könnten dadurch mit den oft vorhersehbaren und wiederholt auftretenden Schicksalsschlägen besser umgehen und sich schneller davon erholen.

Wir müssen den Fokus auf vorbeugenden Maßnahmen legen und lokale Kapazitäten für den Umgang mit Krisen ausbauen, statt uns systematisch auf das Entsenden von Hilfsmaßnahmen nach einer Katastrophe zu konzentrieren. Dieser Ansatz ist nicht nur wirtschaftlich effektiver, er hat auch langfristigere Vorteile für Familien, Gemeinden und lokale Regierungen.

Kurzum: Wir müssen unsere Denkweise ändern und kontinuierlich aktiver sein in Regionen, die regelmäßig von Naturkatastrophen betroffen sind. Nicht nur wenn aktuelle Schlagzeilen uns an die Not erinnern. Wir appellieren an die Öffentlichkeit, die Stimme für die ungehörten Opfer stiller Katastrophen zu erheben.

Rudolf Seiters ist Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Kristalina Georgieva EU- Kommissarin für internationale Zusammenarbeit und humanitäre Hilfe.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Anzeige
Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Griechenland

Schaden für Europas Linke

Von  |
Ein Schuldenschnitt ist in vielen Ländern der EU politisch nur schwer durchzusetzen, weil er letztlich auch auf Kosten der Steuerzahler geht.

Dass Griechenlands neuer Premier ausgerechnet eine Koalition mit den Rechtspopulisten eingeht, ist ein schlechtes Omen. Man kann nur hoffen, dass Syriza nicht daran zerbricht. Der Leitartikel. Mehr...

Leitartikel

Pegidas politische Stichwortgeber

Auch wenn die Teilnehmer es nicht glauben wollen: Einen Großteil ihrer Parolen bezieht die Pegida-Bewegung aus der Politik.

In den Parolen der Islam- und Ausländerfeinde spiegelt sich der Geist der Ausgrenzung, der auch die Flüchtlings- und Migrationspolitik der vergangenen Monate beherrscht hat. Mehr...

Leitartikel

Die europäische Frage

Der Vorsitzende des  Linksbündnisses Syriza, Alexis Tsipras, gibt seine Stimme ab bei der Wahl in Griechenland am Sonntag.

Nicht eine linke Partei in Griechenland ist das Problem der EU, sondern die soziale Spaltung, die Unzufriedenheit nährt. Und leider auch Populisten, die die Schuld immer bei Fremden suchen. Mehr...

Muslime in Deutschland

Die Heimat der Muslime

Muslime beim Nachmittagsgebet  in der Eyüp-Sultan-Moschee in Nürnberg.

Es gibt in diesem Land eine Vielzahl demokratischer islamischer Initiativen und Organisationen. Es wäre für sie an der Zeit, sich zu einer gemeinsamen Plattform zusammenzuschließen. Der Leitartikel. Mehr...

Papst Franziskus

Den Worten müssen Taten folgen

Papst Franziskus spricht von einer moderneren katholischen Kirche. Doch den Worten des Pontifex müssen auch Taten folgen.

Wenn er die Kirche wirklich verändern will, muss Papst Franziskus seinem Vorstoß zur Familienplanung Taten folgen lassen – und die traditionelle Lehre reformieren. Der Leitartikel der FR beschäftigt sich mit den Nachwirkungen der päpstlichen Worte. Mehr...

Weltwirtschaftsforum in Davos

Sozialstaat muss für Balance sorgen

Auf dem Weltwirtschafsforum in Davos wird zur Zeit auch über das Thema Ungleichheit diskutiert.

Der Graben zwischen Arm und Reich wird immer tiefer. Wenn die Politik nicht eingreift, werden Globalisierung und Digitalisierung die Gegensätze immer weiter verschärfen. Der Leitartikel. Mehr...

Pegida Demonstrationen

Der Freiheit droht der Bankrott

In Dresden durfte am Montag nicht demonstriert werden.

Der Staat sollte nicht alles tun, um die innere Sicherheit zu gewährleisten. Er muss vielmehr alles unterlassen, was im Streben nach dieser Sicherheit die Freiheit seiner Bürger einschränkt. Der Leitartikel. Mehr...

Vorratsdatenspeicherung

Im Reich der Paranoia

Unionsparteien wollen mehr Daten sammeln - obwohl solche Maßnahmen in anderen Ländern Terroranschläge nicht verhindert haben.

Wer damit rechnen muss, überwacht zu werden, verhält sich nicht mehr frei. Deshalb gefährden die Maßnahmen, die jetzt wieder diskutiert werden, die Freiheit und das Gemeinwohl. Der Leitartikel. Mehr...

Krieg im Namen der Religion

Verletzte Gefühle

Von  |
Auch in Mali gab es Proteste gegen die Karikaturen von "Charlie Hebdo".

Die Verletzung religiöser Gefühle fungiert als Brandbeschleuniger bei der Radikalisierung junger Muslime. Dabei geht es kaum um die individuelle Kränkung, sondern um absoluten Hass. Ein Leitartikel. Mehr...

Bildung

Jenseits von Alltagszwängen

Von Frank Olbert |
Die Besetzung des Films "Frau Müller muss weg".

Schule stößt in Bereiche unserer Wirklichkeit vor, die uns sonst verborgen blieben. Diese Erweiterung des Horizonts kann man nicht im Ernst verwerflich finden. Mehr...

Anzeige