Er ist tatsächlich nach Brüssel gekommen. Ist Julian Assange, der Wikileaks-Sprecher, etwa lebensmüde? Immerhin ist ein Killerkommando aus den USA hinter ihm her. So jedenfalls lautet eines der Gerüchte, die derzeit über den Australier kursieren. Assange werde von den US-Behörden gesucht und fürchte seine Verhaftung, lautet ein anderes.
Und das alles, weil Wikileaks, die Internetplattform, die geheime Dokumente von Staaten und Unternehmen veröffentlicht, möglicherweise in Besitz von Hunderttausenden brisanten Telegrammen ist. Die sollen "beinahe-kriminelle", aber nicht näher beschriebene Machenschaften von US-Botschaften in aller Welt belegen. Ob Assange wirklich gesucht wird, haben die USA bislang nicht verraten. Ob Wikileaks die Telegramme überhaupt hat, oder auch nur einen Teil davon, ist auch unklar.
Gestern tauchte Assange im Gebäude des Europaparlaments auf, um vor einer Gruppe von Liberalen und Demokraten über Meinungs- und Pressefreiheit zu reden. Über das, wofür er seit Jahren kämpft.
Assange wirkt wie ein Außerirdischer, schrieb ein Reporter des Magazins New Yorker kürzlich. Mit seinen weißen Haaren und hellen Augen, seinem bestimmten Auftreten und seiner tiefen, leisen Stimme scheine er der Menschheit eine tiefere Wahrheit übermitteln zu wollen. Aber der Außerirdische hat auch menschliche Züge: Er ist schusselig, vergisst Flugtickets zu kaufen oder zu bezahlen oder rechtzeitig zum Flughafen zu fahren. Oder vor der Abreise seine Wäsche aus dem Trockner zu holen.
Seit Jahren lebt Assange ohne festen Wohnsitz, reist durch die Welt und übernachtet bei Sympathisanten. Es ist die logische Fortsetzung seiner Kindheit, die er selbst als "ziemlich Tom Sawyer" beschreibt. Geboren 1971 im Nordosten Australiens, zog er mit seiner Mutter und deren Lebensabschnittsgefährten innerhalb von nur 14 Jahren 37-mal um. Vor dem letzten Mann flohen er und seine Mutter irgendwann sogar. Auf dieser Flucht brachte sich Assange das Programmieren und das Hacken von Computern bei.
Bald darauf hackte er sich in die Netze des Pentagons und anderer Behörden. Als er 20 und Vater eines Sohns war, wurde er verhaftet. Es dauerte Jahre, bis ein Urteil gefällt wurde - und es fiel überraschend mild aus. Der Richter brummte Assange lediglich eine kleine Geldstrafe auf, weil er in den fremden Netzen keinerlei Schaden angerichtet habe. Ebenfalls jahrelang kämpfte er gegen die Behörden um das Sorgerecht für seinen Sohn und erreichte doch nur einen Kompromiss. In diesen Jahren wurde aus dem Hacker der Aktivist, der später Wikileaks gründete und damit bis heute sehr erfolgreich Behörden in aller Welt ärgert.

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
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