Selten war das katholische Rom derart aus dem Häuschen. Und das wegen einer Frau! Im Jahr 1654 hatte sich Schwedens Königin Christine vom Protestantismus losgesagt. Die Ankunft der prominenten Konvertitin in Rom geriet zum Triumph. 100 Jahre nach Luther galt ihr Konfessionswechsel als Vorzeichen einer katholischen Reconquista. Diese Vision der Gegenreformation hat sich nicht erfüllt. Doch manche Denkmuster lassen sich bis in die Gegenwart verfolgen.
So zeigt sich der Vatikan beim Übertritt protestantischer Amtsträger überraschend großherzig: Das eherne Zölibatsgesetz wird zu einer Angelegenheit, bei der man schon mal fünfe gerade sein lassen kann. So gerade geschehen in Köln, wo Kardinal Joachim Meisner einen vormals evangelisch ordinierten Konvertiten zum Priester weihte – ausgerechnet am Fest „Kathedra Petri“ (22. Februar), das die Vorrangstellung des Papstes betont.
Es ist bezeichnend, dass sich die römische Konzilianz exklusiv auf das Führungspersonal anderer Konfessionen bezieht. Dem gemeinen Protestanten in gleicher Lage bleibt der Weg ins Priesteramt strikt verschlossen. Verheirateten Katholiken sowieso.
Der Vatikan messe mit zweierlei Maß, sagt die Kirchenrechtlerin Sabine Demel, auch wenn sie in der päpstlichen Dispens (Befreiung) konvertierter Pastoren vom Zölibat ein Beispiel für die „sympathische Idee der Einzelfallgerechtigkeit“ sieht. Normalerweise jedenfalls erklärt Rom die Ordination in der evangelischen Kirche für theologisch bedeutungslos oder zumindest mangelhaft. Sobald aber ein Pfarrer die Seiten wechselt, erhält sein vermeintlich „wertloses“ Amt unversehens doch besonderen Rang. Der Verdacht eines Konversions-Bonus liegt nahe und dahinter eine Haltung, die jede Aufnahme in den Schoß von Mutter Kirche als kleinen Sieg verbucht – nicht so triumphal wie bei Christine von Schweden, aber immerhin.
Thies Gundlach, Vizepräsident des EKD-Kirchenamts in Hannover, hebt dagegen den seelsorgerlichen Aspekt hervor. „Konversionsgeschichten erzählen mehr von Kummer als von Kirchenpolitik.“ Aus den wenigen Einzelfällen, im Norden Deutschlands noch seltener als im Süden, will er nicht auf ein System schließen.
Papst umwirbt Anglikaner
Dagegen hat die – im Vorgehen sehr wohl vergleichbare – Charme-Offensive des Papstes gegenüber abtrünnigen Anglikanern klare Merkmale einer Abwerbe-Strategie. Großzügig bietet Benedikt XVI. allen Angehörigen der englischen Staatskirche Heimat, Amt und Würden an, die sich mit „modernen Mätzchen“ wie der Ordination von Frauen oder bekennenden Schwulen nicht abfinden wollen. Und natürlich dürfen auch die ehemals anglikanischen Geistlichen bei Frau und Kind bleiben, wenn sie fortan auf katholischem Terrain wirken, in einem eigens errichteten virtuellen Bistum für ganz England.
So kam es im Januar zu einer beispiellosen Zeremonie: Gleich drei frühere anglikanische Bischöfe wurden in der Londoner Westminster Cathedral zu Priestern geweiht und anschließend vor allem Volk von ihren Frauen geherzt.
Gar so demonstrativ sollte es in Köln bei dem Historiker Harm Klueting dann doch nicht zugehen. Der 61 Jahre alte Protestant war 2000 ordiniert worden, trat aber vier Jahre später zu den Katholiken über. Kluetings Priesterweihe verlegte Kardinal Meisner in letzter Minute hinter die Mauern des Priesterseminars – aus Sorge vor dem Medienrummel. Drei Wochen vorher hatte er den Zölibat noch als „unverzichtbar“ verteidigt: Überspitzt gesagt, so Meisner, „vergisst“ der Priester aus lauter Begeisterung für Gott das Heiraten. „Gott und sein Reich sind für ihn so sehr zur Priorität geworden, dass er die hohen Werte von Ehe und Familie nicht zu verwirklichen vermag.“ Es muss Meisner gedämmert haben, dass das Bild des „Neupriesters mit Familie“ schlecht zu seiner euphorischen Botschaft passt. Weil es nur einen Schluss zulässt: „Na also, es geht ja doch!“
Ob intuitiv oder bewusst – mit der Weihe im privaten Rahmen folgte Meisner einer internen Übereinkunft zwischen Bischofskonferenz und EKD aus dem Jahr 1977. Beide Seiten legten sich Zurückhaltung auf, wenn Amtsträger die Konfession wechseln. Eine weitere Maßgabe aber, den Ortswechsel des betroffenen Seelsorgers, lässt Meisner außer Acht. Er setzt Klueting an der Uni Köln ein, wo dieser seit 1989 als Professor lehrt.
„Was soll das?“, murrt ein evangelischer Insider. „Sollen die Leute denn denken: ,Ist doch egal, ob einer für Bofrost die Runde macht oder für Eismann‘?“ Offiziell schweigt die zuständige evangelische Kirche im Rheinland. Präses Nikolaus Schneider will keinen Streit mit Bruder Meisner vom Zaun brechen. Und auch Schneiders Vorgänger Manfred Kock gibt sich milde: „Ich halte Konversionen heutzutage zwar nicht für sonderlich sinnvoll, aber verboten sind sie ja nun auch nicht, und da finde ich es gut, dass sie bei uns ohne größere Katastrophen vonstatten gehen.“ Der Weg ist lang vom barocken Triumphalismus zum Konfessionsfrieden im 21. Jahrhundert.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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