Während andere Länder in der Finanzkrise massenhaft Beschäftigte entlassen haben, haben deutsche Unternehmen in enger Abstimmung mit Gewerkschaften und Betriebsräten auf Kündigungen verzichtet. Eigentlich sollte sich dieses Beschäftigungswunder in den Hitlisten zur Wettbewerbsfähigkeit widerspiegeln. Weit gefehlt! In seinem neuesten Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit stuft das Weltwirtschaftsforum den deutschen Arbeitsmarkt nur auf Platz 64 von 142 Ländern ein – weit abgeschlagen hinter Gambia, Kasachstan oder der Mongolei.
Wie kommt es zu so einer absurden Einstufung durch eine Organisation, die jährlich die wichtigsten Wirtschaftsführer und Staatschefs der Welt in Davos versammelt? Erst nach mehreren Kapiteln mit Bekenntnissen zum nachhaltigen Wirtschaften erfährt man, dass die Bewertungen nicht auf wissenschaftlicher Analyse, sondern auf Managerumfragen in den Ländern beruhen. In Deutschland wurden 95 Spitzenmanager zu sechs Aspekten des deutschen Arbeitsmarktes befragt, die sie auf einer Skala von 1 bis 7 einordnen sollten. Zusammen mit zwei Indikatoren der Weltbank zum Kündigungsschutz wurde auf dieser Basis ein Gesamtindikator für den Arbeitsmarkt gebildet.
Die Sozialpartnerschaft wurde von den deutschen Managern noch ganz gut bewertet. Hier liegen wir auf Platz 22 zwischen Brunei und Saudi-Arabien, zwei absoluten Monarchien ohne freie Gewerkschaften. Es überrascht nicht weiter, dass sich die Manager bei der Auswahl von Führungskräften mit Platz 13 hohe Sachlichkeit bescheinigen. Warum wir bei der Attraktivität für Talente aus aller Welt hinter Ruanda liegen, erschließt sich hingegen kaum. Beim Kündigungsschutz und der Lohnfindung gehen die deutschen Werte richtig in den Keller. Die Manager sehen sich beim Heuern und Feuern durch Regulierungen stark behindert, was Deutschland auf Platz 132 bringt. In den beiden Arbeitsmarktindikatoren der Weltbank werden Mindestlöhne, Rechte auf bezahlten Urlaub, Kündigungsfristen, Höchstarbeitszeiten pro Woche oder Abfindungsansprüche als Investitionshindernisse betrachtet. Bei der Flexibilität der Lohnfindung wurde gefragt, ob Flächentarife oder betriebliche Lohnfindung dominieren. Flächentarife gelten bei den Experten des Weltwirtschaftsforums als großes Übel und werden so negativ bewertet, dass wir nur auf Platz 136 enden. Wieder misstraute man den Managern. Ihre Meinung zu möglicherweise guten Erfahrungen mit Tarifverträgen war nicht gefragt. Bei der Lohnflexibilität liegen Uganda und Kirgisien ganz vorne.
Das Weltwirtschaftsforum will zwar eine gute Infrastruktur und hohe Bildungs- und Forschungsinvestitionen, aber am liebsten umsonst. Diese Anspruchshaltung wird beim Abgabenindikator sichtbar. Die hohe Abgabenquote für Steuern und Sozialausgaben brachte Deutschland auf Platz 100. Auch hier hat das Weltwirtschaftsforum den befragten Managern nicht getraut, sondern die Länder nach der Abgabenquote sortiert.
Die guten Arbeitsmarktwerte der Diktaturen dieser Welt enthüllen ein zutiefst antidemokratisches Weltbild der Macher des Berichts. Grundrechte, wie die Kernnormen der Internationalen Arbeitsorganisation zur Koalitionsfreiheit und Tarifautonomie, gelten als Wettbewerbshindernis. Sichtbar wird das Leitbild einer Wirtschaft, in der man Arbeitsbedingungen ohne lästige Hindernisse festlegen kann und keine Steuern zahlen muss. Außerdem möchte man ohne Kündigungskosten seine Zelte in einem Land jederzeit abbrechen können. Das entspricht allenfalls den Interessen der heimatlosen Großkonzerne, die das Weltwirtschaftsforum finanzieren, nicht aber den Interessen von Staaten und ortsgebundener Unternehmen.
Zu den Erfolgsfaktoren der deutschen Wirtschaft zählen die stabile Sozialpartnerschaft und gut ausgebildete Beschäftigte. Wenn Beschäftigte sich zu unsicher fühlen, verfallen Motivation und Produktivität. Die neuere Forschung belegt, dass man hohe Leistung nur im Austausch für gute Arbeitsbedingungen und soziale Sicherheit bekommt. Außerdem ist die interne Flexibilität deutscher Unternehmen durch flexible Arbeitszeiten und Innovationsbereitschaft eingearbeiteter Belegschaften für Unternehmen die bessere Alternative zum Heuern und Feuern. Die deutsche Politik wäre also schlecht beraten, sich an diesem Wettbewerbsbericht zu orientieren.
Sind die Indikatoren des Weltwirtschaftsforums zum Arbeitsmarkt so abwegig, dass man sie getrost ignorieren kann? Leider geht dies nicht: Obgleich die Marktgläubigkeit überall gescheitert ist, werden Länder, die Kredite benötigen, wie jetzt Griechenland, Spanien oder Portugal, gezwungen, nach den Prüflisten des Weltwirtschaftsforums ihre Arbeitsmärkte zu deregulieren. Langfristig verschärft das nur ihre Probleme und die Folgen der Krise werden auf die sozial Schwächeren abgewälzt.
Professor Gerhard Bosch ist geschäftsführender Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen.
Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.
FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.