Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flucht und Zuwanderung | USA nach der Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

03. August 2014

Gaza-Krieg: Die verachtete Freiheit

 Von 
Ein Blick in die Tunnel, die die Hamas in der Nähe der Grenze zu Israel gebaut haben.  Foto: dpa

Wer die Hamas für eine Befreiungsbewegung hält, verhöhnt den Kampf von Milliarden Menschen um echte Demokratie. Ein Kommentar.

Drucken per Mail

Nein, die Diskussion über Antisemitismus ist noch lange nicht zu Ende. Die ewige Frage „Darf man Israel kritisieren, ohne gleich als Antisemit bezeichnet zu werden?“ ist eine rhetorische. Es liegt in ihrer Natur, ein antisemitisches Statement einzuleiten, denn sie setzt eine jüdische Verschwörung voraus, die eine Antwort verbietet. Warum fragt niemand: „Darf man die Hamas kritisieren, ohne gleich als Islamhasser bezeichnet zu werden?“

Die Frage würde eine ganz andere Perspektive auf die politische Situation weltweit werfen. Sie würde unterscheiden zwischen Muslimen und einer Bande verrohter islamistischer Mörder. Sie würde klar machen, dass es gegen jede humane Ethik geht, Muslime generell mit den Killern der Hamas gleichzusetzen. Denn dieser Grundsatz ist Teil des demokratischen und universalistischen Selbstverständnisses, auch wenn er sauer verteidigt werden muss. Wo bleibt die Frage also?

In diesem Herbst wird in Deutschland der 25. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Und es wird nostalgische Diskussionen darüber geben, wie alles geworden ist mit den Ossis und den Wessis, wie sie sich unterscheiden oder wie schlimm oder toll doch alles war. Das Jahr 1989 wird uns wieder nahe rücken, das Millionen Menschen in Deutschland jene „schicksalhafte Wende“ gebracht hat, die heute unser Leben bestimmt.

Sehnsucht nach Unfreiheit wird größer

Ost und West, das waren die Koordinaten damals. Kapitalismus und Sozialismus, kalter Krieg und heiße Kämpfe. Der Süden wurde derweil als eine Art Appendix des jeweiligen Blocks angesehen und behandelt. Inzwischen hat sich aber nicht nur Europa verändert. Während wir hier mühsam den Begriff Integration erfanden, um zu verstehen, dass Einwanderung nun zum Alltag gehört, hat die Welt sich weitergedreht. Schneller, radikaler und aufregender, als es sich die Europäer vorstellen können. Denn diesen Süden gibt es längst nicht mehr. Technologie, Industrie, Infrastruktur – sie ist in jenen Teilen der Welt angekommen, die in der deutschen Wahrnehmung kaum vorkommen.

Es sei denn, die so veränderte Welt produziert Konflikte. Dann schaut man drauf. Irgendwie. Meistens in der fatalen Mischung aus Hochmut und Selbsthass. Hochmut – weil der weiße Westen den Rest der Welt noch immer mit seinen rassistischen Bildern darüber behelligt, was und was nicht vermeintlich in der Kultur oder gar Natur anderer „Völkerschaften“ liegt. Und Selbsthass – weil viele ihr eigenes Privileg, in einer Demokratie zu leben, nicht schätzen. Sie sehen den Kampf um bessere Bedingungen und Rechte nicht mehr als Chance für sich selbst, sondern verachten zu oft das demokratische System an sich. Und während Milliarden von Menschen jenseits Europas um die Freiheiten hart kämpfen und viel riskieren, scheint die Sehnsucht nach Unfreiheit im satten Westen immer größer zu werden.

Wer die Hamas für eine Befreiungsbewegung hält, hat nicht verstanden, was Freiheit ist. Sich selbst als links oder fortschrittlich oder gegen Unterdrückung zu positionieren und dabei mit einer Gruppe gemein zu machen, die ohne zu Zögern jeden töten wird, der das Wort Gleichberechtigung auch nur flüstert, gehört zu dem absurdesten, pessimistischsten und unverständlichsten Irrsinn, den der Antisemitismus je hervorgebracht hat.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Verhandlungen in Astana

Testlauf für den Frieden in Syrien

Von  |
Staffan de Mistura, UNO-Gesandter für Syrien, möchte in Astana eine gute Grundlage für die Syrien-Konferenz in Genf schaffen.

Einen Durchbruch erwartet niemand von den Friedensgesprächen zwischen der syrischen Regierung und den Rebellen. Das liegt nicht daran, dass die USA keine Delegation nach Astana schickt. Der Leitartikel. Mehr...

Donald Trump

Demagogische und verlogene Rede

Donald J. Trump.

Donald Trumps „vereintes Amerika“ ist ein armes, ein kleines, ein engherziges, ein ängstliches Amerika. Nichts, worauf man stolz sein kann. Der FR-Leitartikel zur Rede des neuen Präsidenten der USA. Mehr...

 

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Beilage

Literatur-Rundschau

Der Bücher-Winter 2016

Rezensionen der FR-Feuilletonredaktion auf acht Zeitungsseiten. Aus dem Inhalt: Könnte noch gut werden: kluge, virtuose Erzählungen von Terézia Mora. Könnte noch knapp werden: jetzt hurtig Geschenke gekauft – Tipps der Redaktion. Könnte noch regnen: Klaus Reicherts großartiges Buch über Wolken. Nützliche und niedliche Kinderbücher. Die Literatur-Rundschau Winter 2016 als PDF-Reader.

Außerdem noch erhältlich: Die Literatur-Rundschau Herbst 2016 auf zwölf Zeitungsseiten als PDF-Reader.

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung