kalaydo.de Anzeigen

Meinung
Kommentare, Kolumnen, Analysen

11. Dezember 2012

Grundschulen Pädagogik: Vom Kind aus gedacht

 Von Katja Irle
Deutschlands Grundschulen kommen ohne Drill aus – und trotzdem schneiden ihre Viertklässler im weltweiten Vergleich überdurchschnittlich gut ab.  Foto: dapd

Was die Grundschulen mit ihrer oftmals belächelten Wohlfühlpädagogik aufbauen, wird danach wieder eingerissen. Dabei gibt der Erfolg den Primarpädagogen recht.

Drucken per Mail

Was die Grundschulen mit ihrer oftmals belächelten Wohlfühlpädagogik aufbauen, wird danach wieder eingerissen. Dabei gibt der Erfolg den Primarpädagogen recht.

Deutsche Grundschüler können nicht so gut lesen und rechnen wie Gleichaltrige in Hongkong. Das ist eine gute Nachricht, denn die Spitzenwerte aus China sind mit einem Höchstmaß an Druck und Disziplin teuer erkauft. Die meisten Grundschulen in Deutschland kommen ohne Drill aus – und trotzdem schneiden ihre Viertklässler im weltweiten Vergleich überdurchschnittlich gut ab. Nach Jahren der Pisa-Schelte ist es daher Zeit für ein Lob: Grundschulpädagogen leisten gute Arbeit.

Dabei stehen sie täglich vor der größten Herausforderung, die das gegliederte deutsche Schulsystem zu bieten hat. Leistungsunterschiede bis zu einem Schuljahr innerhalb einer Klasse sind keine Seltenheit. Der Hochbegabte sitzt neben dem Kind mit Lernbehinderung, die eine liest schon flüssig, bevor sie eingeschult wird, die andere kommt als Flüchtling ohne deutsche Sprachkenntnisse in die Klasse. Die Grundschulen sind die ersten, die den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Beeinträchtigung (Inklusion) in die Praxis umsetzen müssen. Aber während viele weiterführende Schulen die Heterogenität ihrer Schülerschaft beklagen, machen die Grundschulen aus der Not eine Tugend.

Migrantenkinder machen Fortschritte

Die jüngsten Ergebnisse des internationalen Leistungsvergleichs IGLU und TIMSS lässt nicht nur die Grundschulen in einem guten Licht erscheinen. Die Studien räumen auch mit einem lange gehegten Vorurteil auf, dass Kinder aus Migrantenfamilien per se schlechte Karten haben und ihre Familien sie nicht unterstützen. Zwar sind Zuwanderer im deutschen Schulsystem nach wie vor benachteiligt, dennoch macht gerade diese Gruppe besonders große Fortschritte. Zu diesem Ergebnis war auch die letzte Auswertung der Pisastudie bei den 15-Jährigen gekommen. Man könnte auch sagen: Deutschland rückt nach vorn – dank der Migranten.

Bildungsforscher bestätigen den Grundschulen, dass sie pädagogische Reformen nach Pisa besonders gut umgesetzt haben. Das individualisierte Lernen ist dort keine hohle Phrase geblieben, sondern in vielen Einrichtungen fester Bestandteil des Unterrichts. Die Schulen haben auch gar keine andere Wahl: Wenn die Leistungsunterschiede in den Gruppen extrem groß sind, muss jeder nach seinem eigenen Tempo lernen können. Dabei profitieren die Lehrer von der natürlichen Motivation junger Kinder, die unabhängig von ihrer Herkunft beim Start ins Schulleben vor allem eines wollen: Lesen, Schreiben und Rechnen lernen.

Warum dieser Zustand des Begreifen-Wollens nicht anhält, sondern bei viel zu vielen Kindern mit dem Wechsel auf die weiterführenden Schulen langsam abnimmt, hat viele Ursachen. Lernforscher können genau nachweisen, dass die Motivation mit zunehmendem Alter beziehungsweise mit jeder höheren Klassenstufe sinkt. In der Pubertät erreicht die Schulunlust einen Tiefpunkt. So weit, so verständlich.

Leistungsabfall ist Teil des Systems

Doch der Motivations- und Leistungsabfall ist nicht nur biografisch begründet, sondern Teil des Systems. Individuelles Lernen gerät schnell an seine Grenzen, wenn ausschließlich Noten- und Leistungsdruck Tempo wie Inhalte bestimmen. Lernen ist ein mühsames Geschäft, aber ohne Motivation wird es zur Unmöglichkeit. Was die Grundschulen mit ihrer oftmals belächelten Wohlfühlpädagogik aufbauen, wird danach wieder eingerissen. Dabei gibt der Erfolg den schlechter bezahlten Primarpädagogen recht. Lob und Leistung sind kein Gegensatz.

Was außerdem fehlt, ist eine systematische und durchgängige Begleitung jener 15 bis 20 Prozent Risikoschüler in Deutschland, die weder richtig lesen noch korrekt rechnen können. Die beste Frühförderung nutzt kaum etwas, wenn die weiterführenden Schulen zu wenig Kapazitäten haben, um Defizite in der Sprache oder der Mathematik auszugleichen. Besonders hart trifft es Jugendliche aus Zuwandererfamilien, die erst nach der Grundschule auf das deutsche Schulsystem treffen – und keinen Anschluss an das Leistungsniveau mehr finden.

Die Umsetzung der inklusiven Bildung, zu der sich auch Deutschland mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention vor fünf Jahren verpflichtet hat, wäre ein guter Weg, um Schule in Deutschland neu zu denken – nämlich vom Kind aus. Doch bislang fehlt in den meisten Bundesländern der politische Wille, diese Mega-Reform tatsächlich umzusetzen und dafür zusätzliches Geld und Personal zu investieren. Dabei böte der bundesweite Rückgang der Schülerzahlen eine perfekte Möglichkeit, Geld im System zu lassen statt zu sparen und umzusteuern. Weil das nicht geschieht, beginnen viele Einrichtungen selbst mit der Reform von unten. Die Grundschulen an erster Stelle.

Jetzt kommentieren

Ressort

Leitartikel, Analysen und Kolumnen unserer Autoren und Korrespondenten


Die FR erscheint weiter

"Was können die Leserinnen und Leser jetzt tun, um der Frankfurter Rundschau zu helfen?", fragte die FR den Insolvenzverwalter Frank Schmitt im Interview.

Seine Antwort: An den Kiosk gehen und die Frankfurter Rundschau kaufen und Anzeigen schalten. "Alles, was aktuell zum Umsatz beiträgt, ist hilfreich."

Die Zeitung erhalten Sie aktuell im Solidaritäts-Abonnent.

Die preisgekrönte FR-App bekommen Sie ebenfalls im Abo als Paket mit unserem E-Paper oder im Einzelverkauf im App-Store und bei Google Play.

Anzeigen sind möglich in Zeitung, App und auf der Website. Der Verlag informiert über die Konditionen.

Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagte während des "Arabischen Frühlings" den Aufstand gegen die Autokraten. Lesen Sie hier, was aus den revolutionären Bestrebungen geworden ist und wie die politische Lage in Arabien heute aussieht.

Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Anzeige
Fotostrecke
Plaßmanns Welt 2013 (20 Bilder)
Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige
Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Interaktive Karte
Die Karte "Freiheit im Internet 2011" wurde von der NGO Freedom House erstellt - und von der FR als Google Map umgesetzt.

FR-online.de zeigt die Ergebnisse der Studie "Freedom on the Net 2011" in einer interaktiven Karte.