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11. November 2012

Grüne Urwahl: Jürgen Trittin ist der neue Fischer

 Von Thorsten Knuf
Jürgen Trittin. Foto: dapd

Die Grünen stellen zwar jüngere Kräfte stärker in den Vordergrund. Zum obersten Grünen aber machen sie die unangefochtene Führungsfigur des linken Flügels - Trittin.

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Die Grünen stellen zwar jüngere Kräfte stärker in den Vordergrund. Zum obersten Grünen aber machen sie die unangefochtene Führungsfigur des linken Flügels - Trittin.

Als die Stimmzettel schließlich ausgezählt waren und die Gewinner der Urwahl feststanden, als die Dinge also eigentlich sonnenklar waren und sich dennoch wieder einige Fragezeichen auftaten, da sagte Steffi Lemke, die Bundesgeschäftsführerin der Grünen, am Wochenende zwei bemerkenswerte Sätze. Der eine lautete: „Das Wahlergebnis war nicht das, was ich als wahrscheinlichstes vermutet hatte.“ Der andere: „Ich glaube, dass unsere Partei immer wieder für Überraschungen gut ist.“

Was für eine freundliche Untertreibung! Lemke hätte auch sagen können: Die Mitglieder der Grünen haben weit mehr getan, als Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt per Stimmzettel zum Spitzenduo für die Bundestagswahl 2013 zu küren. Sie haben nebenbei das gesamte Machtgefüge der Partei durcheinander gewirbelt und den Generationswechsel eingeleitet. Nach dieser Urwahl sind die Grünen nicht mehr die, die sie vorher waren. Das ist das eigentlich Überraschende an dem Ergebnis dieses Mitglieder-Votums.

Die unangefochtene Führungsfigur

Der wichtigste Befund: Ab sofort ist Jürgen Trittin die mächtigste Figur der Partei. Der Fraktionsvorsitzende ist der neue Joschka Fischer, also der Mann, der die Richtung der Grünen vorgibt, unabhängig davon, welches Amt er formal innehat. Trittin kann es nun egal sein, wer unter ihm Parteichef ist. An dem 58-Jährigen kommt zumindest bis zur Bundestagswahl niemand mehr vorbei. Er erhielt in der Urwahl mehr als 70 Prozent der Stimmen und ließ damit sämtliche Wettbewerber um Längen hinter sich. Die direkte Legitimation durch die Mitglieder wirkt weit stärker, als es eine durch Gremien oder Parteitage je sein könnte. Trittin ist zum einen jetzt die unangefochtene Führungsfigur des linken Parteiflügels, nachdem die amtierende Bundesvorsitzende Claudia Roth von den Mitgliedern in der Urwahl förmlich geschlachtet wurde.

Zum anderen ist Trittin aber auch der Anführer, hinter dem sich die gesamte grüne Partei gesammelt hat. Dem Mann, der einst Gerhard Schröders unpopulärster Bundesminister war, wird zugetraut, dass er die Grünen 2013 wieder in die Regierung führen kann. Gelingt ihm das, hat er den ersten Zugriff auf die Vize-Kanzlerschaft und ein Ministerium seiner Wahl. Es ist offenkundig, dass er sich darauf vorbereitet, Finanzminister zu werden. Um den Rest dürfen sich dann die übrigen grünen Führungsfiguren streiten.

Claudia Roth wird sich nur dann einigermaßen von der Niederlage erholen können, wenn sie beim Parteitag kommende Woche in Hannover erneut für das Amt der Vorsitzenden kandidiert und dort ein fulminantes Ergebnis einfährt. Ob sie jedoch erneut antritt, ist bislang offen. Renate Künast, Co-Chefin der Grünen im Bundestag, wiederum muss darauf hoffen, dass sie im Zuge eines rot-grünen Machtwechsels noch einmal nach oben kommt. Sie ist seit der Wahlniederlage 2011 im Land Berlin schon angeschlagen. Nach der erneuten Schlappe bei der Urwahl ist sie es noch mehr. Cem Özdemir wiederum, neben Roth Vorsitzender der Bundespartei, hat zwar nicht bei der Urwahl kandidiert. Dennoch muss auch er um seine Stellung in der Partei kämpfen. Womöglich verweigert ihm sein eigener Landesverband Baden-Württemberg gar den Spitzenplatz auf der Landesliste zur Bundestagswahl.

Zwei Sieger, zwei Verlierer

Im Grunde ist genau das eingetreten, was die grünen Strategen eigentlich unbedingt verhindert wollten (und was sie öffentlich auch weiterhin in Abrede stellen): Die Urwahl hat nicht nur zwei Sieger hervorgebracht. Sondern auch zwei Verlierer. Die sind nachhaltig geschwächt, das Mitglieder-Votum dürfte sich für sie als Karriereknick erweisen.

Für die Betroffenen ist das hart. Der Partei insgesamt hat das Verfahren allerdings mehr genützt als geschadet. Der Urwahl-Prozess hat die Mitglieder mobilisiert und den Blick der Öffentlichkeit auf die Grünen und ihre möglichen Kandidaten gelenkt. Sie sind die einzige Partei, die ihre Frontleute für den Wahlkampf in einem basisdemokratischen und transparenten Verfahren bestimmt haben.

Hinzu kommt: Ganz nebenbei haben die Grünen begonnen, ihre jüngeren Kräfte stärker in den Vordergrund zu stellen. Die Generation Trittin, Roth und Künast marschiert stramm auf die 60 zu. Katrin Göring-Eckardt hingegen, die mit Jürgen Trittin das Spitzenduo für die Bundestagwahl bildet, ist 46 und hat dennoch langjährige politische Erfahrung. Dahinter lauern in der Fraktion und in den Landesverbänden etliche jüngere Talente zwischen 30 und 40. Ihre Zeit wird kommen, und zwar nach der nächsten Bundestagswahl. Entweder, weil dann alle klugen Köpfe gebraucht werden. Oder weil dann die Älteren abtreten müssen, um einen Neuanfang zu ermöglichen.

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