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10. September 2013

IOC-Präsident Thomas Bach: Im Politbüro des Sports

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Thomas Bach (l,) wurde als neunter Präsident der 119-jährigen IOC-Geschichte zum Nachfolger des scheidenden Belgiers Jacques Rogge gewählt.  Foto: afp

Seit mehr als 100 Jahren lenkt ein elitärer Zirkel des IOC die Entwicklung des Sports. Thomas Bach, der neu gewählte IOC-Präsident, steckt tief in diesen verkrusteten Strukturen.

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Seit mehr als 100 Jahren lenkt ein elitärer Zirkel des IOC die Entwicklung des Sports. Thomas Bach, der neu gewählte IOC-Präsident, steckt tief in diesen verkrusteten Strukturen.

Als Pierre de Coubertin Ende des 19. Jahrhunderts die Olympischen Spiele der Moderne erfand, schuf er als Erstes einen elitären Kreis von vermeintlich in der Gesellschaft hochgeachteter Persönlichkeiten – das Internationale Olympische Komitee. Wer hochgeachtet war, bestimmte der französische Baron höchst selbst. Ihm allein war es zunächst vorbehalten zu bestimmen, wer über die hehren Ziele des Olympismus wachen durfte.

Diese absolutistische Macht hat der neu gewählte IOC-Präsident Thomas Bach nicht mehr. In einer Welt, die seit 1896, dem Jahr der ersten Olympischen Spiele mehrfach aus den Fugen geriet, bestimmt immer noch ein elitärer Zirkel aus sehr vielen Männern und wenigen Frauen, welche Richtung die olympische Bewegung nimmt. Wer die Weltregierung des Sports wohlwollend betrachtet, wird das auf 115 Männer und Frauen begrenzte Komitee als Stabilitätsfaktor betrachten, in der der Sport entsprechend der Olympischen Charta ein Hort des Friedens, der Völkerverständigung und der Fairness ist oder noch werden soll.

Wer sich allerdings am Wandel der Welt orientiert, emanzipatorische Bestrebungen oder den ungebrochenen Drang zu mehr Freiheit und Demokratie in weiten Teilen der Welt zum Vorbild nimmt, der kann nicht umhin, das IOC als das zu bezeichnen, was es ist – das Politbüro des Sports. Die Nomenklatura auf dem Olymp schließt die Hälfte der 201 bei den Vereinten Nationen registrierten Länder von einer Repräsentanz aus.

Mehr Demokratie wagen, das ist zugegeben der schwerste Brocken, den der Freidemokrat Bach über den Olympia-Berg zu wälzen hätte. Es käme einem Wunder gleich, wenn ausgerechnet das Ziehkind des Frankisten Juan Antonio Samaranch die Inzucht innerhalb des IOC beenden würde. Denn noch immer rekrutiert sich die olympische Elite nicht aus demokratischen Wahlen, sondern sie erneuert sich aus einem Kreis sehr oft dubioser Vorschläge heraus. Der Neuzeit-Nepotismus, der immer mehr Prinzen und Scheichs aus dem Nahen Osten sowie gut betuchte Bank- und Wirtschaftslobbyisten in das IOC spült, gehört auf den Müllhaufen der Geschichte. Immerhin, und daran hatte schon der junge Bach seinen Anteil, gibt es mittlerweile eine hörbare Stimme der Athleten im IOC.

Wenn das Internationale Olympische Komitee sich in über 100 Jahren auch als Institution nicht besonders reformfreudig zeigte, so hat sich die kommerzielle Bedeutung des olympischen Sports revolutioniert. Vor 50 Jahren hat die Vergabe der TV-Rechte an Olympischen Spielen zehn Millionen US-Dollar eingebracht. Der Erlös für die Spiele 2014 und 2016 ist auf sagenhafte vier Milliarden Dollar gestiegen. Unter dem wenig reformfreudigen Jacques Rogge haben sich die Rücklagen des IOC seit 2001 auf fast eine Milliarde Dollar erhöht und damit fast verzehnfacht.

Der IOC-Präsident ist Lenker eines Weltkonzerns. Führt Thomas Bach das Unternehmen zu noch mehr Gigantismus, zu noch engerer Verzahnung mit den großen Globalplayern, die als Sponsoren enge Geschäftspartner der Olympier sind? Gelingt es dem ehemaligen Fechter Bach, die richtige Balance zu finden, dass nicht die Marketingmaßnahmen von Bullettenbratern, Sportartikelherstellern und Telekommunikationskonzernen mehr das Antlitz der Spiele prägen als die Gesichter der Olympioniken? Der Werdegang des Wirtschaftsanwalts, seine engen, ganz speziellen Verbindungen zu den Neureichen Arabiens und seine politische Sozialisation in der Partei der grenzenlosen Marktliberalen, sprechen eher für ein Weiter-so. Zur Bigotterie des modernen Olympia gehört es auch, dass das IOC Milliarden an Werbeeinnahmen kassiert, es den Sportlern aber während der Spiele streng verboten ist, zu Hause Werbung zu machen.

So wie sich das IOC entgegen dem gigantischen kommerziellen Erfolg ja gerne als Gralshüter des angeblich so zweckfreien, fern jeder Ökonomie agierenden Sports geriert, so verschämt verstecken sich die Olympier auch gerne hinter dem Schild des Unpolitischen. Dabei sind die Entscheidungen über Austragungsorte höchst politische und auch bewusst gewollte Entscheidungen.

Bach gehörte zu den entschiedenen Verteidigern der Spiele im kommunistischen China. Über Sotschi, den Ort der Winterspiele 2014 im Reich des Post-Kommunisten und des homophoben Wladimir Putin, sind von dem Präsidialen auch noch keine klaren Worte zu hören gewesen. Das IOC macht sich mit jedem Zuschlag zum Genossen von Diktatoren, erschrickt im Konfliktfall dann über die Umarmung. Thomas Bach, das hat Peking gezeigt, ist ein Verfechter des Augen-zu-und-durch. Mehr Offenheit und Transparenz, statt Politik in Hinterzimmern und elitären Kreisen, brächten frischen Wind in die Olympische Bewegung. Ob der erste Deutsche an der Spitze des IOC die Kraft zum Pusten hat? Bach steckt zu tief drin, in den alten Strukturen. Mehr als ein paar Reförmchen werden in seiner ersten Amtszeit nicht herauskommen. Wenn überhaupt.

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