Soll das etwa eine durchdachte Strategie sein? Da wird einer oberster deutscher Integrationswächter, weil es ein anderer mit geistigem Eigentum nicht so genau nahm, und stößt noch vor der ersten Amtshandlung jene vor den Kopf, um deren Integration er sich zügig kümmern müsste.
So funktioniert Integrationspolitik nicht. Mit seiner Aussage, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, hat Innenminister Hans-Peter Friedrich der Integrationsdebatte in Deutschland einen Bärendienst erwiesen. Er betreibt Integration mit angezogener Handbremse und im Rückwärtsgang den Berg hinauf. Inzwischen wird das Superwahljahr von der Atom-Debatte bestimmt; die Integrationsdebatte könnte eine notwendige Atempause einlegen, und wir könnten mit der Sacharbeit beginnen.
Vor allem die Islamdebatte muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Was die Friedrichs und auch Sarrazins nicht verstehen wollen, ist, dass der Islam in Deutschland Realität ist. Die Verneinung dieses Tatbestands hilft uns nicht weiter – aber auch nicht naive Multikulti-Romantik. Millionen Muslime leben in Deutschland und identifizieren sich mit diesem Land. Nur eine Minderheit lehnt leider noch immer unsere freiheitliche Grundordnung ab. Die Rolle des Staats ist es, darüber zu wachen, dass sich Religionen frei entfalten könnten. Dazu bedarf es eines rechtlichen Rahmens, der auf kulturelle Eigenheiten nur insoweit Rücksicht nimmt, wie sie mit dem Grundgesetz übereinstimmen.
Das ist unsere Zielmarke – unser „republikanisches Integrationsleitbild“ (FDP-Generalsekretär Christian Lindner). Es heißt Menschen, die in unser Land kommen, als Zugewinn für die Gesellschaft willkommen. Vielfalt ist ein grundlegendes Charakteristikum unserer offenen „Wir-Republik“. Alle Menschen, ob hier oder woanders geboren, werden erst durch Bildung und Erziehung zu Bürgern, die aus eigenem Antrieb Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen. Liberale interessiert nicht, wo jemand herkommt, sondern was er für dieses Land tun möchte.
Unsere Republik basiert auf Gemeinsamkeiten und Werten. Eine „prozedurale Republik“, die zu einer kollektiven Selbstfindung und zu gegenseitigem Respekt führt, so der kanadische Philosoph Charles Taylor, könnte das Integrationsproblem lösen. Das FDP-Programmforum „Demographie und Integration“ sucht gegenwärtig nach Antworten auf die Frage, was die neue deutsche Identität ausmacht.
Ein Verständnis von Islam, das zu Deutschland passt, könnte dieses republikanische Leitbild flankieren. Die ergänzende Frage auf die von Ursula Rüssmann am 9. März in der Frankfurter Rundschau gestellte „Gretchenfrage“ lautet deshalb, wie Deutschland konkret helfen kann, einen europäischen Islam zu entwickeln, der gerade als zartes Pflänzchen entsteht.
Was ist muslimische Identität
Der Islam ist ja kein geschlossener Block. Es gibt eine wahabitische Lesart genauso wie eine völlig andere Sicht wie in Indonesien. Warum sollte hier nicht auch Platz für einen deutschen oder Euro-Islam sein. Deutschland hat mit seinen Muslimen eine große Chance, durch seine geistig-philosophischen Traditionen einen solchen Islam zu entwickeln. Deshalb ist es so wichtig, wie Ursula Rüssmann fordert, endlich deutsche Imame auszubilden.
Wir verhindern die Entstehung von Parallelstrukturen gerade dann, wenn wir Muslimen breit kommunizieren, dass dies auch ihr Land ist. Dann können sie in der Auseinandersetzung mit der deutschen Gesellschaft eine grundgesetztaugliche Form des Islam entwickeln. Doch dazu brauchen sie klare Signale, willkommen zu sein, und das Wissen, dass diese Gesellschaft „Lebenschancen“ (Lord Dahrendorf) für alle bietet – ein Kernelement liberaler Gesellschaftspolitik.
Eigentlich sollte dieses Land modern genug sein, dass Religion bei der Integration keine Rolle mehr spielt. Deutschland ist eine postmoderne Gesellschaft, die auch auf der christlichen Tradition aufbaut. Richtig ist, dass sich Islam und Christentum in der Vergangenheit aneinander gerieben haben. Aber soll das wirklich ein Hindernis sein? Auch Deutsche und Franzosen waren Erbfeinde; das Trennende wurde überwunden, weil Gemeinsamkeiten durch die europäische Integration gefunden wurden.
Wir müssen Antworten auf die Frage finden, was muslimische Identität im Westen definiert. Anstatt über Muslime müssen wir mit ihnen diskutieren. Ich würde gern wissen, was junge Deutschtürken oder Deutscharaber wirklich denken. Fühlen sie sich eigentlich von den Ditib-Funktionären angesprochen? Wir brauchen dringend mehr Dialog mit dieser Gruppe. Veranstaltungen wie die „Junge Islam Konferenz“ müssen zu einer Institution werden. Anzuregen wären auch regelmäßige Sonderveranstaltungen zu Themen, die jungen Muslimen in Deutschland unter den Nägeln brennen. Moderiert werden sollten sie von Persönlichkeiten, die erkannt haben, dass sich unsere Gesellschaft wandelt. Und dass wir das Beste daraus machen sollten.
Jorgo Chatzimarkakis ist Bundesvorstandsmitglied der FDP und Europaabgeordneter.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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