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Gastkommentar: Klose-Jubel in Jerusalem

Dieses Team ist anders. So wenig deutsch, dass einige Spieler nicht mal die Lippen zur Hymne bewegen. Diese Elf kann auch Israel anfeuern. Von Yossi Sarid

Jetzt, da das Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft ansteht und das Endspiel, dürfen wir die deutsche Nationalmannschaft anfeuern. Bis vor ein paar Jahren haben wir das nicht übers Herz bringen können. Wer hätte auch gedacht, dass Juden je Deutschland unterstützen?

Diese Mannschaft aber ist anders als alle anderen in der deutschen Geschichte, anders gar als alle anderen Nationalmannschaften. Etwa die Hälfte der Spieler sind nicht mal Deutsche; entweder sie oder ihre Eltern sind in einem anderen Land geboren oder ein Elternteil ist Ausländer.

Der Vater des Abwehrspielers Dennis Aogo ist Nigerianer; die Eltern von Serdar Tasci kommen aus der Türkei; der Vater des Mittelfeldspielers Sami Khedira ist Tunesier; Angreifer Lukas Podolski und Mittelfeldspieler Piotr Trochowski sind in Polen geboren; Cacau stammt aus Brasilien; der Vater des Abwehrspielers Jerome Boateng kommt aus Ghana; der Angreifer Marko Marin ist in Bosnien und Herzegowina geboren; und der Vater des Stürmers Mario Gomez kommt aus Spanien. Sogar Stürmer Miroslav Klose, der deutscher ist als die Deutschen, wurde in Polen geboren. Als Kind war es ihm, auch sprachlicher Probleme wegen, noch schwergefallen, sich in seiner neuen Heimat zurechtzufinden.

Insgesamt elf Spieler, eine komplette Fußballmannschaft also, haben mehr oder weniger ausländische Merkmale. Drei haben eine dunkle Hautfarbe, und mindestens zwei sind als Muslime geboren, wo es doch mit denen ansonsten schon genug Probleme gibt. Heute aber sind alle deutsche Staatsbürger. Das Staatsangehörigkeitsgesetz von 1999 hat es den Spielern wie Hunderttausenden anderer Menschen ermöglicht, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen.

Natürlich ist uns eines nicht entgangen. Wir haben, als am Samstag vor dem Spiel gegen Argentinien die deutsche Nationalhymne gespielt wurde, die unbewegten Gesichter und geschlossenen Lippen von Mesut Özil und einigen seiner Mitspieler genau gesehen. Man hätte erwarten können, dass jetzt sofort und laut protestiert wird, sozusagen eine pan-germanische Denunziation losbricht. Aber niemand regte sich auf. Was ist nur mit den Löwen passiert, den reinrassigen, blonden, blauäugigen Deutschen? Wo ist ihr nationales Gefühl, ihre nationale Ehre?

Es gibt sie nicht mehr. Sie ist verschwunden zusammen mit dem "Deutschland über alles", das das Blut in den Adern gefrieren ließ. In keiner anderen Nation in der Welt ist die Angst so groß, die Nationalfahne könnte zu weit oben hängen, die Hymne zu laut gespielt werden. Die Deutschen haben mehr Angst vor sich selbst als vor anderen. Das unterscheidet sie von anderen.

Der Charme der deutschen Mannschaft liegt in ihrer ethnischen und kulturellen Vielfalt. Sie gibt ihr Kraft. Das Team repräsentiert das deutsche Volk wie auch alle Bewohner Deutschlands. Die feindliche Trennung zwischen beiden ist aufgehoben. Mehr noch: Die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten werden miteinander in Einklang gebracht, und das in einem ganz bewussten Akt.

Yossi Sarid ist Kolumnist der israelischen Tageszeitung Ha´aretz. Er war Knesset-Abgeordneter von 1974 bis 2006 und Umwelt- und Bildungsminister.

Übersetzung: Christoph Albrecht-Heider

Autor:  Yossi Sarid
Datum:  6 | 7 | 2010
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