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28. März 2011

Gastbeitrag zur Islamkonferenz: Verpatzte Chancen

 Von Lamya Kaddor
Lamya Kaddor ist muslimische Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Autorin.  Foto: privat

Von der Islamkonferenz ging zu Anfang noch ein Signal aus: Der Islam ist Teil Deutschlands, und der Staat sucht das Gespräch mit Muslimen. Mit Minister Friedrich klappt das kaum.

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Wenn jeder dem Islam und seinen Anhängern in Deutschland etwas Positives abgewinnen müsste, dann sicher eines: Mit den Muslimen wird es nie langweilig. Ganze Feuilletons lassen sich füllen, wöchentlich treffen sich die üblichen Verdächtigen in Talkshows, um ihre Urteile zu sprechen. Eigentlich ist es wie mit dem RTL-Dschungelcamp: Alle wissen, worum es geht, aber niemand hat es wirklich gesehen. Daher ist die Bandbreite der Meinungen überschaubar. Es gibt im Grunde nur zwei Lager: die sogenannten Islamkritiker und die „Islamversteher“.

Islam – so hat es den Anschein – wird heute nicht nur von Islamisten missbraucht, sondern von Politikern, Journalisten und Laien. Man könnte glatt meinen, wir leben in einem Land voller Islamexperten. Die Sache hat nur einen Haken: Man bildet sich die Meinung nicht mehr durch persönliche Begegnung, sondern bewertet ausschließlich das, was die Medien an Informationen zur Verfügung stellen.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich angesichts so viel Popularität auch die Politik des Themas annahm. 2006 gründete der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble seinen persönlichen „Debattierclub“. Er berief die Deutsche Islamkonferenz (DIK) ein. Nun ist sie in die zweite Runde gegangen. Am heutigen Dienstag übernimmt der dritte Minister, Hans-Peter Friedrich, das Kommando.

Bis dato relativ unauffällig, griff der neue Gastgeber gleich zum Amtsantritt gezielt in die populistische Trickkiste: „Aber dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt.“ Der Applaus nach dieser Charmeoffensive in Richtung Sarrazin-Fans kam prompt.

Für die Muslime war es eine Ohrfeige. Friedrich erinnerte damit an Entwicklungsminister Dirk Niebel, der sein Ressort vor Amtsantritt noch abschaffen wollte. Für einen Dialog sind das denkbar schlechte Startvoraussetzungen. Friedrich hielt es bis heute weder für nötig, seine Aussage zu relativieren noch in anderer Form persönlich auf die Muslime zuzugehen. Daran ändert auch der Verweis auf seine türkische Schwägerin nichts. Er freue sich auf die Gespräche mit den in der Deutschen Islamkonferenz vertretenen Verbänden, ließ der neue Innenminister lediglich wissen.

Berechtigte Zweifel an der Bedeutung der DIK

Doch mit wem will er es nach seinem verpatzten Amtsantritt eigentlich richten? Die DIK ist derzeit denkbar schlecht besetzt. Ungeachtet der zehn Einzelpersönlichkeiten, sitzen fünf Dach- und Spitzenorganisationen am Tisch. Da sind die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, der Verband Islamischer Kulturzentren, die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland und der Zentralrat der Marokkaner. Als säkulare Migrantenselbstorganisation nehmen auch die Türkische Gemeinde Deutschland und die Alevitische Gemeinde teil, die sich als eigene Religionsgemeinschaft sehen und als solche gemäß Artikel 7, Absatz 3, des Grundgesetzes anerkannt sind. Der zweitgrößte Verband, der Islamrat, wurde unter Hinweis auf laufende Ermittlungsverfahren gegen führende Mitglieder suspendiert; und mit ihm die Vertretung zahlreicher Menschen in Deutschland. Der Zentralrat der Muslime sagte unter anderem deshalb und wegen der aus seiner Sicht mangelnden Effizienz des aktuellen DIK-Konzepts seine Mitwirkung für die zweite Runde ab. Die teilnehmenden Organisationen vertreten (bis auf die Aleviten und die Türkische Gemeinde, die streng genommen gar nicht für Muslime spricht, sondern für Türken ) allesamt ein konservatives Islamverständnis. Liberal-islamische Positionen sind nicht dabei. Eine Repräsentanz des Islam in Deutschland ist mithin nicht gegeben.

Abgesehen von der Frage, wer für wen spricht, gibt es zudem berechtigte Zweifel an der Bedeutung der DIK. Die von ihr getroffenen Vereinbarungen sind rechtlich nicht bindend. Wenn dann wie zuletzt auch noch schwerpunktmäßig über den islamischen Religionsunterricht gesprochen wird, obwohl Bildung in Deutschland Ländersache ist, stellt sich erst recht die Frage, worum es der DIK überhaupt geht und wen sie erreichen will?

Noch zu Beginn der Deutschen Islamkonferenz ging von ihr ein wichtiges politisches Signal aus: Der Islam ist ein Teil Deutschlands, und der Staat sucht das Gespräch mit den Muslimen. Doch wegen der Haltung des neuen Bundesinnenministers wird selbst diese Funktion derzeit nicht erfüllt. Die Erwartungen an die DIK sind rapide gesunken. So kalkuliert die Islam-Äußerung bei Friedrichs Amtsantritt war, so vorhersagbar wird er nun in wohlfeilen Worten die Muslime auf die gemeinsame Sache einschwören. Vielleicht sollte er einfach nur im Sinne unserer Verfassung deutlich machen, dass Muslime in diesem demokratischen und pluralistischen Rechtsstaat keine Minderstellung gegenüber Christen haben – und anschließend die DIK in dieser gegenwärtigen Form ad acta legen.

Lamya Kaddor ist muslimische Religionspädagogin, Islamwissenschaftlerin und Autorin. Ihr jüngstes Buch „Muslimisch, weiblich, deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam“ erschien bei Beck.

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