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Leitartikel: Gedopter Superstar

Die deutsche Wirtschaft glänzt mit ihren Wachstumszahlen. Für den Aufschwung gibt es drei ineinandergreifende Erklärungen.

Zwickt’s mi, i man i tram, singt Wolfgang Ambros in einem seiner berühmten Schlager. Dieser Refrain kommt einem beim Blick auf die deutsche Wachstumszahl für das zweite Quartal in den Sinn. Gibt man sich weltmännisch und rechnet die Zahl aufs Jahr hoch (so machen’s die Amis), dann glänzt die deutsche Wirtschaft mit stolzen neun Prozent. Damit ist sie unangefochtener Spitzenreiter unter den alten Industrienationen. Der Imagewandel von einer verkrusteten hin zu einer super-flexiblen Volkswirtschaft sollte damit endlich geschafft sein. Große US-Nachrichtenagenturen sprechen bereits von „Germany’s Superman Economy“.

Dieser Wandel in der internationalen Wahrnehmung ist wichtig, da er auch die Debatten hierzulande beeinflusst. Inzwischen kommen Wirtschaftsexperten aus aller Herren Länder nach Deutschland, um die Gründe für die gute Performance vor allem des Arbeitsmarktes zu erforschen. Inzwischen widmen internationale Nachrichten- und Wirtschaftsmagazine dem Wirtschaftswunder Titelgeschichten.

Dabei handelt es sich keineswegs um ein Wunder. Drei teils ineinandergreifende Erklärungsstränge sind zentral. Da ist erstens Angela Keynes: Die Kanzlerin hatte das Glück, den richtigen Koalitionspartner im Winter 2008/09 zu haben, als sie gemeinsam mit Finanzminister Peer Steinbrück Konjunkturpolitik betrieb. Getreu den Lehren des größten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes, wurde der Einbruch der Nachfrage mit höheren Staatsausgaben auf Pump bekämpft. Stichworte sind die Abwrackprämie, das extrem verlängerte Kurzarbeitergeld sowie zusätzliche Investitionen in Infrastruktur. Das hat prima funktioniert und ist der Beweis dafür, dass Nachfragepolitik durchaus wirken kann. Wenn überhaupt, dann ist es ein Wunder, dass die Politik ausnahmsweise nicht auf ihre neoliberalen Berater gehört hat und Keynes den Vortritt gelassen hat.

Zweitens hat das deutsche Konsensmodell, das oft kritisierte Gemauschel zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und Regierung, in der Krise seine Stärke unter Beweis gestellt. Es waren die Gewerkschaften, die erst die Arbeitgeber für längeres Kurzarbeitergeld und Abwrackprämie begeisterten und dann gemeinsam die Regierung überzeugten. Und es waren die Gewerkschaften, die es damit den Unternehmern erleichterten, Jobs zu sichern trotz des enormen Nachfrageeinbruchs.

Starke Abhängigkeit vom Welthandel

Kein anderes großes Industrieland hatte 2009 einen schärferen Rückgang des Bruttoinlandsprodukt erlitten, kein anderes hatte einen so geringen Anstieg der Arbeitslosigkeit verzeichnet. Dafür kann jetzt kein anderes Land so rasch die kräftig angesprungene Nachfrage befriedigen. Die deutschen Firmen sind dank Arbeitszeitkonten, hoher Gewinne und Kurzarbeitergeld vorzüglich auf die extremen Schwankungen der Konjunktur vorbereitet.

Drittens und leider am wichtigsten für das starke zweite Quartal: Deutschland ist in der vergangenen Dekade zu einem sogenannten „kleinen, ganz offenen Land“ verkommen. So bezeichnen Volkswirte Länder, die stark vom Welthandel abhängen, für deren Wachstum der Gesundheitszustand der Weltwirtschaft entscheidend ist. Und die Weltwirtschaft war noch viel stärker durch Konjunkturpolitik à la Keynes gedopt als die deutsche Wirtschaft.

Damit ist das Märchen erzählt. Die deutsche Wirtschaft wird so bald nicht mehr so kräftig wachsen, weil weltweit die Konjunkturprogramme auslaufen. Ein erneuter Absturz der Weltwirtschaft ist nicht das wahrscheinlichste, indes ein ernst zu nehmendes Szenario. Deshalb sollte Kanzlerin Merkel Folgendes tun: sich über den Aufschwung freuen, Keynes für die Theorie, den Amerikanern und Chinesen für deren exzessive Anwendung danken. Danach sollte sie tunlichst alles vermeiden, was die Binnennachfrage bremst, an erster Stelle Abgaben- und Steuererhöhungen. Will sie Deutschland wieder zum „großen Land“ machen, was Vorteile hätte, dann muss sie weiter die Nachfrage über Bildungs- oder Infrastrukturinvestitionen stimulieren.

Wenn ausländische Regierungschefs sie nach ihrem Erfolgsrezept fragen, sollte sie über die Arbeitszeitkonten schwärmen, zur Exportabhängigkeit indes schweigen. Würden alle Länder Exportüberschüsse produzieren, müsste ein Planet her, der mit der Erde Wirtschaftsbeziehungen aufnimmt. Ohne diesen Planeten sind Exportüberschüsse nichts anderes als der Export von Arbeitslosigkeit zugunsten der inländischen Beschäftigung.

Datum:  13 | 8 | 2010
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