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04. Februar 2014

Gastbeitrag: Zusammenarbeit ist menschlich

 Von Dirk Messner und Alejandro Guarìn

Die internationale Kooperation sei in der Krise, heißt es. Das lässt sich relativ leicht ändern.

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Entscheidungsträger sind sich weltweit einig: Die großen Weltprobleme und globalen Systemrisiken – entgrenzte Finanzmärkte, der Klimawandel, die Fragilität globaler Infrastrukturen, die Durchsetzung von Persönlichkeitsrechten im Zeitalter des Internet – können letztlich nur durch eine neue Qualität internationaler Kooperation beherrscht werden. Global Governance heißt dies im Jargon der Experten.

Trotz dieses Konsenses geht derzeit in der globalen Politik wenig. Die Klimaverhandlungen stagnieren, die Welthandelsrunden bringen nur noch minimale Fortschritte, die Hoffnung der 1990er Jahre, durch internationale Zusammenarbeit fundamentale Menschenrechte besser schützen zu können, hat sich nicht erfüllt. In den Theorien der internationalen Beziehungen macht sich Kooperationspessimismus breit: Tektonische Machtverschiebungen von Westen nach Osten und Süden erschwerten alle Kooperationsanstrengungen. Machtspiele zwischen den alten Mächten des Westens und aufsteigenden Schwellenländern wie China, Indien, Brasilien blockierten Lösungen, die geeignet wären, globalen Gemeinschaftsinteressen zum Durchbruch zu verhelfen. Der Übergang von der OECD-dominierten G-8-Welt zur G-20-Welt, in der alte Industrienationen und aufstrebende Schwellenländer auf Zusammenarbeit angewiesen sind, münde de facto in einer G-0-Welt, einer Konstellation, in der sich niemand mehr für globale Zusammenhänge und Weltgemeinschaftsgüter verantwortlich fühlt: „Every Nation for itself“ (Jede Nation für sich) heißt eine aktuelle Publikation des Politikwissenschaftlers Ian Bremmer.

In einer global vernetzten Welt kann das nicht lange gutgehen. Doch diese Interpretationsbrille verdeckt wichtige Teile des Gesamtpanoramas internationaler Kooperation, wie wir mit einem Team am Käte Hamburger Kolleg für globale Kooperationsforschung an der Universität Duisburg-Essen gezeigt haben.

Dem Kooperationspessimismus der Theorien der Internationalen Beziehungen steht ein erstaunlicher Kooperationsoptimismus anderer Disziplinen gegenüber, die sich mit den Grundlagen menschlichen Verhaltens beschäftigen. Neue Forschungsergebnisse aus so unterschiedlichen Disziplinen wie der Verhaltensökonomie, der Psychologie, der sozialen Anthropologie und Linguistik, der evolutionären Spieltheorie sowie der evolutionären Biologie kommen zu dem gemeinsamen Ergebnis: Menschen verfolgen ihre Eigeninteressen, sie können gierig und egoistisch sein. Doch viel häufiger, als in den Standardmodellen zum Beispiel der Ökonomie vermutet wird, die Menschen auf nutzenmaximierende Akteure reduzieren, ist der Mensch erstaunlich kooperationsorientiert. Zudem sind Gruppen von kooperierenden Menschen in der Regel anderen Gruppen, die eher dem Gesetz des jeweils Stärksten folgen, überlegen.

Martin Nowak, einer der derzeit einflussreichsten Evolutionsbiologen von der Universität Harvard, geht sogar so weit, „Kooperation“ als das dritte Kernprinzip der Evolution neben Mutation und Selektion zu identifizieren. Die Geschichte der Menschheit, die Entwicklung von Städten, komplexen Organisationen, Wohlfahrtsstaaten wäre ohne deren Kooperationsfähigkeit undenkbar.

Der vielleicht größte Unterschied zu allen anderen Spezies besteht darin, dass die Angehörigen der Spezies Homo sapiens ihre kognitiven Fähigkeiten quasi zusammenlegen können, argumentiert der Sozialanthropologe Michael Tomasello. Wenn Kooperation kollabiert oder wenn sie an inhumanen Zielsystemen ausgerichtet wird (wie im deutschen Faschismus oder in internationalen Drogenkartellen), dominieren Konflikte, Unsicherheit, kulturelle Regression. Im schlimmsten Fall wird „der Krieg der Vater aller Dinge“ (Heraklit). Doch die Fähigkeit zur Kooperation in einer Welt des Wettbewerbs und die Ausrichtung der Kooperation auf menschenfreundliche Zielsysteme ist der Motor zivilisatorischer Entwicklung. Kooperation ist die Mutter menschlicher Zivilisation.

Menschen sind also kooperationsfähig, doch sie kooperieren nicht unter allen Umständen. Was also sind die Basismechanismen, die Kooperation begünstigen – und was lehren uns diese über das Kooperationsversagen in der internationalen Politik?

Auch hinsichtlich der Basismechanismen der Kooperation herrscht in den bereits angesprochenen Disziplinen beachtliche Übereinstimmung. Wir fassen diese Schlüsselelemente der Kooperation in einem Kooperationshexagon zusammen: Im Zentrum des Sechsecks steht die Reziprozität (Gegenseitigkeit). Menschen kooperieren erstaunlich oft, ohne direkte Kooperationsgewinne zu realisieren. Über die Zeit erwarten sie allerdings, dass ihre Kooperation durch kooperatives Verhalten der anderen erwidert wird. Stellt sich dies nicht ein, wirkt Reziprozität auch in die andere Richtung, sie erzeugt dann ein Milieu unkooperativen Verhaltens.

Kooperationsorientierte Reziprozität und Milieus werden durch sechs zentrale Mechanismen verstärkt: dichte Kommunikationsstrukturen zwischen den Akteuren, Vertrauensbeziehungen, Reputation, die Verlässlichkeit erzeugt, Fairness, auch in der Interaktion zwischen ungleichen Partnern, Bestrafungsmechanismen für unkooperatives Verhalten sowie gemeinsame Wir-Identiäten und Zielsysteme.

Ein Blick auf diese Schlüsselmechanismen der Kooperation führt zu einem veränderten Verständnis der aktuellen Blockaden internationaler Kooperation. Nicht nur Machtspiele erschweren derzeit Global-Governance-Fortschritte, sondern die Abwesenheit der Basismechanismen der Kooperation in Clubs wie der G 20, in der sich Akteure gegenüberstehen, die bisher kaum Kooperationserfahrungen miteinander aufbauen konnten.

Die Kernländer der Europäischen Union haben über ein halbes Jahrhundert in die unerlässlichen Grundlagen der Kooperation investiert, die das Kooperationshexagon abbildet. In der G 20 und anderen Foren der sich etablierenden post-westlichen Weltordnung müssen diese sozialen Infrastrukturen der Kooperationsfähigkeit überhaupt erst geschaffen werden. Die gute Nachricht ist: Die Kooperationsmechanismen sind menschengemacht, man kann in sie investieren. Nationenübergreifende Kommunikationsstrukturen zwischen Wissenschaft, Parlamentariern, Kulturschaffenden, Städten können ausgebaut werden, um Grundlagen für Vertrauen und gemeinsame Problemsichten zu schaffen; Fairness und Reziprozität können in einer neuausgerichteten Entwicklungspolitik, die Abschied nimmt von den Nord-Süd-Paradigmen und Paternalismen der Vergangenheit, vorangebracht werden; Politikberater aus den alten und den neuen Mächten können durch Zusammenarbeit Grundlagen für gemeinsame Handlungsperspektiven schaffen.

Das Kooperationshexagon zeigt: Eine auf nationale Interessenpolitik und Machtspiele reduzierte Strategie des Westens, die Aufsteigernationen aus dem Osten und Süden zurückzudrängen und einzudämmen, verspricht möglicherweise kurzfristige Vorteile, sie würde jedoch die Kooperationsblockaden der Gegenwart reproduzieren und in Globalisierungskrisen der Zukunft führen. Zur Investition in die Basismechanismen der Kooperation gibt es keine gute Alternative.

Es gibt jedoch noch eine schlechte Nachricht, und die lautet: Die Entwicklung der Basismechanismen der Kooperation ist zeitintensiv. Soziale Infrastrukturen entstehen nicht durch einen Big Bang. Zugleich verlangen einige der globalen Herausforderungen schnelles Handeln, zum Beispiel wenn es um die Vermeidung gefährlichen Klimawandels geht. Gleichzeitig wissen wir jedoch auch, dass Menschen unter hohem Problemdruck zu erstaunlicher Lernfähigkeit in der Lage sind. Der Aufbau der Schlüsselfaktoren der Kooperation kann sich also beschleunigen, wenn der globale Problemdruck zunimmt und die Regierungen die kontraproduktive Verkürzung internationaler Politik auf Machtspiele überwinden.

Professor Dr. Dirk Messner ist Direktor am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) und Co-Direktor am Käte Hamburger Kolleg/Centre for Global Cooperation Research.
Dr. Alejandro Guarìn ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am DIE.

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