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Analyse zur Elfenbeinküste: Im toten Winkel der Welt

In der Elfenbeinküste findet – weitgehend unbeachtet – ein Brudermord statt. Fast neidisch blickt der gewählte Präsident auf die westlichen Militäreinsätze in Libyen.

Johannes Dieterich ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Afrika.
Johannes Dieterich ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Afrika.

Alassane Ouattara gehört zu den Staatschefs, die derzeit erzürnt in Richtung Libyen blicken. Doch der gewählte ivorische Präsident ist nicht etwa erbost, dass die Jets der westlichen Anti-Gaddafi-Koalition eine zerstörerische Arbeit leisten. Er ärgert sich, dass die Präzisionsbomber nicht auch über seiner Heimat fliegen.

Seit Wochen fleht der Ivorer die internationale Gemeinschaft an, endlich auch mit militärischen Mitteln dafür zu sorgen, dass Ex-Präsident Laurent Gbagbo seinen Amtssitz räumt. Andernfalls werde der westafrikanische Staat in einem mörderischen Bürgerkrieg versinken. Frankreich und Nigeria haben am Freitag dem UN-Sicherheitsrat immerhin einen Resolutionsentwurf zur Elfenbeinküste vorgelegt. Das 15-Länder-Gremium will sich in dieser Woche mit möglichen Sanktionen befassen.

Nach Auffassung der Brüsseler Expertengruppe „International Crisis Group“ findet der Brudermord bereits statt. In der Wirtschaftsmetropole Abidjan kämpfen Gbagbos Soldaten Nacht für Nacht mit den „unsichtbaren Kommandos“, die sich Ouattara verpflichtet sehen. Im Westen des Lands rückt die von Ouattara als reguläre Streitmacht adoptierte Rebellentruppe der „Forces Nouvelles“ in Richtung Süden vor. Tausende von jungen Gbagbo-Fans lassen sich zum Kampf gegen das angeblich vom Ausland aus gesteuerte Ouattara-Lager anheuern, und Gbagbos Armee macht schweres Kriegsgerät wie Kampfhubschrauber und Haubitzen flott. Panzer und Mörser werden auch gegen Zivilisten eingesetzt: Beim Granat-Beschuss eines Marktplatzes in einem Stadtteil Abidjans kamen 25 Menschen ums Leben.

Eine Eskalation des Bürgerkriegs droht

Kenner der Elfenbeinküste rechnen mit einer Eskalation des Bürgerkriegs und verheerenden Wellen der Gewalt. In dem westafrikanischen Staat stehen sich nicht zwei Mächte an einer Front gegenüber. Gbagbo sieht in den Gastarbeitern seine Feinde, die einst zu Hunderttausenden ins Land gekommen sind und nun Tür an Tür mit den Ivorern leben. Schon jetzt seien sie Pogromen ausgesetzt, berichtet die Menschenrechtsorganisation Human Right Watch aus Abidjan. Ein Szenario wie beim ruandischen Völkermord, wo binnen weniger Wochen 800.000 Menschen gemeuchelt wurden, wird nicht ausgeschlossen.

Die Afrikanische Union hat alle diplomatischen Optionen ausgeschöpft. Zunächst schickte sie den kenianischen Premier Raila Odinga ins Land: Der Emissär warf – von Gbagbo frustriert – bald die Flinte ins Korn. Daraufhin berief der Staatenbund eine Kontaktgruppe aus fünf Präsidenten: Auch deren Vorschlag – Ouattara solle nach dem Rücktritt Gbagbos eine Regierung der nationalen Einheit bilden – wurde von dem Ex-Präsidenten abgelehnt. Konnte sich Gbagbo zunächst noch der Sympathien des angolanischen und südafrikanischen Präsidenten brüsten, so ist er mittlerweile ganz isoliert; das macht den Umgang mit dem halsstarrigen Geschichtsprofessor allerdings nicht einfacher.

Neben den Ivorern ist Westafrikas Staatenbund Ecowas von der Krise am meisten betroffen. Staaten wie Nigeria, Sierra Leone und Liberia befürchten, dass sie vom Kollaps ihres Nachbarn mit in die Tiefe gerissen werden. Deshalb forderten die Ecowas-Mitglieder den UN-Sicherheitsrat jetzt auf, ein ähnliches Mandat für einen militärischen Eingriff wie in Libyen auszusprechen – ohne allerdings zu bestimmen, wer dieses Mandat exekutieren soll.

Schon vor drei Monaten hatte Ecowas mit einem Militärschlag gegen Gbagbo gedroht, die Drohung aber bald verhallen lassen, weil klar war, dass die Truppen des Staatenbunds zu einem „Enthauptungsschlag“ des Gbagbo-Regimes nicht in der Lage wären. Dass sich die Westmächte nach ihrem umstrittenen Kraftakt in Libyen zu einem weiteren militärischen Abenteuer bereiterklären könnten, gilt als völlig ausgeschlossen; ganz abgesehen davon, dass die Elfenbeinküste zwar Kakao, aber kein Erdöl produziert, und ivorische Flüchtlinge zwar ihre Nachbarländer in Bedrängnis bringen, aber nicht die Festung Europa. Bliebe als Interventionsmacht nur die UN selbst, die bereits über eine knapp zehntausendköpfige Schutztruppe in der Elfenbeinküste verfügt: Doch für eine stark erweiterte Rolle als Peace Enforcer wären auch sie auf eine Beteiligung der Westmächte angewiesen.

So sieht alles danach aus, als ob Ouattara ohne militärischen Beistand aus dem Ausland auskommen muss – von eventuellen Waffenlieferungen einmal abgesehen. Das wird zur Folge haben, dass der ivorische Konflikt wesentlich länger und blutiger als der libysche verlaufen wird; schon heute klagen die UN-Hilfsorganisationen, dass sie für die knapp eine Million Menschen auf der Flucht nicht genug Unterstützung aus den Gebernationen erhalten. Nigerias Außenminister Odein Ajumogobia hält es für „unerträglich“, dass der Westen sein ganzes Augenmerk auf Libyen richte, während die Elfenbeinküste im toten Winkel der Weltöffentlichkeit in den Abgrund stürze. Dass Berlin auch im libyschen Fall gegen eine Militärintervention war, kann weder ihn noch Präsident Ouattara noch Millionen von Ivorern trösten.

Datum:  27 | 3 | 2011
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