Über die Katastrophe von Duisburg kann man in unterschiedlicher Weise sprechen, in einer glaubwürdigen und einer verräterischen. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland hat beides getan, innerhalb weniger Minuten. Er hat glaubwürdig um die Menschen getrauert, die bei der Loveparade zu Tode kamen. Und fast im gleichen Atemzug hat er verräterisch gesprochen. Verräterisch in dem Sinne, dass er uns ungewollt etwas verrät über die tieferen Ursachen eines solchen Desasters.
„Die Trauer vermag ich nicht in Worte zu kleiden. Dieses Unglück ist so entsetzlich, dass man es nicht in Worte fassen kann.“ Der Person Adolf Sauerland wird niemand absprechen, dass diese Sätze von Herzen kamen. Was aber folgte, das waren nicht die Worte des trauernden Menschen, sondern des Oberbürgermeisters Adolf Sauerland. Es war eine Sprache, die das menschliche Maß verliert. So wie das Denken und Handeln, das sich in ihr ausdrückt.
Erstens hat diese Sprache häufig kein Subjekt, sie flüchtet sich ins Passiv: Die Dinge geschehen, gehandelt hat niemand. „Wo Probleme aufgetreten sind und wo unter Umständen Fehler gemacht worden sind“, wolle er möglichst schnell „erfahren“, sagte Sauerland.
Zweitens flüchtet sich die menschenferne Sprechweise ins Abstrakte. Die 19 Opfer sind, in Sauerlands Worten, nicht gestorben, nicht getötet worden. Es sind, so drückte er es aus, „die Toten entstanden“.
Drittens schließlich erscheint der Mensch nicht als Motiv und Ursache all des Machens und Planens, sondern als Störfaktor. Warum „die Toten entstanden“ sind? Sauerland: „Weil man Sicherheitsvorkehrungen überklettert hat und dann abgestürzt ist.“ Das ist übrigens kein Passiv-Satz, er hat ein Subjekt: „man“. Gemeint sind die Opfer, die hier – nimmt man die Worte genau – zu Tätern werden.
Es geht nicht um Adolf Sauerland. Der Mann ist wahrscheinlich nicht so zynisch, wie er klingt. Seine persönliche und politische Verantwortung wird in den kommenden Monaten zu klären sein, so wie diejenige all der anderen Planer und Veranstalter und Genehmiger. Aber seine Ausführungen nach der Katastrophe haben uns schon jetzt etwas verraten von der großen Diskrepanz zwischen den Machbarkeits-Fantasien, die keineswegs nur in öffentlichen Amtsstuben herrschen, und dem Menschen-Möglichen.
Die Politiker in Duisburg müssen sich, befeuert vom Veranstalter, die Folgen einer gelungenen Loveparade in den schönsten Farben gemalt haben. Die alte Bergbau-Stadt, fast nur noch als Ort der Armut bekannt, wollte endlich wieder positive Nachrichten über sich selbst. Als Material sollten all die fröhlichen Raver dienen, mit deren Bildern man künftig werben würde.
Es muss im konkreten Fall nicht so gewesen sein, aber viele Indizien sprechen dafür, dass menschliche Messgrößen wie Unberechenbarkeit, Euphorie, auch Drogenkonsum und Alkoholgenuss im Verlauf der Planungen „heruntergerechnet“ wurden. Für die Vorstellung, der Marketing-Event könne an diesem Ort und in dieser Form an der Nicht-Planbarkeit der Menschen scheitern, war offensichtlich kein Platz. Risiken wurden wohl ausgeblendet, um das Vorhaben nicht zu riskieren. Hat wirklich keiner geahnt, dass ein paar von Hunderttausenden über Absperrungen klettern und nicht genehmigte Wege suchen würden?
All das ist keine Duisburger Spezialität, und es ist keine Spezialität der „öffentlichen Hand“. Aus allen Branchen hört man von Projekten, für die vor allem gilt: Scheitern verboten. Wir leben unter den Bedingungen einer beschleunigten Ökonomie und weltweiter Konkurrenz auch zwischen „Standorten“, also Städten und Regionen. Da gilt die Erkenntnis, dass ein Projekt menschliche Möglichkeiten und menschliches Maß übersteigt, oft nicht als souverän – was sie ist –, sondern als Schwäche.
Am Ende, auch das spricht noch aus den Rechtfertigungsversuchen der Duisburger Beteiligten, steht blankes Staunen über die Diskrepanz zwischen Plan und Wirklichkeit. Der Oberbürgermeister redete noch hinterher so, als könne er die Katastrophe rückwirkend aus der Welt planen. Ein „stichhaltiges Sicherheitskonzept“ habe man doch gehabt, sagte er. Als habe sich die fehlende Stichhaltigkeit nicht gerade auf tödliche Weise gezeigt.
Adolf Sauerland ist kein Zyniker, sicher trauert er ehrlich. Er hat nur funktioniert – als Teil einer Welt, in der das Diktat der Machbarkeit herrscht, auch wenn es blind macht. Er ist vielen von uns sehr ähnlich.
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